Es war wieder einmal volles Haus an jenem illustren Leseabend des 10.3. in der Bochumer Kultkneipe „Goldkante“. Moderator Ralph Köhnen (Literarische Gesellschaft Bochum) hat mit dem Wahl-Leipziger Autoren Martin Becker und Singer-Songwriter Tommy Finke ein bestens aufeinander abgestimmtes Künstler-Duo angeheuert: Die Buchpremiere des einst für den Bachmann-Preis nominierten Wahl-Leipzigers mit Wurzeln im Ruhrgebiet gerät zum Multikunst-Ereignis samt szenischer Lesung. Als Kollektivsymbol stehen Tod und Vergessen in Beckers Roman „Marschmusik“ für einen drohenden kulturellen Totalverlust – so kann die 2018 bevorstehende Schließung der Bottroper Zeche Prosper, dem letzten Steinkohle-Bergwerk in der Ruhr-Region, als Schlusspunkt einer (mentalitäts-)geschichtlichen Ära betrachtet werden. Doch die absehbare Perspektive eines solchen Verlusts kann einem Künstler auch einen Kreativitätsschub verleihen: „Verschwinden wird meine familiäre Vergangenheit. Bleiben werden die Erinnerungen, die ich so gerade noch rechtzeitig aufsammeln konnte.“
Ein leidenschaftliches Plädoyer fürs Leben im Unruhestand hielt die Journalistin Christine Westermann am 11.3. in Schwerte: Auch nach ihrem Abschied von „Zimmer frei“, jenem legendären WDR-Format, das sie zusammen mit Götz Alsmann bis September 2016 über zwei Jahrzehnte lang gestaltete, bewegt Westermann weiterhin die Herzen – rund 200 Gäste lauschten der Vorstellung ihres jüngsten Bucherfolgs „Da geht noch was – mit 65 in die Kurve“. Das Erreichen des Pensionsalters war die Initialzündung hierfür: „Mir ist auf einmal klar geworden, dass wesentlich mehr Leben hinter mir als vor mir liegt.“ Zwei „bewegte Jahre“ lang schrieb sie an dem Buch und empfand hierbei eine „innere Unruhe“ und „unbestimmte Traurigkeit“ angesichts des unabwendbaren Älterwerdens als stetigen Wegbegleiter. Ihre zentrale Botschaft in der bis auf den letzten Platz gefüllten Kundenhalle der Sparkasse Schwerte ist ein nachdrückliches „Carpe diem“, das sie den Gästen mit auf den Weg geben will: „Nicht auf irgendetwas warten, sondern leben – jetzt.“ „Machen Sie sich einen Kopf über das, was ist – nicht über das, was kommt“, empfiehlt Christine Westermann.
Eine ebenfalls mit 200 zahlenden Gästen ausverkaufte Veranstaltung mit dem Krimi-Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf bot am 12.3. die „Lebendige Bibliothek“ Bottrop im Kulturzentrum August Everding. „Ostfriesentod“ heißt der elfte Band in der Krimireihe des gebürtigen Gelsenkircheners, der sich regelmäßig zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Liedermacherin Bettina Göschl, auf Lesereise begibt. Am Ruhrgebiet liebt Klaus-Peter Wolf vor allem jene Bodenständigkeit der Leute, die auch auf ihn selbst zutrifft. Auf die Moderatorenfrage Hermann Beckfelds, Chefredakteur der Dortmunder Ruhr Nachrichten, warum er schon immer Schriftsteller werden wollte, antwortet Wolf lachend: „Ich kann ja nichts anderes...“ Seit 2007 bringt der auch als Kinder- und Jugendbuchautor bekannte Krimi-Schreiber jährlich einen Ostfriesenkrimi heraus, nachdem er 2003 ins ostfriesische Norden gezogen ist. Inzwischen ist seine Reihe Kult und startet regelmäßig gleich bei Erscheinen als Nummer 1 der Spiegel-Bestsellerliste – allein in deutscher Sprache wurden bislang über vier Millionen Ostfriesenkrimis verkauft.
Literaturszene im Ruhrgebiet: Lebendige Bibliothek Bottrop | www.lebendige-bibliothek.de
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