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Winfried Gellner und Heidrun Grote
Foto: Lengfeld'sche Buchhandlung

Große Entdeckungen

14. Oktober 2020

Wie man vergessene Autorinnen wieder ans Licht bringt – Textwelten 10/20

Neuerscheinugen genießen über einen kurzen Zeitraum hinweg die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Mit jedem neuen Titel vergrößert sich das Reich der Literatur. Aber während es sich hier weitet, rollt es sich keineswegs an anderer Stelle wieder auf. Literatur, die vor 50 oder 100 Jahren geschrieben wurde, muss nichts an Qualität eingebüßt haben. Navigation ist gefordert, vor allem dort, wo es darum geht, die Literatur von Frauen einer Leserschaft zugänglich zu machen. „Die Wiederkehr der verschwundenen Worte“ nennt sich die seit mehr als zehn Jahren veranstaltete Lesereihe von Winfried Gellner und Heidrun Grote. Mit der Buchhandlung Klaus Bittner, dem Anderen Buchladen in der Südstadt und vor allem der Lengfeld‘schen Buchhandlung gastierten die beiden über 35 Mal an einigen der interessantesten Orte, die Köln literarisch zu bieten hat. Im Untertitel „Autorinnen des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt“ umreißt die Lesereihe gleich auch ihr Programm.

Mit der Belgierin Madelaine Bourdoux und deren sinnlich aufgeladener Prosa startete die Reihe. Später folgten Autorinnen wie Milena Jesenská, Martha Gellhorn oder Veza Canetti, deren Namen in der Literaturgeschichte auf nicht immer glückliche Weise mit denen ihrer Lebensgefährten Franz Kafka, Ernest Hemingway oder Elias Canetti verbunden waren. Die Werke der Amerikanerinnen Eudora Welty oder Edith Wharton stellten die beiden ebenso vor, wie die luziden Erzählungen der Irin Maeve Brennan. Eine große Überraschung stellten die wunderbar ironischen Erzählungen der Schweizerin Stephanie Corinna Bille dar.

Heidrun Grote bringt ihre Erfahrungen als Schauspielerin und Sprecherin ein. Ihr gelingt es immer wieder genau jene Passagen in einem Roman zu finden, die Literatur in lebendige, vielstimmige Szenen verwandeln. Winfried Gellner, Literaturwissenschaftler und als Referent im Kulturamt über viele Jahre ein essenzieller Unterstützer der Freien Kulturszene in Köln, fächert den biografischen Hintergrund der Autorinnen auf. Inzwischen ist die Reihe so beliebt, „dass wir immer wieder Empfehlungen von Menschen bekommen, die von unseren Lesungen gehört haben“. Auch die Verlage halten einen Dialog mit den beiden, wenn es darum geht, Autorinnen dem Vergessen durch Neuauflagen zu entreißen. Denn die Texte der Autorinnen sollen greifbar sein, ohne dass zuvor die Antiquariate durchstöbert werden müssten.

Wer kennt schon Zora Neale Hurston und ihren Roman „Vor ihren Augen sahen sie Gott“, von der Nobelpreisträgerin Toni Morrison sagt, sie sei „eine der größten Schriftstellerinnen unserer Zeit“? 1937 wurde der Roman, der von einer dramatischen Liebesgeschichte erzählt, geschrieben. Dass Neale Hurston eine schwarze Autorin war, mag hierzulande dazu beigetragen haben, dass ihr Name wenigen bekannt ist. Tatsächlich trifft das Vergessen die Frauen aber auch härter als die Männer, weil viele ihrer Lebensläufe Brüche aufweisen. Die Sorge um Kinder, Familie, prekäre finanzielle Verhältnisse oder einfach das Zutrauen in die eigene Kunst, das mitunter verloren gegangen ist, spielt dabei eine Rolle. Gellner und Grote machen aber auch einfach Lust darauf, wieder Marlen Haushofers legendären Roman „Die Wand“ oder die unsagbar spannenden Romane der schottisch-jüdischen Muriel Spark wieder zu lesen.

Als nächste Kandidatin steht mit Mascha Kaléko eine der zugänglichsten Lyrikerinnen deutscher Sprache auf der Liste der beiden. In der Woche der unabhängigen Buchhandlungen vom 31.10. bis 7.11. werden die Lesungen in der Lengfeld‘schen und im Anderen Buchladen stattfinden.

Thomas Linden

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