Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 1 2 3

12.549 Beiträge zu
3.783 Filmen im Forum

Daniela Dröscher
Foto: Carolin Saage

Schlachtfeld Körper

03. Oktober 2022

„Lügen über meine Mutter“ von Daniela Dröscher – Klartext 10/22

„Eine dicke Frau ist automatisch eine faule Frau“ – ein wüstes Klischee, mit dem Daniela Dröscher ein für alle Mal aufräumt! In ihrem großartigen autofiktionalen Roman „Lügen über meine Mutter“ wagt die Autorin einen Rückblick in ihre eigene Kindheit. Wie der Titel schon nahelegt: Es geht nicht vorrangig um sie selbst, sondern eben um ihre Mutter – eine Frau, die sich tagein tagaus für die Familie abplagt, zurücksteckt und ihre eigenen Träume fahren lässt. Ihr Dank dafür sind die geringschätzigen Blicke und die bissigen Kommentare ihres Ehemannes über ihr Gewicht. Muss sie abnehmen? Er findet: Ja!

Das rheinländische Hunsrück in den 80ern: Ela, das sechsjährige Alter Ego Daniela Dröschers, ist ein aufgewecktes, fröhliches Mädchen, das die Mutter liebt und den Vater verehrt. Anfangs begreift sie nur vage, wie schief der Haussegen eigentlich hängt. Denn die Eltern streiten sich fast täglich. Der Vorwurf, der vonseiten des Vaters im Raum steht, ist das vermeintliche Übergewicht von Elas Mutter. Und das sei, meint er, der Grund für alles, was ihm versagt bleibt: die Beförderung, der soziale Aufstieg und die Anerkennung durch das soziale Umfeld im Dorf. Immer wieder verdonnert er seine Frau zu radikalen Diäten, die er streng überwacht. Was die Tochter aus ihren Kindesaugen nicht begreift – die Übergriffigkeit, die subtile Gewalt durch das kontinuierliche Gaslighting und die krasse Schikane des Vaters – reflektiert sie als Erwachsene in kurzen Kapiteln, die zwischen die Kindheitserzählung gestreut werden. Zugleich setzt sie sich auch kritisch mit ihrer eigenen Scham auseinander, denn durch die kontinuierliche Abwertung durch den Vater beginnt das Kind, die Mutter mit seinen Augen zu sehn.

Die elterliche Ehe ist ein einziges, langgestrecktes Drama. Und das Schlachtfeld, auf dem es ausgefochten wird, ist der Körper von Elas Mutter. Oft fragt man sich, wie diese resolute Frau die ständigen Demütigungen ertragen hat und vor allem: warum? Die Antwort darauf ist kompliziert und setzt sich aus vielen Faktoren zusammen, die Daniela Dröscher leichthändig auseinanderfaltet. Ihr Roman entfaltet sich vor der provinziellen Kulisse einer heilen Welt. Doch mit subtilem Humor enttarnt sie die toxischen Einwirkungen kleinbürgerlicher Ideale auf die Menschen. Dadurch wird „Lügen über meine Mutter“ nicht nur zur liebevollen Hommage an die starke titelgebende Frau, die sich mit inspirierendem Durchhaltevermögen und unglaublicher Aufopferungsbereitschaft nach und nach ihre Selbstbestimmung zurückerobert, sondern auch zur schonungslosen Gesellschaftsanalyse!

Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter | Kiepenheuer & Witsch Verlag | 448 S. | 24 €

Nathanael Brohammer

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Madame Web

Lesen Sie dazu auch:

Unschuldig bis zum Beweis der Schuld
„Der war’s“ von Juli Zeh und Elisa Hoven – Vorlesung 02/24

Verse der Intersektionalität
Audre Lorde-Workshop im Fritz Bauer Forum – Literatur 02/24

Das Drama der Frau um die 50
„So wie du mich willst“ von Camille Laurens – Textwelten 02/24

Das Beste zum Schluss?
Michael Kleeberg liest in Essen

Sprachen der Liebe
„So sagt man: Ich liebe dich“ von Marilyn Singer und Alette Straathof – Vorlesung 02/24

Umgang mit Krebserkrankungen
„Wie ist das mit dem Krebs?“ von Sarah Herlofsen und Dagmar Geisler – Vorlesung 01/24

Schlummern unterm Schnee
Alex Morss’ und Sean Taylors „Winterschlaf – Vom Überwintern der Tiere“ – Vorlesung 01/24

Am Küchentisch
„Kleiner Vogel Glück“ von Martin Mandler – Textwelten 01/24

Tanz in der Kunst
Sachbuch von Katharina de Andrade Ruiz – Literatur 01/24

Federknäuel im Tannenbaum
„Warum Weihnachtswunder manchmal ganz klein sind“ von Erhard Dietl – Vorlesung 12/23

Reichtum und Vielfalt
„Stärker als Wut“ von Stefanie Lohaus – Klartext 12/23

Glühender Zorn
„Die leeren Schränke“ von Annie Ernaux – Textwelten 12/23

Literatur.

Hier erscheint die Aufforderung!