Wenn jemand vor etwa zwanzig Jahren behauptet hätte, dass im 21. Jahrhundert mobile Telefone mit Internetzugriff ebenso wenig ungewöhnlich sind wie Netbooks oder Mikrowellengeräte, hätte man ihm vermutlich unterstellt, er hätte eine Schraube locker. Für völlig selbstverständlich halten wir indessen die Existenz einer gemeinen Schraube. Sie ist jedoch vielseitiger und hält viel mehr zusammen, als uns gemeinhin bewusst ist. Ein Beispiel für die enorme Vielseitigkeit der Schraube sowie ihre wirtschaftliche Bedeutung ist die Firma Friedberg aus Gelsenkirchen. „Schrauben sind Verbundelemente für alles”, erläutert Geschäftsführerin Ingrid Brand-Friedberg. Sie leitet seit 1971 das Unternehmen und weiß: „Ohne Schrauben wäre ein Auto nur ein Haufen Blech.“
Für den Bau einer Windkraftanlage werden 3,6 t Schrauben benötigt
Angefangen hatte alles im Jahre 1884 im heutigen Gelsenkirchener Stadtteil Rotthausen. In seiner Hufschmiede für Grubenpferde fertigte August Friedberg mit Hammer und Amboss seine ersten Schrauben. Vermutlich hätte er nicht zu träumen gewagt, dass im Jahre 2010 weltweit rund 525 Mitarbeiter für die Firma Friedberg tätig sein würden. Neben drei Betriebsstätten in Deutschland unterhält das Unternehmen auch Standorte in Brasilien, Südkorea und den USA. Die Anfänge des Gelsenkirchener Familienunternehmens waren eng mit dem Bergbau und der im Ruhrgebiet ansässigen Groß- und Kleinindustrie verbunden. Doch von den einst 62 Zechen Gelsenkirchens existiert heute keine einzige mehr. Dem Niedergang der Kohle und dem damit verbundenen Wandel musste sich die Firma anpassen. Heutzutage werden die Schrauben mit dem Firmenzeichen „AF“ in der Automobilindustrie, im Anlagenbau und bei Stahlbetonkonstruktionen eingesetzt. In den Neunziger Jahren traf Geschäftsführerin Brand-Friedberg die wohl wichtigste und zugleich interessanteste Entscheidung in der Entwicklung des Unternehmens. „Aus dem hart umkämpften Massenmarkt der Standardschrauben haben wir uns bewusst zurückgezogen“, berichtet Brand-Friedberg. Stattdessen setzte sie gezielt auf einen Nischenmarkt: die Windkraft. Heute ist das durch den Bergbau groß gewordene Unternehmen der führende Hersteller für Verschraubungstechnik in der Windenergie und erzielt in diesem Bereich 60 Prozent seines Umsatzes. Allein für den Bau einer einzigen großen Windkraftanlage mit einem Rotordurchmesser von 114 Metern werden 448 Schrauben mit einem Gesamtgewicht von 3,6 Tonnen benötigt. Dabei müssen diese extreme Anforderungen erfüllen, da die immer höheren und leistungsfähigeren Windkraftanlagen an Land und auf dem Wasser enormen Kräften ausgesetzt sind. Die einfache Schraube hat sich zum Hightech-Produkt entwickelt, und das Ruhrgebiet profitiert vom schnellen Wachstum der Windenergiebranche. Zahlreiche Firmen aus NRW beliefern Hersteller von Windenergieanlagen in aller Welt. Wer also behauptet, dass im Pott ein neuer Wind weht, hat keineswegs eine Schraube locker.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Deckmantel Gefühl
Intro – Guter Umgang
Dubidu
Teil 1: Leitartikel – Reiz und Risiken niederschwelliger Verständigung
„Ein Stammtisch hat nicht nur negative Seiten“
Teil 1: Interview – Medienwissenschaftlerin Paula Nitschke über politische Influencer:innen
Gut erzählte Wahrheit
Teil 1: Lokale Initiativen – Die Agentur Kugelfisch Kommunikation in Essen
Benimm dich!
Teil 2: Leitartikel – Eine Gesellschaft kann nur frei sein, wenn sich ihre Mitglieder an Regeln halten
„Heute sind die Menschen eher bei sich“
Teil 2: Interview – Kommunikationspsychologin Christine Flaßbeck über Sprache im Wandel
Entspannt unterwegs
Teil 2: Lokale Initiativen – Köln: KVB-Kampagne für mehr Freundlichkeit
Alles Lüge!
Teil 3: Leitartikel – Duz-Kultur und falsches Wir-Gefühl verschleiern Interessenkonflikte auf der Arbeit
„Das Gefühl, dass hier Nähe entsteht“
Teil 3: Interview – Psychologin Lara Luisa Eder über persönlichen Umgang auf der Arbeit
Nicht sprachlos in den Ruhestand
Teil 3: Lokale Initiativen – Das Fachgebiet Arbeitswissenschaft an der Uni Wuppertal
Öffentlichkeit muss man lernen
Medienbildung als demokratische Aufgabe – Europa-Vorbild Frankreich
Kant war lowkey deep
Career Offboarding Experience: Abschied von der Komplexität – Glosse
Lohn der Angst
Intro – Nach der Arbeit
Klassenkampf von oben
Teil 1: Leitartikel – CDU und SPD wenden sich gemeinsam gegen arbeitende Menschen
„Je länger ein Arbeitstag dauert, desto unproduktiver wird er“
Teil 1: Interview – Gewerkschafter Stephan Krull über kürzere Arbeitszeiten und gesellschaftliche Teilhabe
Geschenkte Freizeit
Teil 1: Lokale Initiativen – Die Agentur Wake Up Communications Düsseldorf
Erst das Vergnügen
Teil 2: Leitartikel – Industriearbeit ist ein Auslaufmodell
„Das BGE würde eher schaden als nützen“
Teil 2: Interview – Philosoph und Ökonom Birger Priddat über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens
Mehr als Existenzsicherung
Teil 2: Lokale Initiativen – Die Attac-AG „Genug für alle“ aus Bonn
Sanktionen schaffen keine Stellen
Teil 3: Leitartikel – Politik und Wirtschaft lassen Arbeitslose oft im Stich
„Eine gewisse Unsicherheit und Versagensängste“
Teil 3: Interview – Experte Matthias Auer über den Arbeitsmarkt für Jung-Akademiker
Der ganze Mensch
Teil 3: Lokale Initiativen – Die GESA Gruppe in Wuppertal hilft bei der Rückkehr ins Arbeitsleben
Vertrauen durch Bildung
Was tatsächlich gegen Arbeitslosigkeit hilft – Europa-Vorbild Dänemark
Kurz frei
Arbeit schläft nie. Auch ihre Jünger nicht – Glosse
Fehlbilanz
Intro – Mündig