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Cassandra Schütt als Alice
Foto: Klaus Lefebvre

„Fünf Uhr, Zeit für den Tee“

24. November 2021

„Alice im Wunderland“ als Weihnachtsmusical am Theater Hagen – Oper in NRW 12/21

Am Ende haben es dann auch die Hummer noch geschafft: Sie bleiben am Leben und müssen nicht in die Suppe. „Sie spielen ja auch gar nicht so schlecht“, befindet die Rote (Herz-)Königin und zwinkert gönnerhaft in den Orchestergraben hinab, von wo das Publikum nur lange krebsrote Antennen aus dem Dunkel herausragen sieht. Und endlich bekommt sie für ihren Abschlussgag auch den verdienten Applaus. Ein ganzes Jahr hat das Ensemble darauf warten müssen, dass es sein Weihnachtsmusical „Alice im Wunderland“ vor Publikum zeigen kann. Die Generalprobe hatte Anfang November 2020 noch stattgefunden, die CD mit den Songs zum Stück war aufgenommen, bloß öffnen durfte das Theater Hagen nicht mehr – so viele Wochen lang, dass es endgültig zu spät war für das Weihnachtsmusical. Nun aber dürfen sie und das Ensemble ist, abgesehen von zwei kleineren Umbesetzungen, wieder vollständig am Start.

Die stehen gebliebene Zeit, wie auch Alice sie erlebt, als sie aus ihrer Welt ins Wunderland hinüberwechselt, ist für Regisseurin Anja Schöne zum zentralen Motiv der Erzählung geworden. Wie bei Lewis Carrolls Hutmacher, bei dem es ständig: „Fünf Uhr, Zeit für den Tee“, ist, sei auch unsere Zeit seit Ausbruch der Pandemie „aus den Fugen“ geraten, sagt Schöne. Alle haben eine nie dagewesene Entschleunigung und auch Stillstand erfahren. In dieser Erfahrung sind übrigens die Generationen vereint – wie üblicherweise auch im Publikum der Hagener Weihnachtsmusicals. „Es gibt Familien, die kommen seit Jahrzehnten jedes Jahr – auch noch im Erwachsenenalter und sogar ohne Kinder“, erzählt Andres Reukauf, der Komponist und Band-Leader der Produktion.

„Knallbunter Augenschmaus“

Für Reukauf ist es das elfte Musical, das er in Hagen auf die Bühne gebracht hat. Die Tradition, das Weihnachtsmärchen mit einer Live-Band und eigenen Songs, die es so nur in Hagen zu hören gibt, aufzuführen, ist sogar noch weitaus älter. Reukauf, der sowohl als Jazz- als auch als klassischer Musiker ausgebildet ist, übernahm den Job als er noch fest angestellter Solorepetitor in Hagen war. Und obwohl er sich bald darauf als Arrangeur und Komponist selbstständig machte, blieb ihm das Theater Hagen treu, sogar über den Wechsel des Intendanten hinweg.

Der Bandleader und seine Musiker kommen üblicherweise aus der Jazz-Szene – und das hört man auch deutlich. Komplexe Harmonien und funkige Grooves paart Reukauf geschickt mit eingängigen Melodien, die Kinder und Eltern gleichermaßen ansprechen. Unterdessen sorgt die Künstlerin Sabine Kreiter für den knallbunten Augenschmaus im Bühnenbild und bei den Kostümen. Die besonderen Abstandsregeln wegen der Coronapandemie haben ihren Einfallsreichtum dieses Mal sogar besonders beflügelt. Durch geschickt gestaffelte Ebenen und gut gewählte Perspektiven werden die Abstände zwischen den Darstellerinnen und Darstellern weitgehend kaschiert.

„Mit Liebe und Gesange hält man die Welt in Gange“, hat der Autor der Alice-Erzählung Lewis Carroll einmal gesagt. Für das Hagener Produktionsteam ist es dieses Jahr zum grundlegenden Motto geworden. Nach einem Jahr Zwangspause ist die Liebe zum Stück wie zum Publikum in jedem Fall noch gewachsen.

Alice im Wunderland | 4. & 19.12. 11 Uhr, 5. & 12.12., 11, 14 & 17 Uhr | Theater Hagen | 02331 207 32 18

Karsten Mark

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