Zwischenzeitlich sind es insgesamt 4,25 Euro, die für die jungen Schriftsteller an diesem Abend an Spenden zusammen gekommen sind, wie Moderator Rainer Holl im gut gefüllten Literaturhaus Dortmund rechnet und bemerkt: „Da können sich die jungen Schriftsteller schon mal dran gewöhnen.“ Damit spricht er als Mitinitiator über die jungen AutorInnen aus der Region, die sich mit der Reihe für junge Literatur präsentieren und profilieren wollen. „Wir müssen was für die junge Literatur tun“, machte Rainer Holl das Projekt ebenso deutlich wie aphoristisch klar: „Das Brot des Künstlers ist nicht der Applaus sondern – das Brot.“ Wie es aussieht, das Leben des Bohemien, der AußenseiterInnen, das geben auch die verschiedenen Texte an diesem Abend mit skeptischem bis verachtendem Blick auf die Mainstream-Gesellschaft wider.
Mit Peter Singer fing alles an
Lukas Vering beschreibt in seiner Kurzerzählung „Das düstere Fenster“ die Oberflächlichkeit einer „piekfein herausgeputzten Eröffnungsgesellschaft“ in einer Kunstausstellung. Spießige Small-Talks über Kunst und billige Vernissage-Getränke – ein Szenario, das den Ich-Erzähler nahezu anwidert: „Das Gebräu schmeckt so fade wie der Rest dieser Gesellschaft.“ Da ist es auch egal, wie der spießige Mob zur Kunst steht (oder wie es überhaupt um diese bestellt ist): „Einen Blick von lebenslustiger Eleganz auflegen und man ist bereit für die Camouflage...Immer schön Adjektive benutzen, die so hohl sind wie die Gegenstände, die wir damit beschreiben.“
In Tobias Kreuzers Lesung seiner Kurzgeschichte „Die Aktivistin“ hat alles mit Peter Singer angefangen, dem Philosophen, der mit seinem Animal-Liberation-Manifest theoretischer Stichwortgeber von Tierrechts-AktivistInnen war. „Noch drei Tage, um die Welt zu retten“, heißt es im Text, der auch eine Flucht der AktivistInnen vor dem erdrückenden Alltag, dem Funktionieren im Uni-System schildert. Dafür steht am Ende die Gewissheit der ProtagonistInnen, gegen all das etwas Richtiges unternommen zu haben: „Wir haben heute Nacht etwas Gutes getan. Das Wasser wird sich nicht mehr rot färben.“
„David war der Tod. Einfach so. Beziehungsweise, ein Tod. Einer von vielen, wie er Leo erläuterte“, heißt es in Ann-Kristin Hensens „Countdown“, dem Gewinnertext des LesArt.Preises für junge Literatur. Hektisch, aufgeregt wird der "Countdown zu Beginn herunter gezählt: „Einatmen. Eins, zwei, drei.“ So begleiten die HörerInnen zu Beginn der Erzählung den Protagonisten Leo, der auch nicht so recht zum fröhlichen Mainstream passt: „Gesellschaft machte ihn nervös, aber bei den Mietpreisen im Kreuzviertel hatte er als Philosophie-Student mit einem Stipendium, das gerade so zum Leben reichte, kaum eine Wahl. Er brauchte einen Mitbewohner, und das besser früher als später.“ Hensen fesselt mit einer ungewöhnlichen WG-Welt, in der spannend das Geheimnis eines Mitbewohners eröffnet wird.
Trotz allen Außenseitertums in den Texten wähnt sich Poetry Slammer Stefan Fischer in seinem Beitrag „Wahlheimat“ dann heimatlich verankert. Denn Dortmund und Literatur, das führt zur schönen Sentenz über Tauben, wenn eine rüstige Ruhrpott-Oma in Fischers Text vermittelt, wo immer noch das größte Außenseitertum herrscht: „Schalke? Da fliegen die Tauben zum Kacken hin.“
AufTakt.Lesen zeigt an diesem Abend, wie vielfältig junge Literatur sein kann. Der Applaus ist den talentierten AutorInnen im Literaturhaus Dortmund sicher. Und bald bestimmt auch das Brot.
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