Nanu? Nana! Triffst Du Buddha unterwegs, dann doch meist in den Regalen von Discountern für ausgefallene Staubfänger. Zwischen selbstdrehenden Spaghetti-Gabeln und singenden Plüscheseln werden Statuen des weisen Mannes angeboten. Ob in dick oder in dünn, aus Gold, Silber oder Marmor – Siddhartha ist aus unserer westlichen Welt nicht mehr wegzudenken. Und jetzt kommt er auch noch in die Jahrhunderthalle. Nach Judentum und Islam widmet sich in diesem Jahr die Ruhrtriennale der uns fernsten und östlichsten aller Weltreligionen. So wird es also Zeit, das Verhältnis zwischen Ruhrgebiet und Buddhismus auszuleuchten. Zunächst fällt auf: die hiesige Landesspeise ist bereits eine Verneigung vor der fremden Kultur. Der Ruhrinsasse isst am liebsten, so geht zumindest die Mär, eine Wurst, versehen mit einer roten Soße und einer fingerdicken Schicht von Currypulver. Westfalen meets Nepal. Aber sonst? Sind im postproletarischen Ruhrgebiet die Menschen ebenso an Transzendenz und Erleuchtung interessiert wie in Münster, Freiburg oder anderen studentischen Hochburgen der Republik? Die Antwort ist komplizierter, als dass man sie in glossenhaften Schlagworten abhandeln kann.
Buddhismus ist keine vereinsmäßig organisierte Religion wie zum Beispiel der Katholizismus mit Statut und erstem Vorsitzenden. Es gibt unzählige verschiedene Strömungen, die sich von dem Leben des vor etwa 2.500 Jahren wirkenden Siddhartha Gautama inspirieren lassen. Ein kleines Abbild jener Vielfältigkeit bilden die Migranten aus buddhistisch geprägten Ländern, die seit vielen Jahren hier eine neue Heimat suchen. Nach Ende des Vietnamkrieges kamen zunächst die Boat-People nach Deutschland. Vietnam und Kambodscha waren durch jahrzehntelange Kriege zerstört. Andere Flüchtlingswellen kamen aus Sri Lanka. Fast zur gleichen Zeit, auch in Folge des Ende des Vietnamkriegs, begann der Prostitutionstourismus nach Fernost, in dessen Folge viele Frauen aus jener Religion nach Deutschland kamen, teils um hier als Prostituierte zu arbeiten, aber auch, um gutbürgerlich verheiratet zu werden. Exilchinesen hingegen suchten vornehmlich in der Gastronomie und im Handel ihr Glück. Zudem leben nicht nur in Düsseldorf, sondern auch in den Metropolen des Ruhrgebietes Japaner, meist Arbeitsmigranten, die hochdotiert bei Tochterfirmen japanischer Konzerne angestellt sind. All diese Gruppen in einen Topf zu werfen, verbietet sich allerdings. Der Buddhismus, wie er in Japan praktiziert wird, unterscheidet sich sehr von dem aus Nepal oder Thailand. Alle Strömungen des Buddhismus miteinander gleichzusetzen wäre, als würde man die Piusbruderschaft mit Uta Ranke-Heinemann in Verbindung bringen.
Der Psychotherapie-Boom verdankte seine Existenz dem Homegrown-Buddhismus
Aber nicht nur Migranten brachten den Buddhismus an die Ruhr. Infolge der kulturellen Öffnung in den sechziger Jahren interessierten sich junge Menschen in San Francisco, London und Paris, aber eben auch in Gladbeck, Witten und Lünen für fremde Lebensentwürfe. Dabei vermischten viele hemmungslos Hinduismus und Buddhismus mit selbstgemachter Zivilisationskritik. Im Bücherschrank dominierte eher Buddha, sei es das biographische Werk von Hermann Hesse, sei es als Anleitung zum Bogenschießen und Motorradfahren. Im Plattenregal waren mit dem Spätwerk der Beatles, Ravi Shankar und elektronischer Musik aus dem indischen Goa eher hinduistisch geprägte Interpreten vertreten. Inspirierend in den achtziger Jahren waren für viele junge Menschen Entspannungs- und auch Kampfsporttechniken, die im Buddhismus verwurzelt waren. Yoga und Judo lösten Morgengymnastik und Boxsport ab. Der Psychotherapie-Boom jener Jahre verdankte seine Existenz zu einem guten Teil dem Homegrown-Buddhismus. Aber auch politisch veränderte sich durch den Kulturimport aus Fernost einiges. Die Räucherstäbchenfraktion war eine der Gründungspfeiler der Öko-Bewegung und der Grünen. Noch heute wird im öffentlichen Bewusstsein Christentum eher mit Wirtschaftswachstum, Buddhismus eher mit einer ganzheitlichen, ressourcenschonenden Lebensweise in Verbindung gebracht. Dabei stehen die Unglücksreaktoren von Fukushima in einem buddhistisch geprägten Land. Den Ausstieg aus der Atomenergie hingegen praktizieren Länder wie Italien, Österreich und Deutschland, die über christliche Traditionen verfügen.
Aber vielleicht hilft das ewige Denken in religiösen Schubladen nicht weiter. Das Ruhrgebiet ist schon heute nicht nur ein multikultureller, sondern auch ein multireligiöser Schmelztiegel. Immer mehr Menschen flicken sich ihre individuelle Religion aus den Schaufenstern der großen und kleinen spirituellen Anbieter zusammen. Geglaubt wird, was gefällt. Und buddhistisch inspirierte Wertanschauungen sind hierbei recht attraktiv. Das mag auch daran liegen, dass es für viele Buddhisten keine strafende Vaterfigur gibt, wie ihn die monotheistischen Religionen kennen und gern instrumentalisieren. Ein wenig fernöstliche Gelassenheit würde übrigens den zuweilen erhitzten christlichen und muslimischen Gemütern hierzulande ganz gut tun. Die Anhänger von Christus und Mohammed gehen zum Lächeln ja leider noch oft in den Keller.
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