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Architekt interkultureller Brücken: Mevlüt Asar
Foto: Ulrich Schröder

Das Ruhrgebiet im Spiegel der Migration

14. Dezember 2015

Werkschau des deutsch-türkischen Autors Mevlüt Asar - Literatur 12/15

Wie kaum ein anderer im Ruhrgebiet baut der 1953 in Konya geborene Schriftsteller, Lehrer und Übersetzer seit über 35 Jahren literarische Brücken zwischen den Kulturen: In seiner zum Teil zweisprachig publizierten Prosa und Lyrik setzt sich Mevlüt Asar zum einen mit dem autoritären Regime in der Türkei auseinander, wo er in der Hauptstadt Ankara Politikwissenschaften studierte und dort politisch von der brutal unterdrückten Studentenbewegung geprägt wurde, bevor er 1977 mit seiner Frau nach Deutschland ging. Bis 1980 studierte er in Köln Deutsch als Fremdsprache und ließ sich schließlich in Duisburg nieder – eine Stadt, die ihn besonders zum interkulturellen Brückenschlag reizte und wo er nach dem Tod seines Autorenkollegen Fakir Baykurt 1999 die Leitung des nach diesem benannten Literaturcafés in der Duisburger Innenstadt übernahm.

Richtig los ging alles mit einer Adler-Schreibmaschine, die sich Mevlüt Asar von jenen 100 Mark kaufte, die er 1984 bei einem Literaturwettbewerb der Stadtbibliothek Duisburg gewonnen hatte –  obwohl er bis heute eigentlich nicht viel von solchen Wettbewerben hält, sandte er einen deutschsprachigen Beitrag ein, der prompt als Text des Monats gekürt wurde. „Die deutsche Sprache ist wie ein Ozean“, pointiert Asar poetisch die Fallstricke der fremden Zunge: Obwohl er inzwischen schwimmen gelernt hat, müsse er auch heute noch ab und zu „einen Schluck salziges Wasser trinken“.

Doch die Schwierigkeiten der Migration sind nicht nur von sprachlichen Klippen geprägt: „Alles, was ich veröffentlicht habe, hängt mit Fremdsein und Migration zusammen“, bilanziert Mevlüt Asar, der mit Mitte 20 ohne Deutschkenntnisse den Migrationsschritt wagte. In seinem Werk schildert er emotional eingängig quälende Phänomen der Entfremdung fernab der ursprünglichen Heimat – so auch in der Erzählung „Die Suche nach dem Meer“, wo sich die emotionale Zerrissenheit eines Pärchens auf der Reise an die Nordsee widerspiegelt. Das „Meer der Fremden“ lässt die Wärme der heimatlichen mediterranen Umwelt gänzlich vermissen, der beide von klein auf „ihre Seele gewidmet“ haben. Bei der Rückfahrt durch Orte, deren fremde Namen „das Gefühl der Fremdheit zum Äußersten treiben“, herrscht bitteres Schweigen. Nur die nicht an einen kulturellen Kontext gebundene kosmische Natur spendet dem Protagonisten Trost, als dieser die Venus am Nachthimmel erblickt.

Ein weiteres zentrales Thema des Autors, der sich seit seiner Pensionierung vor einem Jahr verstärkt dem Schreiben widmen kann, ist der „Schmerz im Herzen“ angesichts sozialer Härten, die oft gerade Migranten treffen. Atmosphärisch verdichtet skizziert Asar in seinem lyrischen Werk zudem die zuweilen unheimliche Industrie-Kulisse der Region. Ein „kranker Atem riesiger Fabriken“ liegt über der Stadt, die das lyrische Ich im Gedicht „Abend in Duisburg“ durchwandert und erschüttert ist von der sichtbaren Obdachlosigkeit als Folge sozialer Kälte. Diese manifestiert sich auch in einem Paris-Gedicht über Arbeitsmigranten in der „noch nach Revolution riechenden“ Stadt, die beim Entmüllen der morgendlich erwachenden Metropole gleichsam „ihr Schicksal abzuwischen“ scheinen.

Der „Kampf um Anerkennung der Herkunftskultur“, so bringt es einer der rund zwanzig interessierten Gäste bei der anschließenden Diskussion auf den Punkt, nimmt einen hohen Stellenwert in Mevlüt Asars Werk ein. Die 80er und 90er seien die besten Jahrzehnte auf diesem Weg gewesen, während die Zeiten in den letzten Jahren wieder härter würden und einmal Erkämpftes – wie etwa Türkisch-Unterricht an Schulen – wieder infrage gestellt würde. Eine Erziehung an Islamschulen dagegen hält Asar, dessen Lesung vom Alevitischen Kulturverein Alevi Bektasi Gelsenkirchen unterstützt wird, für falsch – die deutschen Behörden hätten diesbezüglich zu lange Augen und Ohren vor den mit einer stark religiös orientierten Pädagogik verbundenen Problemen verschlossen.

Als Pioniere der Interkulturalität betrachtet der Autor die Arbeitsmigranten der ersten Generation, für die der Brückenschlag zwischen den Kulturen zugleich ein enormes Maß an Selbsterfahrung bedeutet habe. Dies kommt etwa in seinem Prosa-Portrait der Arbeitsmigrantin Leyla zum Ausdruck, deren unfallbedingt arbeitsunfähiger Ehemann lernen muss, dass seine Frau fortan die Familie versorgt. Leyla selbst wiederum muss nach einem Kollaps während der Arbeit die schmerzhafte Erfahrung verinnerlichen, dass sie sich nicht komplett selbst aufgeben und dem vermeintlichen Zwang zur Akkordarbeit gänzlich unterwerfen darf. Der Moment des körperlichen Zusammenbruchs jedoch bringt sie ihrer deutschen Kollegin Jutta näher, deren emotionale Erstarrung gegenüber Leyla sich plötzlich in „Wärme einer unauslöschlichen (…) Liebesglut“ verwandelt.

Obwohl Asar nach seiner Pensionierung viel Zeit in der Türkei verbringt, zieht er gemeinsam mit seiner Frau insgesamt eine positive Bilanz: „Wir fühlen uns wohl im Ruhrgebiet“, konstatiert er, bevor er noch einige Gedichte zu Gehör bringt, die bald auch unter dem Titel „Lyrik und Hoffnung“ in Buchform erscheinen werden. Als Mevlüt Asar in einem der Texte Max Frisch zitiert, wird es einen Augenblick lang ganz still unter den rund zwanzig Besuchern der Lesung in der Gelsenkirchener Flora: „Wir haben Arbeitskräfte gerufen – und es sind Menschen gekommen.“

Ulrich Schröder

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