Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 1 2 3

12.200 Beiträge zu
3.600 Filmen im Forum

Konzertagent Thomas Matiszik
Foto: Sarah Heilbrunner

Stayin‘ Alive

22. Dezember 2016

Thomas Matiszik lässt zu den Klängen der Bee Gees morden – Literatur-Portrait 01/17

Eine blutige Spur zieht sich durch die Veranstaltungsstätten des Ruhrgebietes, seitdem Thomas Matiszik seinen Debütroman „Karlchen“ veröffentlicht hat: In Buchhandlungen ebenso wie auf Kleinkunstbühnen oder beim renommierten Festival „Mord am Hellweg“ sorgt die Story um den Mörder mit dem verniedlichenden Namen, der seine Gräueltaten mit der Musik der Bee Gees untermalt, für Gänsehaut. Eine ungewöhnliche Dichte an Lesungsterminen für einen Debütanten. Grund genug, sich mit dem Autor näher zu beschäftigen. 1967 in Recklinghausen geboren, wuchs Matiszik in Oer-Erkenschwick auf, wo sich wichtige Phasen seiner Jugend im Dreieck zwischen Stirnbergstadion, Freibad am Stimbergpark und Gewerkschaftsheim abspielten. „Noch Ende der 1970er Jahre konnte man im Stirnbergstadion Zweitliga-Fußball sehen“, erinnert sich Matiszik noch gerne daran, wie „die Spvgg. Erkenschwick gegen Bayer Leverkusen und die Mannen um Gisbert Horsthemke und Didi Draheim auch einmal mit 4:1 gewannen.“ Im Freibad war es der 10-Meter-Turm und im Gewerkschaftsheim die Disco, die bei der Annäherung an das andere Geschlecht behilflich waren.

Mit zunehmendem Alter erweiterte der Heranwachsende seinen Horizont in Richtung Recklinghausen. Die musische Ader trat in der Theater-AG und wechselnden Bandprojekten zutage. 15 Semester Lehramtsstudium an der Ruhr-Uni Bochum führten ihn jedoch nicht ins Klassenzimmer, sondern in die Studios von 1Live und WDR2. Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet er als freier Konzertagent in Bochum und hat Bands wie Reamonn, die H-Blockx oder auch Hollywood-Star Kevin Costner betreut. Die Erfahrung als Booker öffnet ihm nun die Türen zu so mancher Veranstaltung: „Ich habe die Lesungen alle in Eigenregie gebucht und dabei natürlich meine Kontakte spielen lassen. Viele sind aber auch auf mich zugekommen, ohne dass sie mich kannten. Das Buchcover hat sehr viele Menschen sehr neugierig gemacht. Auf das Cover bin ich besonders stolz.“

Doch wie kam der Musiker und Konzertagent überhaupt auf die Idee, einen Roman zu schreiben? „Ein alter Schulkollege hat mich in den Weihnachtsferien 2013 besucht und mir sein erstes Buch mitgebracht, einen Erotik-Roman namens ‚Hingabe‘. Ich kann rückblickend nicht sagen, ob das für mich die Initialzündung war. Ein paar Tage später fing ich jedenfalls an, ‚Karlchen‘ zu schreiben.“ Dass es ein Thriller werden sollte, war schnell klar, schließlich fühlt er sich in diesem Genre zwischen Stephen King und Jussi Adler-Olsen auch als Leser zuhause. Die Frage nach seinen literarischen Vorbildern wiederum beantwortet der Autor ausweichend: „Vorbilder ist vielleicht der falsche Begriff, weil ich ja nie wirklich die Intention hatte, ein Buch zu schreiben. Als ich dann aber schrieb, hatte ich durchaus das eine oder andere Buch, den einen oder anderen Film im Kopf, die für ‚Karlchen‘, wenn man so will, Pate standen. Das merkt man aber – glaube ich zumindest – wenn man den Roman liest.“

Mitten in die Fresse!

