trailer: Nachts im Museum – Frau Keller-Düsberg, ist das wirklich so spannend wie im Film?
Kerstin Keller-Düsberg: Zur Nacht der Nächte, wie die Dortmunder DEW21-Museumsnacht auch genannt wird, bekommen wir sehr viele positive Rückmeldungen. Die Atmosphäre während der Veranstaltungen ist entspannt, alle sind gut drauf. Besonders wichtig ist den Menschen das Gemeinschaftsgefühl. Wenn sie tagsüber ins Museum gehen, sind sie oft allein oder zu zweit unterwegs, es herrscht Stille. In der Museumsnacht sind alle Führungen ausgebucht, überall sitzen die Leute, teilweise auf dem Boden. Auch viele Kinder sind bis spät abends mit dabei.
Kinder nachts im Museum?
Nach den Museumsnächten verzeichnen wir einen Anstieg an Buchungen von Kindergeburtstagen. Eine Zehnjährige sagte einmal: „Ich möchte nie in den Urlaub fahren, wenn Museumsnacht ist.“ Wir haben vor zwei Jahren erstmalig eine Rallye von Kindern für Kinder angeboten. Die Kinder haben Dinge entwickelt, an die kein Erwachsener denken würde. Bei einer Aktion mussten die Besucher ihre Hände in Fühlkästen halten, da waren lebende Maden drin. Das fanden die kleinen Besucher super.
Sind Museen für Ihre Ideen nicht zu museal und verstaubt?
Nein, viele Exponate zum Beispiel hier im Museum für Kunst und Kulturgeschichte liebe ich. Einiges erschließt sich natürlich erst, wenn ich dessen Hintergründe kenne. Deshalb werden viele Museen durch gute Führungen erst richtig spannend. Das Leben ist wie ein Puzzle. Je mehr Bausteine ich zusammensetzen kann, umso besser verstehe ich die Welt. Deshalb sind Museen so wichtig. Sie sind der Spiegel unserer Kultur und Geschichte.
Ist der Kunstbetrieb nicht manchmal zu akademisch und kümmert sich zu wenig um den Rest der Welt?
Das würde ich unterstreichen. Ich gehe oft mit dem Blick einer Mutter durchs Museum und suche deshalb nach neuen Wegen, das, was dort zu entdecken ist, in unseren Veranstaltungen zu vermitteln. Die Altersgruppe der 18- bis 27Jährigen ist viel zu wenig vertreten. In deren Köpfen findet Museum nicht statt. Die finden den Begriff Museum total „unsexy“. Hier möchten wir neue Wege gehen. Facebook spielt eine große Rolle bei dieser Generation. Auch planen wir, Führungen von Jugendlichen für Jugendliche anzubieten.
Sie sind die Mutter der Museumsnacht?
Nein, die Erfinder der Museumsnacht sitzen in Berlin. Wir aber bieten ein Familienprogramm bereits am Nachmittag. Damit sind wir bundesweit Vorreiter gewesen. Wir wollten etwas für alle Altersgruppen. Da reichen Führungen nicht aus. Berlin hat über 100 Museen, hat auch ein Publikum dafür. Der Event-Charakter bei uns ist sehr wichtig. Wenn wir die Museumsnacht zu akademisch veranstalten würden, hätten wir nicht diesen Erfolg. Deshalb ist das Berliner Modell auf Dortmund nicht übertragbar.
Was ist das Besondere an der Dortmunder DEW21-Museumsnacht?
Wir wollen Appetit machen. Das Spannende unseres Programms ist, dass wir für jeden etwas dabei haben, dass alle Sparten der Kultur gezeigt werden: Konzerte, Theater, Comedy, Kabarett, Mitmachaktionen, Film, Shows, Partys und vieles mehr. Wir versuchen auch immer, Kultur und Wissenschaft miteinander zu verbinden. Ich komme aus der Wissenschaft, habe fast zehn Jahre bei der Universität Dortmund den Veranstaltungsbereich organisiert. Seit Beginn der Museumsnacht tritt bei uns beispielsweise die Gruppe „Die Physikanten“ auf. Das sind Physiker, die Physik als Show präsentieren.
So wie Wigald Boning auf Sat1?
Mir gefallen „Die Physikanten“ besser. Die sind unglaublich witzig. Aber auch andere Programmpunkte sind außergewöhnlich. Rufus Beck wird dieses Jahr in Dortmunds größter Stadtkirche St. Reinoldi aus „Artemis Fowl“ lesen, dem bekannten Fantasy-Roman. Um das Museum Adlerturm herum zeigen wir das Mittelalter mit Schaukämpfen, historischen Speisen, Zauberern, Bogenschießen zum Mitmachen ... Der Blindenverein bietet eine „blinde“ Führung und ein Dunkelcafé mit Musik und Lesungen an. Es stehen Knabbereien auf dem Tisch, die müssen gefunden werden. Im wahrsten Sinne des Wortes unser Highlight ist ein musikalisches Feuerwerk auf dem Friedensplatz. Erstmals in Deutschland werden dabei vier Irdiedens vorgeführt. Das sind maltesische Feuerräder mit einem Durchmesser von neun Metern.
RUHR.2010 ist nun ein Dreivierteljahr vorbei. War das Jahr für die Museen nachhaltig?
Das Kulturhauptstadtjahr hat eine Menge gebracht. Ich weiß nicht, ob es nur an RUHR.2010 liegt, aber der Anteil von auswärtigen Besuchern steigt. Wir bekommen viel mehr Nachfragen aus anderen Städten.
Was halten Sie von einer Museumsnacht für das ganze Revier?
Bislang ist unsere Museumsnacht wohl die einzige im Ruhrgebiet. Die nächste Stadt, die jährlich eine veranstaltet, ist Düsseldorf. Eine Museumsnacht im ganzen Revier wäre logistisch eine riesige Herausforderung: Man denke da nur an die ExtraSchicht. Bei uns in Dortmund sind allein über 50 Häuser bei der Museumsnacht beteiligt. Aber natürlich wäre eine Museumsnacht für das ganze Ruhrgebiet ein schönes Angebot.
Bekommen Sie da keine imperialen Gelüste?
Nein, denn Geld spielt bei so einem Vorhaben eine große Rolle. In Dortmund wird die Museumsnacht hauptsächlich von Sponsoren getragen. Ich weiß, dass es in allen Städten schwierig ist, an finanzielle Mittel zu kommen. Daher freue ich mich umso mehr, dass unsere Museumsnacht in die elfte Runde gehen darf.
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