trailer: Herr Decker, was hat Buddha im Ruhrgebiet zu suchen?
Willy Decker: Buddha ist sicher einer der wichtigsten philosophischen Gestalten der Menschheitsgeschichte. Er hat allen Menschen etwas zu sagen. Insofern gehört er auch ins Ruhrgebiet. Wenn Sie damit auf die inhaltliche Ausrichtung der Ruhrtriennale anspielen, so haben wir uns in den drei Jahren mit der Frage beschäftigt, was die Beziehung ausmacht zwischen Kreativität und Spiritualität, zwischen Religion im weiten Sinn und Kunst. In den ersten beiden Jahren ging es um Judentum und Islam. Mir war von Anfang an klar, dass wir im dritten Jahr nach den beiden theistischen Religionen, die auch stark miteinander verwandt sind, durchaus auch einmal in eine alternative Richtung schauen werden, in der Religiosität auch ohne Gottesbegriff praktiziert wird.
Den Hinduismus haben Sie links liegengelassen?
Der Hinduismus ist einer der Wurzeln des Buddhismus. Ich habe auch andere große Religionen nicht einbeziehen können, weil die Triennale nun einmal nur drei Jahre dauert.
Aber dem Buddhismus stehen Sie persönlich auch Nahe.
Ja. Aber ich bin christlich geboren, katholisch erzogen und habe erst im Laufe meines Lebens, auch im Laufe meines künstlerischen Lebens, zum Buddhismus gefunden. Mein Lebensweg ging durch all diese Räume. Inzwischen bin ich praktizierender Zen-Buddhist.
Gibt es im Ruhrgebiet denn Buddhisten?
Wie überall in Europa gibt es auch im Ruhrgebiet Zentren und Praxiskreise buddhistischer Prägung, sowohl, was den japanischen Zen-Buddhismus angeht, als auch was den tibetischen und den südostasiatischen Buddhismus angeht. Allerdings ist der Buddhismus im Westen und so auch im Ruhrgebiet keine Massenbewegung. Viele begegnen dem Buddhismus mit großer Begeisterung. Er stellt aber hohe Anforderungen an den Menschen. Weit über 90 Prozent der Interessierten vertiefen ihre Praxis nicht weiter.
Ist Buddhismus nicht eher in einem studentischen Milieu zu Hause als im postproletarischen Ruhrgebiet?
Da täuschen Sie sich. Buddhismus ist nicht nur eine bildungsbürgerliche Geschichte. Praktizierende Buddhisten kommen aus allen Teilen der Gesellschaft. Es bedarf schon einer gewissen Lebensstrecke, bis Menschen ernsthaft zum Buddhismus finden.
Manchmal ist das Verhältnis von Kunst und Religion schwierig. Kardinal Meisner sprach von „entarteter Kunst“, wenn sie keinen Gottesbezug hat.
Das war eine skandalöse Äußerung von Herrn Meisner und hat mit der Wahrheit von Kunst und mit der Wahrheit von Religion überhaupt nichts zu tun. Er hat sich mit dieser reaktionären Stellungnahme komplett ins Aus manövriert. So etwas kann man nicht ernst nehmen. Mir geht es nicht um einen starren Gottesbezug oder eine Kunst, die religiös autorisiert wird. Es geht um eine essenzielle Beziehung zwischen zwei Erfahrungen. Der Mensch, wenn er sich im weitesten Sinne einem religiösen Erleben öffnet, betritt einen Raum, der sich hinter unserer Realität befindet. Der Künstler betritt, wenn er kreativ ist, einen diesem Erleben verwandten Raum. Der Buddhismus umschreibt diesen Raum mit Leere.
Religionen bringen ja schon mal Fundamentalisten hervor. Und der Fundamentalist ist doch eher der Feind der Kreativität.
Das kommt darauf an, wie man Fundamentalismus versteht. Heute werden Menschen, die Religionen verzerren, religiöse Fundamentalisten genannt. Der Begriff wird aber falsch gebraucht. Solche Menschen gehen nicht zu den Fundamenten ihrer Religion, sondern sie verengen, verzerren, missinterpretierten und missbrauchen Religionen. Wenn ich die Fundamente des Islams, des Judentums, auch die Fundamente der anderen Religionen betrachte, dann werde ich überhaupt nicht dort landen, wo diese Menschen stehen, sondern im Gegenteil in einem großen, weiten und auch freien Raum.
Gibt es auch Verzerrer im Buddhismus?
Ich kenne keinen. Vielleicht gibt es in der Übertragung des Buddhismus vom asiatischen in den abendländischen Raum manchmal Entwicklungen, die Missverständnisse aufbauen. So kann eine gewisse Verzerrung entstehen. Diese wird aber nicht als Machtmittel instrumentalisiert. Es handelt sich eher um gedankliche Missverständnisse. Der Buddhismus ist eher frei davon, weil zur Essenz des Buddhismus gehört, keine Dogmen zu formulieren. Das Antidogmatische macht Verzerrung eigentlich unmöglich. Jeder Mensch kann auf seinem Weg natürlich auch einmal in die Irre gehen.
Mal platt formuliert: Bei fernöstlichen Sekten werde ich doch abhängig gemacht. Protestieren Sie?
Natürlich können sich auch Scharlatane das Etikett Buddhismus umhängen. Das, was wirklich Buddhismus ist, arbeitet aber immer gegen Abhängigkeiten. Zen-Meister sind zunächst einmal schroff, scheinbar ablehnend, um jede Form persönlicher Abhängigkeit zu vermeiden. Sekten aber schotten sich ab, zäunen mit messerscharfen Stacheldrähten ihr Terrain ein. Der Buddhismus hingegen ist von seinem Wesen her offen.
Wie wird die Ruhrtriennale in diesem Jahr enden?
Als letztes Ereignis meiner Intendanz werden sechs Mönche aus Bhutan ein riesiges Sandmandala in die Jahrhunderthalle streuen. Am letzten Tag der Ruhrtriennale wird dieses Mandala zerstört. Ich feiere also nicht Abschied mit Feuerwerk und Blaskapelle. Der Raum wird geöffnet für das, was kommt.
mehr zu Willy Decker:
"Gerade die sogenannten Kulturmenschen brauchen diesen tieferen Blick" - Interview mit Willy Decker zur Ruhrtriennale 2010
mehr zum Buddhismus:
"Zen und die zehn Gebote" - Buddhismus und Kohlenpott, ist das kompatibel?
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