Sehr präsent und nicht zu leugnen ist allerdings die Rolle des Ruhrgebietes, das weit mehr bietet als industriekulturelle Schauplätze, sondern dem Roman auch sprachlich seinen Stempel aufgedrückt hat. „Das Ruhrgebiet hat mich allein schon deshalb extrem geprägt, weil ich in einer waschechten Bergarbeiterfamilie aufgewachsen bin“, erläutert Matiszik, „Ehrlich, direkt, humorvoll – so war vor allem mein Vater. So bin ich, denke ich, auch. Gut, mein Humor ist vielleicht noch ’ne Ecke schwärzer, aber auch das hat sicher seinen Ursprung im Pott. Vermutlich hätte ich meinen Roman auch geschrieben, wenn ich in Hamburg, Berlin oder Bayern aufgewachsen wäre… Aber die Sprache wäre definitiv eine andere – nicht so ‚in die Fresse‘!“ Neben der Sprache sind es auch vertraute Orte, die sich zwischen den Buchdeckeln wiederfinden: „Das Drübbelken in Recklinghausen war damals, zu meiner Oberstufenzeit, die Stammkneipe meiner Clique. Die Kneipe spielt in dem Roman auch eine gewisse Rolle. Die Matrix bzw. der Rockpalast in Bochum nimmt auch eine wichtige Rolle in meinem Leben ein. Ich habe dort länger als DJ gearbeitet und viele Nächte verbracht.“ (Scheinbare) Idylle findet sich hingegen am Rande des Ruhrgebietes: „Die Haard hat in meiner Kindheit immer eine große Rolle gespielt, weil ich dort sehr oft mit meinem Vater und meinem Hund spazieren ging. Wenn ich heute dort bin, werde ich immer melancholisch, zum einen, weil sich die Uhr leider nicht zurückdrehen lässt, zum anderen, weil die Haard mittlerweile längst nicht mehr so schön ist wie damals.“

Morbus Meulengracht

Gerne gibt Matiszik Auskunft darüber, aus welchen Komponenten seine Romanfiguren zusammengesetzt sind. „Karl Ressler ist eine Mischung aus mehreren Charakteren, die mich im Laufe meines Lebens begleitet und geprägt haben: Mein ehemaliger Mathelehrer, ein Mitschüler, mit dem ich die Grundschule besucht hatte und der wegen seiner Ticks von allen anderen gemieden wurde. Und mein bayrischer Stubengenosse, der sich im Laufe der 15 Monate Bundeswehrzeit zu einem Arschloch allererster Kajüte entwickelte. In Peer Modrich, der anderen Hauptfigur in dem Roman, stecke ein Stückweit ich selbst... Morbus Meulengracht sei Dank.“ So verrät Matiszik ganz nebenbei, wie er darauf gekommen ist, seinen Ermittler mit einer exotisch klingenden Krankheit auszustatten, die zu diversen Anfällen und vor allem zu heftigem Kater führt. „Ist nix schlimmes“, wiegelt er allerdings schnell ab.

Im Laufschritt zum Verlagsvertrag

Mit großer Begeisterung schwärmt Matiszik von seinem Verlag. Kein Wunder, wenn man hört, wie es zur Veröffentlichung kam: „Nachdem ich diverse Absagen von anderen Verlagen bekommen und langsam den Mut verloren hatte, war ich kurz vor Weihnachten 2015 unterwegs. Das bedeutet in dem Fall: Ich frönte einem meiner weiteren Hobbies, dem Laufen. Und wie der Deibel so will, bin ich an dem Morgen eine andere Strecke gelaufen, die mich doch tatsächlich in die Straße führte, wo der OCM-Verlag seinen Sitz hat. Ich überlegte kurz, einfach reinzugehen und mich vorzustellen, entschloss mich aber aufgrund meiner klatschnassen und muffelnden Laufsachen dagegen und rief den Geschäftsführer Georg Nies am gleichen Abend an. Er interessierte sich sofort für die Geschichte, hatte am nächsten Tag eine Leseprobe im Account und eine Woche später den kompletten Roman. Anfang 2016 war dann klar: ‚Karlchen“ wird beim OCM-Verlag erscheinen. Die Vertragsunterzeichnung war für mich ein ganz besonderer Moment, weil mir plötzlich klar wurde, dass das Buch, das ich da geschrieben hatte, durchaus Menschen ansprechen könnte. Ich habe Georg Nies und seiner Frau Elke Neumann wirklich viel zu verdanken. Sie ließen ‚Karlchen‘ so wie er war und gaben mir immer das Gefühl, hinter mir zu stehen.“

