Man liegt im Bett, es ist Sommer. Gerade eben scheint endlich der Schlaf zu kommen. Und dann, ganz plötzlich ertönt dieses nervtötende Surren. Eine Fliege oder sogar eine Mücke. Das Erstaunliche ist: diese kleinen Biester sind zwar nicht zu sehen, aber dennoch aufgrund ihres Gesurres schnell zu verorten – vorausgesetzt das eigene Gehör ist noch einigermaßen intakt. Eben dieses Schauspiel führte das UCI Bochum am Vormittag des 26. Juli vor, als es die Presse einlud, um den neuen iSens-Saal zu präsentieren. Eine Fliege flog durch den Raum, von rechts nach links, vorne, hinten, oben, unten, quer, gerade, Schlangenlinien. Irgendwann flog sie in ein Glas und schien sich dort zu verirren. Das Angenehme dabei war, dass keine Fliege im Raum war. Und das Erstaunliche dabei war, dass keine Fliege im Raum war. Weder real noch auf der Leinwand und dennoch war sie genau zu verorten und zu verfolgen.
Möglich wurde dies durch das neue Soundsystem im iSens-Saal, ein 3D-Sound entwickelt von der Firma IMM Sound. Statt im 5.1-Ton, was momentan noch der Standard in den meisten Kinos ist, wird im iSens-Saal im 23.1-Ton vorgeführt. Wurden bislang also 5 Tonkanäle plus Subwoover separat angesteuert, werden nun 23 Tonkanäle plus Subwoover angesteuert. Da für die Lautsprecher, 39 an der Zahl, der gesamte Raum genutzt wird, also neben den Seitenwänden auch die Deckenwand, wirkt der Sound für den Zuschauer dreidimensional. Vorführtrailer sollten der Presse den Unterschied zwischen akustischem 2D und 3D verdeutlichen. Besonders bei Konzertübertragungen war der Effekt des Dreidimensionalen bemerkenswert. Der Kinomarkt scheint auf dieses neue Soundsystem zu reagieren. Zum einen hat Dolby am 23. Juli IMM Sound aufgekauft. Zum anderen will auch Hollywood & Co dieses System nutzen und künftig 23.1 produzieren. Noch wird der Sound von 5.1 auf 23.1 hochgerechnet, doch mit „The Impossible“ kommt Ende des Jahres der erste Film mit der 3D-Sound in die Kinos. Jedoch nicht nur mit einem neuen Sound versucht der iSens-Saal die Cineasten beeindrucken. Das UCI will auditiv, visuell und kinästhetisch neue Reize schaffen. Und so werden die Filme im iSens-Saal von einem NEC 3240S-Projektor mit 4K auf die größtmögliche Leinwand geworfen. Das heißt: 2048 x 1080 Pixel sind der Standard, also ein 2K-Projektor. 4096 x 2160 Pixel sind der neue Standard für iSens, also ein 4K-Projektor. Das bedeutet also eine vier mal höhere Auflösung als bisher. Zusätzlich ermöglicht dieser Projektor das Abspielen von Filmen mit „higher frame rates“. 24 Bilder pro Sekunde sollen Schnee von Gestern und 48 bzw. 60 Bilder pro Sekunde der neue Maßstab sein. Ist das denn notwendig? Bei 2D-Filmen sicherlich nicht, bei 3D-Filmen zahlt sich die „higher frame rate“ durchaus aus, da sie störende Schatten verhindert. Peter Jackson wird als erster seinen Kleinen Hobbit mit 48 Bildern pro Sekunde durch Mittelerde wandern lassen. Der 3D-Kinotrailer sah nebenbei gesagt sehr vielversprechend aus. Für die Kinästhetik hat das UCI den Saal mit Sesseln ausgestattet, deren ProBax-Technologie die S-Form der Wirbelsäule unterstützt und sich an die individuelle Körperform anpasst.
Dies klingt alles sehr technisch und komplex. Ist es auch. Doch wenn man die Daten einfach außen vorlässt, sich in den Kinosessel kuschelt und den Film genießt, lässt sich durchaus von einem besonderen cineastischen Erlebnis sprechen. Wer also großen Wert auf verbesserten Sound und verbessertes Bild legt, der sollte die 2€ teureren Kinokarten ruhig mal in Kauf nehmen. Wem dies weniger wichtig ist, wird vielleicht enttäuscht sein.

Der Vorführraum von heute, Foto: Lisa Mertens
Zum Schluss: Ein wenig nostalgische Gefühle kamen an dem Vormittag bei dem Rundgang durch den Vorführerbereich auf. Wo früher einmal 35mm-Projetoren gestanden haben müssen, in den ein Vorführer sorgsam die Filmrollen einlegte und ganz früher bei einem Überblendzeichen auf den zweiten Projektor überblendete, stehen heute digitale Projektoren und Bildschirme. Statt 35mm gibt es Daten. Die Digitalisierung der Kinos wird in wenigen Jahren abgeschlossen sein. Dann wird der 35mm-Film wie der Stummfilm nur eine weitere Epoche in der Filmgeschichte sein. Sein Denkmal hat er immerhin schon in „Inglourious Basterds“ in seiner Rolle als letale Waffe gegen das NS-Regime gesetzt bekommen.
Es war einmal der analoge Film ..., Foto: Lisa Mertens
Nostalgie vs. Fortschritt
Jaja, der gute, alte Analogfilm. Nicht nur als Waffe gegen die Nazis mit Tarantino gesponnen von besonderem Reiz: das Knistern, die Brennlöcher, die Bildschlieren....
Ob er ganz aussterben wird? Schließlich hören wir ja auch wieder bzw. immer noch Vinyl. Wer als Cineast aber einmal in einem iSens-Saal gesessen hat, wird sich dessen Faszination nur schlecht entziehen können, zumindest wenn es um effektfrohes Kino à la Christopher Nolan oder eben auch Tarantino geht....

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