GelsenkirchenerInnen sind auf Veranstaltungen in Dortmund die perfekte Pointenvorlage für ModeratorInnen. So auch für Sebastian 23, der zu Beginn wie immer die Gäste aus anderen Städten begrüßt – ganz besonders an diesem Abend die Fraktion aus Gelsenkirchen: „Ist doch schön, dass Ihr versteht, dass Ihr für eine Kulturveranstaltung die Stadt verlassen müsst.“ Mit „Best-of-Poetry“ sollte diese Kulturveranstaltung ein reines Showlaufen werden, was in der rappelvollen Halle des Domicils den angenehmen Nebeneffekt hat, dass auf Wettbewerb, Abstimmungen und Zählungen verzichtet werden kann. Den Anfang macht nach seiner Anmoderation Sebastian 23 mit seinem Beitrag „Zeit für Lyrik“, in dem er Nonsens-Aphorismen zum Besten gibt, wie etwa: „Igel sind Kakteen/ die gehen“, „Mauern sind sehr gerade Haufen“ oder „Atmen bringt kein Geld, aber man kann davon leben“. Kulturveranstaltung? Wie in der LMBN-Slam-Show-Reihe, die regelmäßig im Domicil tagt, kommt man auch hier zuweilen nicht drum herum zu hinterfragen, wie gering der Poetry-Anteil auf der Bühne im Verhältnis zu den Comedy-Beiträgen ist.
Zukunft ist Vergangenheit: Oder wo bleiben die schwebenden Autos?
Auch Tobi Kunze macht weniger durch Verse als durch lautes Stampfen auf der Bühne auf sich aufmerksam: Sein lärmender Beitrag greift die popkulturelle Prophetie aus, wie sie in „Zurück in die Zukunft II“ betrieben wird: Die Zukunft spielt dort bekannterweise im Jahr 2015, aber schwebende Autos, Hoverboards etc. sind ausgeblieben, sodass er resigniert resümiert: „Die Zukunft war gestern.“ Für Abwechslung, das heißt Poetry, sorgt an diesem Abend die Bochumer Slammerin Theresa Hahl. Ihre Texte sind expressive und melancholische Verse über Herz- wie Weltschmerz – eine dichte Herz-Metaphern-Frequenz ist da garantiert. So hängt ihr lyrisches Ich das „Herz an der Spitze des Fahnenmastes, nur um zu sehen, wie viele Himmel dazwischen passen.“ Nicht ohne bittere Folgen. Doch auch die „Doppelherznaht“ will schließlich an Männer verloren gehen. Allemal besser, als sich dem völlig zu entziehen, wie sie aphoristisch festhält: „Die Verneinung aller Dinge ist Gleichgültigkeit.“
Ganz schlechte Rassisten: Sebastian 23 checkt Alternativen für Nazis
"Politisch korechts" stellt Sebastian 23 in seinem gleichnamigen Beitrag drei Nazis dar, die sich darum streiten, ob sie das Wort „Kanacke“ gegenüber anderen Menschen noch verwenden dürfen. Denn das sei diskriminierend. „Du bist ein ganz schlimmer Rassist“, regt sich einer der drei Kameraden auf. „Kein Wunder, dass keiner mehr bei uns mitmacht.“ Denn was sind die Alternativen für Old-School-Nazis, die der Ausländerdiskriminierung entsagen? „Ein Marsch durch die Heimat? Eine deutsche Eiche pflanzen?“ Sie finden eine Lösung: „Wie wäre es, wenn wir die Ausländer hassen, aber nicht diskriminieren?“
Vor dem Hintergrund von Pegida, Hogesa und anhaltendem Nazi-Terror in Dortmund geht das über platte Comedy-Zoten hinaus. Satire, die gut aufgehoben ist in einer Kulturveranstaltung. Da kann man auch mal auf „Poetry“ verzichten.
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