Bastien Vivès ist der neue Stern am französischen Comic-Himmel. Bei gleichbleibend hoher Qualität zeigt er eine erstaunlich große ästhetische wie thematische Palette. In deutscher Übersetzung liegen bereits die wunderschönen Liebesgeschichten „Der Geschmack von Chlor“ und „In meinen Augen“ vor, nun erscheinen mit „Polina“ und „Für das Imperium“ zwei Werke, mit denen er seine Vielseitigkeit unter Beweis stellt: „Polina“ erzählt von dem Werdegang einer Balletttänzerin – vom Kind bis zur gereiften Künstlerin. In stilisierten, mit starken Kontrasten spielenden Zeichnungen erzählt er von den Aufs und Abs, von verschiedensten Lehrmethoden und Stilen auf eine Art, die nicht nur Tanz-affine Leser zu fesseln vermag. Die ersten beiden Bände „Ehre“ und „Frauen“ von „Für das Imperium“, das Vivès zusammen mit Merwan macht, sind bereits erschienen. Im ersten Band fühlt man sich angesichts der römischen Helden trotz der beeindruckenden Farbbilder oft an Frank Millers Epos „300“ erinnert, aber dann finden fantastische Elemente Eingang, und eine Frauenarmee verunsichert die Kämpfer. Die ungewöhnlich kolorierten Zeichnungen sind nicht minder fantastisch (Reprodukt).
In „Reigen“ begleitet Birgit Weye die Geschichte eines Amuletts. Anhand seiner Besitzer erzählt sie Geschichten aus einem Jahrhundert und mehreren Kontinenten. In ihrem knapp 200 Seiten starken Comic erschüttert Weye nicht nur eindringlich durch tragische Schickale, auch ihr visueller Erzählstil ist bemerkenswert. Immer wieder schert sie aus der Handlungsebene aus, wenn sie die Worte der Protagonisten illustriert – mal in naiven Skizzen, mal in überraschenden Allegorien oder düsteren Visionen. Weye bricht so den Erzählfluss auf und entfaltet einen ungewöhnlichen Rhythmus (avant verlag). Auf ganze zehn Bände und 560 Seiten ist „Unter dem Hakenkreuz“ von Beuriot & Richelle angelegt. Die beiden Franzosen begleiten mit ihrem realistischen Stil und verschachtelter Erzählweise das Schicksal der Jugendfreunde Katharina und Martin. Sie ist Jüdin, er bei der Wehrmacht. Beide finden sich in Frankreich wieder, und ihre Freundschaft wird zur Liebe. Die Ereignisse sind für die Epoche vergleichbar harmlos, die Shoah kommt in den bislang erschienenen fünf Bänden nur am Rande vor. Stattdessen wird der zunehmend restriktive Alltag genauestens beschrieben. Die Bände „Katharina“ und „Widerstand“ sind nun erschienen (Schreiber & Leser).
Emmanuel Moynot wurde zuletzt mit seinen an Jacques Tardi angelehnten Leo Malet-Adaptionen ins Deutsche übersetzt. Mit „Tod eines Blauwals“ erzählt er eine eigene Story um den sowohl beruflich als auch privat ins Schlingern geratenen Schriftsteller Simon. Als er auf sein großes Vorbild trifft, folgt eine weitere Enttäuschung. Ständig erwartet man einen Krimiplot, doch Moynot umspielt das Genre nur und erzählt vor allem vom kreativen Akt des Schreibens und der dafür notwendigen Selbsterkenntnis. Stilistisch entfernt er sich ein wenig von den Tardi-Hommages, nicht zuletzt durch die Farbakzente (Schreiber & Leser). Joann Sfars Serie „Professor Bell“ vereint Absurdität und Abgründe. Sfar zeichnet Joseph Bell, Arthur Conan Doyles Inspiration für Sherlock Holmes, als düsteren, drogensüchtigen und der Mystik zugewandten Antihelden. Seine Fälle sind nicht minder bizarr. Die Bände 4 und 5 – „Die Gesellschaft der toten Königinnen“ und „Die Kobolde Irlands“ – zeigen Bell zunehmend als bedrohlichen Psychopathen. Vielschreiber Sfar lässt seine fantastische Serie seit dem dritten Band von Hervé Tanquerelle zeichnen, der Sfars monströses Fin de Siècle wunderbar einfängt (avant verlag).
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