Die Festung Europa funktioniert auch in Belgien. Davon kann Judith Vanistendael eine Geschichte erzählen, und das macht sie mit „KafkafürAfrikaner“. Das semiautobiografische Debüt mit dem Untertitel „Sofie und der schwarze Mann“ erzählt von der Liebe einer 19Jährigen zu einem Asylbewerber und den dadurch entstehenden Komplikationen. Zunächst ist Sofies Familie wenig angetan, dann beginnt der Kampf gegen die Behörden. Die Geschichte ist in zwei Kapitel geteilt – das zweite rekapituliert die Ereignisse aus den späten 90er Jahren noch mal mit dem Abstand von zehn Jahren. Die dadurch entstandenen Doppelungen sind dramaturgisch irritierend und ästhetisch nicht schlüssig. Das ändert aber nichts daran, dass die humorvoll erzählte Geschichte zugleich emotional bewegt und politisch nach wie vor aktuell ist (Reprodukt).
Ein siebenjähriges Mädchen wird 1950 in den USA entführt und bleibt ohne Lösegeldforderung verschollen. Einige Jahre später scheint die Fotoreporterin Ivy in Kuba auf das Kind zu stoßen. Verschiedene Interessengruppen intervenieren. Gerade erschien Jacques Tardis Adaption „Im Visier“ von Jean-Patrick Manchettes „Anschlag liegend“ – nun folgt sein letzter Roman „Blutprinzessin“ als Comic von Max Cabanes, Manchettes Sohn Doug Headline hat den Text dieses umfassenden Sittenportraits des Kalten Kriegs bearbeitet. Cabanes' Zeichenstil ist ebenso dem Realismus verpflichtet wie Manchettes politischer Krimi auf intensiver Recherche basiert. Ein spannender und intelligenter Roman in einer gelungenen, aufwändigen Adaption (Schreiber & Leser). „DiewahreGeschichtevomUntergangderAlexanderKielland“ deutet ein großes Bohrinselunglück des Jahres 1980 kriminalistisch um. Die norwegische Bohrinsel kippte aufgrund von Konstruktionsmängeln um, es starben 123 der 212 Besatzungsmitglieder. David Schraven und Vincent Burmeister machen daraus ein Eifersuchtsdrama. Sie beschreiben das eintönige, männerdominierte Dasein auf der Bohrinsel in kontrastreichen Aquarellzeichnungen und schildern, wie der Einbruch einer Frau die Konstellation aus den Angeln hebt, so wie in Wirklichkeit das Unwetter die Konstruktion der Bohrinsel. So atmosphärisch die Bilder sind, so bedingt bleiben die psychologischen Entwicklungen auf den 128 Seiten nachvollziehbar (Carlsen).
Stéphane Heuet hat das Wagnis einer Marcel Proust-Adaption auf sich genommen. Auf Französisch gibt es bislang fünf Bände, ins Deutsche wurden bisher drei übersetzt. Nach „Combray“ erschienen die zwei Bände zu „Im Schatten junger Mädchenblüte“ des Opus Magnum „AufderSuchenachderverlorenenZeit“. Heuets Ligne Claire-Stil passt kongenial zu den schwärmerischen Beobachtungen des jungen Helden und sind eine Augenweide. Textlich gelingt ihm die Mischung aus Sprechblasen-Dialog, kurzen Erzähltafeln und reinen Textblöcken, die ebenfalls als Panels gerahmt sind. Es ist zu hoffen, dass die Serie trotz des viel zu frühen Todes des bisherigen Übersetzers Kai Wilksen bald fortgeführt wird (Knesebeck). Eine Supergroup: JoannSfar und ChristopheBlain lassen einen Hund durchs mythische Griechenland dackeln. „SokratesderHalbhund“ erzählt vom Begleiter des „Herakles“, den wir im ersten Band kennenlernen. Im zweiten und dritten Band folgen Geschichten um „Odysseus“ und „Ödipus“. Der philosophierende Hund Sokrates reflektiert deren Handeln, auch wenn er mitunter ein wenig an den treu-doofen Rantanplan erinnert. Blain sorgt für die Zeichnungen, Sfar für die brachialen Wendungen der Geschichte (Reprodukt).
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