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Annie Ernaux
Foto: © Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

Glühender Zorn

04. Dezember 2023

„Die leeren Schränke“ von Annie Ernaux – Textwelten 12/23

„Deutsche Erstausgabe“ steht in dem soeben erschienenen Band 1549 der Bibliothek Suhrkamp. Es handelt sich um Annie Ernaux Text „Die leeren Schränke“, den die Französin 1974 veröffentlichte. Wieso kommt dieses Buch erst 50 Jahre nach seinem Erscheinen zu uns nach Deutschland? Wie gut hätte es getan, diesen Roman in den 1970er Jahren zur Hand zu haben, als in Deutschland Autorinnen wie Christa Wolf, Verena Stefan oder Karin Struck unter dem unsäglichen Begriff der sogenannten Frauenliteratur firmierten.

„Die leeren Schränke“ waren der Debütroman der damals 34-Jährigen. Um einen Roman handelt es sich nur deshalb, weil Annie Ernaux der Protagonistin den Namen Denise Lesur gab. Wir wissen heute, dass alles, wovon sie erzählt, aus ihrer eigenen Erfahrung besteht. Der Stoff ist der gleiche wie der, der uns aus den Bänden „Die Scham“, „Das andere Mädchen“ oder dem verfilmten Text „Das Ereignis“ bekannt ist. Letzterer beschreibt das traumatische Erlebnis einer Abtreibung als 20-Jährige und mit ihm beginnt auch das Debüt. Denise liegt auf ihrem Bett und wartet darauf, dass die schmerzhaften Anwendungen der Engelmacherin wirken. Dabei läuft der Film ihres bisherigen Lebens ab. Die Kindheit in der Kleinstadt, der Überlebenskampf der Eltern in ihrem Kramladen, die ersten sexuellen Erlebnisse und die Beziehung mit einem Kommilitonen aus wohlhabender Familie, der sich sofort von ihr trennt, als er von der Schwangerschaft erfährt.

Alle Sujets des späteren Werks der letztjährigen Nobelpreisträgerin sind hier schon vorhanden. Allerdings ist der Ton ein anderer. Die kristalline Klarheit ihrer Sprache erwirbt sie erst später. Dieses Debüt klingt ruppiger, oftmals zornig und verhehlt nicht den Hass auf die kleinbürgerliche Welt ihrer Herkunft, der in der jungen Frau lodert. Das Klassenbewusstsein der Denise Lesur erklärt uns hellsichtig den Hass, der heute unsere Gesellschaften vergiftet. Der Wucht und Sprachmacht, mit der Annie Ernaux Sexualität, weibliche Lust und die subtile wie die offene Unterdrückung der Frauen beschreibt, ist in der Deutschen Literatur der 1970er Jahre nichts an die Seite zu stellen.

Annie Ernaux: Die leeren Schränke | Aus dem Französischen von Sonja Finck | Suhrkamp | 220 S. | 23 €

Thomas Linden

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