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Szenische Lesung im Partnerlook: Marie-Luise Marjan und Herbert Knorr
Foto: Ulrich Schröder

Nicht unerwartet fantastisch

26. Oktober 2017

Marie-Luise Marjan und Herbert Knorr begeistern in Unna – Lesezeichen 11/17

Bis zu ihrem 67. Lebensjahr suchte sie ihren Vater – um schließlich eine große Familie zu entdecken, deren Teil sie ist: Marie-Luise Marjan, die nach 32 Jahren Lindenstraße von Nicht-Familienmitgliedern gerne auch mal mit „Mutter Beimer“ angesprochen wird. Dies tat auch Herbert Knorr, der neben seinen Tätigkeiten als Leiter des Westfälischen Literaturbüros Unna sowie des internationalen Festivals „Mord am Hellweg“ selbst Krimi-Autor ist: Für die Präsentation seines bei Pendragon erschienenen jüngsten Werks mit dem Titel „Pumpernickelblut“ am 8.10. im Zentrum für Information und Bildung (ZIB) Unna konnte Knorr, wie er einleitend bemerkt, die „zweitbekannteste Deutsche nach Merkel“ gewinnen. Beim Kennenlernen zum Auftakt einer Zirkus-Gala hatte er sie spontan ebenfalls mit ihrem Lindenstraßen-Pseudonym angeredet...

Der gefeierten szenischen Lesung aus Knorrs Krimi ging zudem eine Führung durch das dort beheimatete „Zentrum für Internationale Lichtkunst“ voraus; insbesondere mit der begehbaren Installation „Die Signatur des Wortes“ (2001) von Joseph Kosuth wird eine multikünstlerische Brücke zur Literatur gebaut: In illuminierte Schrift umgesetzt wurde der ursprünglich von Heinrich Heine geringfügig modifizierte Beginn der biblischen Genesis. In Heines Version ist es nicht eine abstrakte Gottesinstanz, sondern jeder einzelne Mensch selbst, der aufgerufen ist, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, um die Welt zu gestalten.

Doch endet diese Welt nicht etwa an den Grenzen gesellschaftlicher Tabuzonen wie Alter und Tod – und so ist es sicherlich kein Zufall, dass Herbert Knorrs jüngster Krimi just an einem Platz spielt, wo Sein und Vergehen vielfach ineinander übergehen: im Altersheim einer südmünsterländischen Fantasiestadt namens Lippeneutrup. „Ich habe mir ’nen tollen Ort ausgemalt, wo ich vielleicht  selbst hin will, wenn ich mal nicht mehr kann“, beschreibt der Autor jenes umgebaute Rittergut irgendwo zwischen Dülmen, Dorsten und Haltern, das als Setting dient, keineswegs dystopisch. Das gleichwohl in „Pumpernickelblut“ leitmotivisch anklingende Thema Demenz steht hierbei auf einer durch die Krimi-Folie hindurchschimmernden Symbolebene für eine signifikante „Entgeistung der Zeit“.

Im Gegensatz zum vorletzten Knorr-Krimi „Schitt häppens“, der als „Ruhrgebietsgroteske“ samt dreistelliger Zahl von Toten daherkam, sind es in „Pumpernickelblut“ nur exakt drei Leichen, die den spannungsgeladenen Weg durch die ‚Seniorenresidenz‘ namens „Haus Maria Fröhlich Abendschein“ pflastern. Das Publikum in der vollbesetzten Säulenhalle unter dem ZIB mit ihrer sonoren Akustik ist begeistert, als Herbert Knorr in gewohnt satirischer Ruhri-Manier das wohldosierte Pumpernickel-Kunstblut durch die Krimi-Kulissen spritzen lässt und zusammen mit Marie-Luise Marjan die ProtagonistInnen des 480-Seiten-Wälzers lebendig werden lässt. Im Zentrum der Handlung steht die resolute, „in den Zeiten von Stalingrad“ aufgewachsene Residenzbewohnerin Else Erpenbeck; von der Kripo verschmäht, zieht sie die neue „Belegungsmanagerin“ der Residenz ins Vertrauen. Zwar hat die demente 84-Jährige „mehr Löcher im Kopp als 'n Bergwerksstollen“, doch führen die ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden das infernale Duo allmählich auf die Täterspur – und zugleich in höchste Gefahr...

Auch Marie-Luise Marjans eigene Ermittlungen auf der Suche nach den Spuren ihres im Luftkrieg umgekommenen Vaters werden an diesem Abend zum Thema, als sie im zweiten Teil der Lesung ihr autobiographisch geprägtes Buch „Ganz unerwartet anders“ (Lübbe 2015) vorstellt. Aber nicht allein die Biografie der Autorin steht hierbei im Fokus, sondern wird treffend in den übergreifenden zeitgeschichtlichen Kontext eingeordnet: „Meine Geschichte ist die Geschichte einer ganzen Generation.“ Nachdem sie nach drei Jahren in einem Waisenhaus von einem Hattinger Paar adoptiert worden war, musste die Schauspielschülerin nach dem Tod der liebevollen Pflegemutter bereits mit 16 lernen, im fernen Hamburg weitgehend auf eigenen Füßen zu stehen. „Gerade für ein adoptiertes Kind ist es wichtig, die Lücken in der Vergangenheit so weit wie möglich zu schließen und zu der eigenen holprigen Geschichte zu stehen“, bekennt Marjan. „Erst wenn man weiß, woher man kommt, weiß man auch, wer man ist.“ Zugleich schildert die Schauspielerin ihren Weg zum Erfolg und feiert ihren Beruf als Lebenselexir: „Ich darf mich nach wie vor als Schauspielerin immer wieder neu erfinden“ und „bewahre mir dabei die kindliche Spielfreude“. Mehr noch: „Ich habe auch keine Zeit, (…) alt zu werden“ – „ein gutes Lebensgefühl macht eben alterslos!“

ULRICH SCHRÖDER

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