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Treibgut-AutorenJohannes Till Opfermann, Sebastian23 und Julia Piel
Fotos: Treibgut/Marek Firlej

Treibgut aus Pandoras Büchse

24. Januar 2013

Studentische Literaturgruppe feiert 10Jähriges mit Anthologie – Literatur Portrait 02/13

Es ist keine Seltenheit, dass sich (nicht nur) junge Leute zu Literaturzirkeln zusammenschließen, doch nur wenige existieren über einen längeren Zeitraum. Umso erstaunlicher, dass die an der Bochumer Ruhr-Universität angesiedelte Gruppe „Treibgut“ mittlerweile ihr zehnjähriges Bestehen feiern kann. Schließlich bringt allein der reguläre Studienbetrieb einen regen Wechsel mit sich und macht kontinuierliche Arbeit nicht gerade leicht. „Die Zusammensetzung der Gruppe hat sich seit der Gründung im Sommersemester 2002 natürlich stark gewandelt, zumal sich seit der Einführung des Bachelor die durchschnittliche Studiendauer stark verkürzt hat“ erläutert Ulrich Schröder, der als einziges Gründungmitglied noch in der Gruppe aktiv ist. Aber „im Gegensatz zum Internationalen Videofestival, das 2012 erstmals nicht stattfinden konnte, ist es uns trotz des Kreditpunkte-Terrors als Folge gestufter Studiengänge gelungen, die Zahl der Aktiven nicht nur zu halten, sondern sogar zu vergrößern.“ Schröder ist sich daher sicher, dass Treibgut auch künftig fester Bestandteil der Campus-Kultur bleiben wird. Der Beginn der Gruppe gestaltete sich vergleichsweise prosaisch, wie Denise Schynol zu berichten weiß: „Noch recht frisch an der Uni, hatte ich – inspiriert von einem Seminar über Pop-Literatur – damals die vage Vorstellung von Lesungen mit entsprechenden Autorinnen und Autoren. Völlig naiv hängte ich Zettel aus, um Gleichgesinnte zu finden.“ Das eigene Schreiben stand für Denise Schynol also zunächst gar nicht im Vordergrund. Doch auf den Aushang hin „sprach mich Oliver Uschmann vom FR Germanistik an. Wir zwei und ein paar weitere Interessierte trafen uns kurze Zeit später in einem Eiscafé im Uni-Center und gründeten dort die Literaturinitiative Treibgut.“ Nahezu umgehend wurde die Literaturreihe „Gestrandet – Literatur aus dem verschollenen Leben“ geplant. Auf die Gästeliste, die Namen wie Frank Goosen, Matthias Schamp, Linus Volkmann, Michael Weins, Jörg Albrecht oder Kirsten Fuchs umfasst, ist Schynol zu Recht stolz. Dabei bot „Gestrandet“ auch immer wieder den Autorinnen und Autoren der Initiative selbst ein Forum sowie in den Anfangsjahren auch ein Open Mike für Gäste.

Apokalyptische Writer
Oliver Uschmann als wohl bekanntestes Mitglied hat sich mit dem Erschaffen seines „Hartmut und Ich“-Universums aus dem aktiven Kreis zurückgezogen, bleibt der Gruppe aber trotz seines Erfolges verbunden. Denise Schynol hat im Anschluss an ihre Treibgut-Zeit eine Zeitlang im Alleingang die popliterarische Reihe „Lauscher“ im Dortmunder FZW veranstaltet und dort noch eine stärkere Umarmung von Literatur und Popmusik angestrebt. Doch „mein Umzug nach Köln vor gut zwei Jahren und mein Job haben mir immer weniger Zeit gelassen, um mich in dem Maße mit Künstlerakquise, Organisation und vor allem PR für die Lesungen zu beschäftigen, wie ich es gerne wollte“, so dass Schynol schweren Herzens die Lesereihe einstellen musste. „Momentan würde ich gerne wieder mehr schreiben. Zeit hat man ja nie dafür. Aber die werde ich mir dann einfach mal nehmen!“ Zur aktuellen Anthologie steuerte sie mit Freuden einen Text bei. „Mit dem jetzt erschienenen Band veröffentlicht die Initiative nun schon das dritte Buch, und ich freue mich sehr, dass Treibgut immer noch so munter und aktiv ist – und das seit über zehn Jahren!“ Ulrich Schröder nimmt den Faden gerne auf und beschreibt die neue Anthologie: „Das Buch enthält 55 Texte von 28 teils prominenten, teils noch wenig bekannten jungen Autorinnen und Autoren aus NRW – darunter Sebastian23 und Oliver Uschmann. Die Texte sind verschiedenen Gattungen zuzuordnen und setzen sich – passend zum herannahenden Ende das Maya-Kalenders – mit dem endzeitlichen Pandora-Mythos auseinander: In drei Abschnitten, die an drei Posaunen der apokalyptischen Reiter (Krankheit, Krieg, Tod) angelehnt sind, entwickeln sie zudem einen oftmals satirischen Bezug zum krisenhaften Zeitgeschehen, das in durchgängig hoher Qualität literarisch gespiegelt wird.“ Als Mitherausgeber ist er natürlich verpflichtet, dem Buch diese hohe Qualität zu attestieren, der kritische Leser hingegen vermag durchaus qualitative Schwankungen auszumachen. Unterm Strich ist eine gelungene Mischung entstanden, die der Zielsetzung der Initiative entspricht, eine Brücke zwischen etablierten Künstlern und noch unbekannten Talenten zu schlagen. „Treibgut schließt eine Lücke für diejenigen, die ihre eigenen Texte mit anderen Autoren und einem Publikum teilen möchten, die sich aber schlecht für Poetry Slam-Veranstaltungen eignen. Nicht jeder Text lässt sich in sieben Minuten erzählen oder will vor allem witzig sein und nach dem Applauspegel bewertet werden. Das Miteinander ist Treibgut wichtiger als der Wettbewerb – Kollektiv geht vor Konkurrenz.“

Nach dem Weltuntergang
Und so sieht Ulrich Schröder auch noch lange kein Ende der Gruppe. Für Neuerungen bleibt allerdings auch im bewährten Konzept noch Platz: „Aufgrund zahlreicher Anfragen für unsere Offene Bühne und teils überlanger Veranstaltungen wollen wir nach drei Semestern ohne Open Stage im kommenden Sommersemester einen Neuanfang mit leicht verändertem Konzept wagen. Durch kürzere Slots und eine bessere Mischung von Lesebühnen-Literatur und Livemusik mit literarischen Texten wollen wir den Spannungsbogen unser Veranstaltungen optimieren.“ Eine überregionale Lesereise zur Anthologie ist ebenfalls geplant. Schließlich beschränkt sich die Unterstützung der Textsammlung nicht nur auf das Akafö-Kulturbüro boskop und das KulturCafé der Uni, sondern auch das Kulturbüro der Stadt Bochum, die Kunststiftung NRW und das Westfälische Literaturbüro in Unna haben zum Gelingen beigetragen. Am 28. Februar wird Pandoras Büchse im Bochumer Café Zacher geöffnet.

„Treibgut – Pandoras Büchsenöffner“ | Europäischer Universitätsverlag | 231 S., 9,90 € Buchpräsentation mit Matthias Schamp, Carsten Marc Pfeffer u.a. (Musik: Volker Wendland) | Do 28.2., 20 Uhr

Frank Schorneck

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