Direkt und ehrlich

Dass der Roman Menschen anspricht, erfährt der Autor auf seiner Lesereise unmittelbar. „Die Bühnenerfahrung hilft mir bei den Lesungen sehr. Da ich in der Band den Part des Sängers innehabe, weiß ich vor allem, wie ich meine Stimme so benutze, dass sie ‚klingt‘ und so eine Lesung sehr kurzweilig werden lässt. Gut, das Buch ist jetzt sicher auch nicht ganz unspannend und hilft mir ebenfalls dabei“, wirft er schmunzelnd ein. „Die meisten meiner Lesungen waren bislang wirklich toll. Es ist unglaublich interessant zu sehen, wie die einzelnen Gäste auf die Passagen reagieren. Erst bei meiner letzten Lesung saß eine Dame in der ersten Reihe, für die ‚Karlchen‘ wohl eine Nummer zu brutal war. Ihr hätte ein Krimi über Steuerhinterziehung sicher besser in den Kram gepasst. Die Reaktionen sind in der Regel immer sehr direkt und ehrlich, das zeigt mir, dass mein Buch denLeser/Hörer erreicht. Das ist ein tolles Gefühl! Vergleichbar vielleicht mit einem Musiker, der einen Hit geschrieben hat, den plötzlich alle mitsingen.“Um in der Musiksprache zu bleiben: Ein zweites Album ist bereits in der Mache. „Ich bin mit Modrichs zweitem Fall quasi auf der Zielgeraden. Es wird, im Gegensatz zu ‚Karlchen‘, ein klassischer „Who-dunnit“-Krimi. Das Ermittlerteam wird dasselbe sein, die Beziehungen der Ermittler werden vertieft, die Probleme auch.“

Thomas Matiszik: Karlchen | OCM Verlag | 242 S. | 11,90 €

Termine: 13.1. Oer-Erkenschwick, Stadtbücherei | 14.1. Mühlheim, ev. Gemeindebücherei | 24.1. Dortmund, Stadt- und Landesbibliothek | 27.1. Herne, Literaturhaus | 29.1. Düsseldorf, Pitcher

FRANK SCHORNECK

Neue Kinofilme

Chaos im Netz

Lesen Sie dazu auch:

Vier Jahre im Versteck
Erich Hackl zeigt, dass es während der Nazizeit auch anders ging – Textwelten 01/19

Die Stadt hat Zukunft
Richard Sennett beschreibt die Lust an der „offenen Stadt“ – Textwelten 12/18

Von der Liebe im Neoliberalismus
Literatürk-Festival: Ivana Sajko mit „Liebesroman“ im Folkwang-Museum Essen – Literatur 11/18

Eine begnadete Unverschämtheit
Der neu gegründete Kampa Verlag präsentiert Simenon – Textwelten 11/18

Lesen gegen Verzweiflung
Das 14. internationale Literaturfestival Literatürk – das Besondere 11/18

Diebe, Banden, Mörder
Comics von der dunklen Seite der Menschheit – ComicKultur 10/18

Menschenmonster
Comics von den dunklen Seiten der Menschheit – ComicKultur 09/18

Literatur.