Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28

12.557 Beiträge zu
3.787 Filmen im Forum

Die Lebensbilanz

29. November 2022

„Angabe der Person“ von Elfriede Jelinek – Klartext 12/22

Elfriede Jelinek, berüchtigt als „Nestbeschmutzerin“ wegen ihrer scharfen Kritik an ihrem Heimatland Österreich und dessen lückenhafter Erinnerungskultur, hat mit „Angabe der Person“ erneut eine furiose Abrechnung mit unserer Gesellschaft, ihrer Schuld und ihren Schulden vorgelegt.

Fluchtpunkt ihres neuen, sehr persönlichen Buchs, das sich wie viele ihrer letzten Texte nicht eindeutig in ein bestimmtes literarisches Gerne einordnen lässt, ist ein steuerliches Ermittlungsverfahren gegen sie selbst. Dieses wurde in der Realität mittlerweile längst eingestellt. Doch die aufwändige Auswertung selbst intimster E-Mails nahm Elfriede Jelinek zum Anlass, eine Rückschau auf ihr Leben zu unternehmen. Wem die Literaturnobelpreisträgerin bereits ein Begriff ist, kann sich ausmalen: Zimperlich geht sie nicht gerade vor! Mit unvergleichlicher Sprachgewalt, bei der jeder Satz den vorangegangenen unterläuft, wirft sie sich von ihrem privaten Finanzfall ausgehend in eine wilde, von Sarkasmus getränkte Reflexion über globale Kapitalströme.

Zugegebenermaßen: Es ist ein anspruchsvolles Unterfangen, den ungebändigten Assoziationsströmen zu folgen. Doch einmal drin, ist es quasi unmöglich, sich der rauschhaften Sprache zu entziehen. Die Autorin hangelt sich von Rundumschlägen auf die Behörden, die Politik und ihre öffentlichen Figuren über Kapitalismuskritik bis hin zur NS-Vergangenheit und den beschlagnahmten jüdischen Vermögen.

Die Auseinandersetzung mit den Schandtaten der Nazis und die Konfrontation der Täter ist ein Lebensprojekt Jelineks. Eine Obsession, die sich u.a. aus ihrer Biografie ableiten lässt, denn ihre Verwandtschaft väterlicherseits war jüdisch und wurde im Holocaust vertrieben oder ermordet. Mitte der 90er kulminierte ihre Anklage der NS-Verbrechen und ihrer Verleugner in dem (nicht zufällig) 666 Seiten langen Opus „Die Kinder der Toten“, in dem sie die Leichen aus Österreichs Keller ans Tageslicht zerrte.

Doch nicht nur mit der Gesellschaft zieht Elfriede Jelinek vor Gericht, sondern auch mit sich selbst. Sie zieht Bilanz und schreibt selbstironisch: „Mir glaubt man höchstens, daß es mich gibt. Sonst glaubt man mir nichts.“ Ob die Erzählstimme der Autorin sich hier nicht womöglich unrecht tut?

Elfriede Jelinek: Angabe der Person | Rowohlt Verlag | 192 S. | 24€.

Nathanael Brohammer

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Civil War

Lesen Sie dazu auch:

Grenzen überwinden
„Frieda, Nikki und die Grenzkuh“ von Uticha Marmon – Vorlesung 04/24

Für Kinder und Junggebliebene
Gratis Kids Comic Tag 2024

„Ruhrgebietsstory, die nicht von Zechen handelt“
Lisa Roy über ihren Debütroman und das soziale Gefälle in der Region – Über Tage 04/24

„Ich komme mir vor wie Kassandra“
Jaana Redflower über ihren Roman „Katharina?“ und das neue Album der Gamma Rats – Interview 04/24

Erwachsen werden
„Paare: Eine Liebesgeschichte“ von Maggie Millner – Textwelten 04/24

Von Minenfeldern in die Ruhrwiesen
Anja Liedtke wendet sich dem Nature Writing zu – Literaturporträt 04/24

Wortspielspaß und Sprachsensibilität
Rebecca Guggers und Simon Röthlisbergers „Der Wortschatz“ – Vorlesung 03/24

Lebensfreunde wiederfinden
„Ich mach dich froh!“ von Corrinne Averiss und Isabelle Follath – Vorlesung 03/24

Das alles ist uns ganz nah
„Spur und Abweg“ von Kurt Tallert – Textwelten 03/24

Wut ist gut
„Warum ich Feministin bin“ von Chimamanda Ngozi Adichie – Vorlesung 03/24

Unschuldig bis zum Beweis der Schuld
„Der war’s“ von Juli Zeh und Elisa Hoven – Vorlesung 02/24

Verse der Intersektionalität
Audre Lorde-Workshop im Fritz Bauer Forum – Literatur 02/24

Literatur.

Hier erscheint die Aufforderung!