Nach dem dritten Tag bei der Duisburger Filmwoche hat man sich an den Zigarettendunst im Diskussionsraum gewöhnt. Man zieht auch neue Sachen an, obwohl man weiß, wie die nachher riechen. In manchen Kreisen ist militantes Nichtrauchen wie atmosphärischer Krebs. Eine Anpassung erfolgte aber auch hinsichtlich des Programmablaufs, wo Filme mit vielen Sprecheranteilen und einer vorwärtstreibenden Handlungsdynamik sich neben solchen gesellten, die eher die Eigendynamik des bewegten Bildes betonen und dies durch ihre Montage hervorheben.
Nikolaus Geyrhalters „Abendland“ ist so ein visuelles Eintauchen in die späten Stunden des alten Kontinents. Bilder über die Geburt, das Sterben, das Pflegen oder Feiern reihen sich dabei in meist statischen Einstellungen aneinander. Nicht wird dabei auch das Beobachten beobachtet. Die dunklen Stunden sind nicht nur quicklebendig, sondern auch bestens dokumentiert im Abendland. Geyrhalters Film kann man ab dem 22.12. in den deutschen Kinos sehen.
Noch eher erklimmt Thomas Imbachs „Day is Done“ die nächste Stufe der Werstschöpfungskette, nämlich am 1.12. Der Beitrag des Gewinners des Schweizer Filmpreises zeigte den Mikrokosmos des Filmemachers an mehreren Tagen, die sich in Zeitraffern runterspulen. Menschen kommen und gehen, ein Industrieschornstein hüllt den Himmel in graue Wolken, mal brennt ein Auto auf der Rückseite. Dazwischen dringen die Stimmen vom Anrufbeantworter, Freundin, Sohn, Vater, Immobilienmaklerin, Produzenten und Freunde. Behutsam entwickeln sich die Konturen einer Persönlichkeit, die sonst nur sekundenartig durchs Bild huscht, für seine Außenwelt aber ständig abwesend ist. Der Anrufbeantworter wird hierbei zum letzten Zeugnis der Existenz stilisiert, während Imbach seinem Innenleben mit einer Auswahl an eingespielten Singer-Songwriter-Stücken Ausdruck verleiht. Eine anfangs zähe, aber im Ganzen konzeptionell gelungene und polyphone Autorenkonstruktion.
Einen bedrückend-informativen Reisebericht lieferte Maria Fassbinder mit ihrem Beitrag „Fremd“, bei dem sie Mohammed aus Mali bei seinem Fluchtversuch nach Europa begleitet. Mit teilweise wackelnder Kamera blickt man auf die Abwicklung illegaler Transporte, in zahlreiche Verstecke und hin und wieder auf die ersehnte Küste Spaniens.
Bereits am Dienstagabend lief Bettina Brauns „Wo stehst du?“. In dem dritten Teil der Reihe nach „Was lebst du“ und „Was du willst“ begleitet die Regisseurin wieder ihre drei Protagonisten aus dem Kölner Migrantenviertel Klingelpütz. Diesmal sind Ali, Kais und Alban erwachsen und dabei sich eine Zukunft aufzubauen. Dies trägt der Film überzeugend nach außen und verzichtet gänzlich auf Charakterzüge einer Milieustudie. Vielmehr läuft alles über die persönliche Ebene zwischen Regisseurin und den Protagonisten ab. Es heißt nicht selten „Bettina, weißt du …“. Man duzt sich. Die ständige An- und Entspannung, bei der die Kamera zum willkommenen Interaktionspartner oder zum störenden Objekt werden kann, ist ein idealer Begleiter zu den sich entwickelnden Perspektiven der drei Akteure. In der Diskussion erwähnt Bettin Braun, dass die Arbeit am Film teilweise sehr aufreibend war, da die drei Akteure nun nicht mehr so häufig gemeinsam anzutreffen sind.
Zu der Koexistenz aus handlungsfixierten und bildkonzeptionellen Dokumentarfilmen dürften sich in den kommenden Tagen vermehrt politische Stoffe (Link Dokumentarfilm und Politik) gesellen. Der Dokumentarfilm darf das, aber nicht selten mit fadem Beigeschmack.
Erwähnenswert bleibt die halbstündige Hommage an den lange Zeit in Bochum lehrenden Medientheoretiker Friedrich Kittler, der am 18. Oktober verstarb. Der Filmemacher Harun Farocki kramte aus seinem Archiv eine Diskussionsrunde heraus, in der Kittler den Niedergang der rumänischen Diktatur durch die Medien Telefon und Fernsehen erklärt. Die technische Apparatur besorgt den politischen Zustand – eine echte Kittler-These.
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Especially forgotten junk
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