Dieses Missverständnis räumt Ulrike Herrmann als Erstes aus. Eine Kritikerin des Kapitalismus sei die taz-Journalistin nicht. Schließlich habe die Marktökonomie historisch betrachtet Dynamik und Wohlstand gebracht, so Herrmann: „Wir alle haben vom Wachstum profitiert.“ Trotzdem plädiert sie in ihrem aktuellen Buch „Das Ende des Kapitalismus“ für wirtschaftliche Alternativen, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Auch bei ihrem Auftritt in der Dortmunder Buchhandlung „transfer. bücher und medien“ ging es um die Unvereinbarkeit von Wachstum und Klimaschutz. „Die Klimakrise ist die andere Seite des Kapitalismus“, sagt Hermann.
Kein grünes Wachstum
Der Verbrauch an Ressourcen und der Ausstoß von CO2 sei einfach zu hoch – alleine in der Bundesrepublik. „Deutschland tut so, als könnte es drei Planeten verbrauchen.“ Andere Länder wie der Ölstaat Katar verschlängen gleich 22 Planeten. Derzeit seien vor allem zwei Konzepte in der Diskussion, um den Klimakollaps abzuwenden: grünes Wachstum und Degrowth. Beide Modelle seien indes keine Lösung. Denn grüne Energie reiche nicht aus, um alle zu versorgen, zudem kämen logistische Hürden hinzu. Postwachstumtheorien seien unzureichend, da sie keinen Übergang von der alten zu einer neuen Wirtschaftsweise aufzeigen.
Mit ihrem Buch lanciere Herrmann dagegen eine dritte, eine Minderheitenposition. Ihre Lösung: die britische Kriegswirtschaft ab 1939. „Man hat die Zivilwirtschaft geschrumpft, um Kapazitäten freizumachen“, erklärt Herrmann. Das Ergebnis war eine „private, demokratische Planwirtschaft“, die von derjenigen stalinistischer Prägung abwich. Zwar wurde die zivile Produktion zugunsten von Militärgütern zurückgefahren, aber es gebe eine Koinzidenz zum Kapitalozän, wie die Ökonomin argumentiert: „In der Klimakrise gibt es eine Analogie zum Krieg, die oft übersehen wird: Auch für Reiche gibt es keinen sicheren Ort.“
Über Wasser wird nicht diskutiert
Ohnehin sei die Lebensweise der Reichen nicht vereinbar mit der ökologischen Herausforderung, wie Herrmann nahelegt: „Die Reichen imitieren 20-mal so viel wie die untere Hälfte.“ Die Konsequenz: Verzicht. So komme für Herrmann die britische Kriegswirtschaft ins Spiel, da sie Rationierung bedeute. Die sei erforderlich, um wirtschaftlich der Klimakrise zu begegnen: „Rationierung ist der einzige Weg, um die Reichen daran zu beteiligen.“
In nicht allzu ferner Zukunft gelte das auch für Deutschland. Herrmann prognostiziert mit Blick auf zunehmende Dürren, welches Gut zuerst einer Rationierung unterliegen werde: Wasser. Angesichts des Mangels werde nicht breit diskutiert, ob Wasser der Wirtschaft oder den Privathaushalten zur Verfügung zu stellten sei: „Marktmechanismen interessieren dann keinen mehr.“
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