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Jordan Scott
Foto: Andrew Zawacki

Die Sprache des Flusses

03. November 2021

Jordan Scotts aktuelles Kinderbuch „Ich bin wie der Fluss“ – Literatur 11/21

Wörter sind überall. Und alles ist Sprache. Für den Protagonisten des Buches „Ich bin wie der Fluss“ ist die Welt voller Laute. Er hört die Klänge um sich herum, doch selbst zu sprechen, fällt ihm schwer. Er stottert. Und wer kennt es nicht, dass sich Gedanken überschlagen, man so viele Dinge ausdrücken will, aber nicht weiß, wie oder wo man anfangen soll. Stottern ist eine Redeflussstörung. Man möchte etwas sagen, doch das Sprechorgan will nicht so recht. Es streikt. Blockaden, Wortwiederholungen und Lautdehnungen sind die Folge. Die Ursachen des Stotterns sind nicht ganz geklärt – viele verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle, wobei genetische Dispositionen es wahrscheinlicher machen, eine Redeflussstörung zu entwickeln. Davon betroffen ist auch Autor Jordan Scott. Seit Kindesbeinen stottert der kanadische Schriftsteller und schreibt nun über seine ganz persönlichen Erfahrungen und Herausforderungen im Umgang mit dem Stottern.

Der kleine Junge in Jordan Scotts „Ich bin wie der Fluss“ erklärt, wie es sich anfühlt, wenn man sprachlich eingeschränkt ist, besonders im sozialen Kontext. In der Schule möchte er am liebsten gar nichts sagen, um nicht ausgelacht zu werden. Er transportiert das daraus resultierende Gefühl von Isolation, das ihn wütend und traurig zugleich macht. Eines Tages, als sein Vater ihn von der Schule abholt, fahren die beiden an einen Fluss. Der Vater zeigt seinem Sohn, dass selbst das Gewässer nicht immer ruhig dahinfließt. Auch der Fluss kann manchmal ins Stocken geraten, wild schäumen und sprudeln, aber stehen bleiben tut er niemals. Er bleibt stets in Bewegung.

Die Geschichte trägt an dieser Stelle klare autobiografische Züge – denn diese kleine Begebenheit hat der Autor selbst in seiner Kindheit mit seinem Vater erlebt. Wie sehr ihn das geprägt hat, verrät er in seinem Nachwort: „Der Fluss hat einen Mund, eine Mündung. Er fließt. Er strömt dahin. Das ist seine natürliche Weise. Unaufhaltsam und geduldig bahnt er sich seinen Weg; auf ein Ziel hin, das größer ist als er selbst.“

Das Buch, gefüllt mit kunstvollen Illustrationen von Sydney Smith, ist bereits für Kinder ab fünf Jahren geeignet. Große Malereien zieren die Seiten und ziehen den Leser hinein in die Gefühlswelt des Protagonisten, in seine Gedanken und seine Wahrnehmung. Ungefähr in der Mitte des Buches lassen sich die Seiten jeweils links und rechts ausklappen, und eine wunderbare Bildebene öffnet sich. Vor dem Leser erstreckt sich die Wasserlandschaft des Flusses, in deren Mitte der Junge badet. Schließt man die Seiten wieder, betrachtet man eine Großansicht des Gesichtes des Jungen, der sich kurz vor einer Sprechsituation mit geschlossenen Augen an den Fluss erinnert, seine Energie und Eigenschaften spürt, um so die eigene Sprechhürde zu überwinden. Der Mut, den er aus dieser Erinnerung schöpft, hilft ihm dabei, sich der Situation zu stellen und frei vor seiner Klasse zu sprechen.

Ich bin wie der Fluss | Illustrationen von Sydney Smith | Aus dem Englischen von Bernadette Ott | Aladin Verlag | 44 S. | 18 €

Daphne Koch

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