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Christina Kubisch: Electrical Walk U, 2011 im Dortmunder U
Foto: Elvira Neuendank, courtesy Museum Ostwall

Hören lernen

Drei Klangarbeiten von Christina Kubisch im Dortmunder U – Ruhrkunst 11/11

Die „Wolke“, die Christina Kubisch im Schaufenster des Museum Ostwall auf der vierten Etage des Dortmunder U errichtet hat, ist ein guter Start in ihre dortigen Beiträge. Von draußen durch die Glasscheibe zu sehen und drinnen auf Augenhöhe zu umqueren, hängt ein locker gefasstes Bündel schwarzer Kabel über dem Boden. Christina Kubischs „Cloud“ ist eine langgezogene Skulptur, die Schwerelosigkeit verspricht und durchaus symbolträchtig zeigt, um was es geht. Dazu setzt der Betrachter spezielle Kopfhörer auf und vernimmt sogleich „abstrakte“ Geräusche, die sich mit jeder Bewegung und der Annäherung hin zu den Kabeln verändern, auch laut oder leise werden. Sie lassen an das urbane Hintergrundrauschen und die Klangfarben der technischen Apparaturen denken, die uns allenthalben im Stadtraum umgeben. Hier nun übersetzen die Kopfhörer die zirkulierenden Induktionsströme elektrischer Leitungen ins Akustische. Aber es ist der Betrachter, der dies durch sein Verhalten steuert und dabei feststellt, wie unterschiedlich die Töne und Klänge ausfallen. Das Ephemere wird zum anhaltenden Erlebnis.

Christina Kubisch nickt. „Klänge beeinflussen unsere Wahrnehmung viel mehr, als wir glauben“, hat sie schon in einem Interview mit Uwe Rüth gesagt, anlässlich ihres „Electric Walk“ 2010 in der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet. Seit 2004 errichtet sie solche Rundwege mit dafür sensiblen Kopfhörern, auf der ganzen Welt.

Christina Kubisch gehört zu den Pionieren der Klangkunst in Deutschland. Geboren 1948 in Bremen hat sie Malerei an der Kunstakademie in Stuttgart und Musik in Hamburg, Graz und Zürich studiert und anschließend ein Studium der Komposition und Elektronischen Musik in Mailand absolviert. Bekannt wurde sie in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre mit Performances – teils gemeinsam mit Fabrizio Plessi –, bei denen sie, verbunden mit weiteren Aktionen, Querflöte spielte. Aber schon da war klar, dass sie an offenen Handlungsstrukturen interessiert ist, nicht an der Ich-Bezogenheit. Fortan delegiert sie die Aktivität an das Publikum. Ab 1980 wendet sie sich Klanginstallationen und Klangskulpturen zu. Ausgehend von ihrer Entdeckung der elektromagnetischen Induktion, die sie in Mailand macht, errichtet sie Klangwerke im Innen- und Außenraum, etwa dunkle Räume mit Schwarzlicht, in denen Kabel ausgelegt sind. Auch hat sie Klangfelder mit Reihen von Lautsprechern angeordnet – immer ist Sound im Einsatz, meist über Kopfhörer, seltener direkt hörbar. Sie wird zur Planerin, die für jede Ausstellung vorab vor Ort die unhörbaren Geräusche, die durch elektrische Leitungen initiiert sind, aufspürt und in ihrem Tonstudio in der Nähe von Berlin mischt. Kubisch, die seit 1994 eine Professur für audiovisuelle Kunst in Saarbrücken innehat, hat daraus auch Hörstücke entwickelt – „Flying magnetic“, das auf Geräuschen von Flughäfen in der ganzen Welt basiert, war im September innerhalb der Reihe „Lautsprecher“ des Museum Ostwall zu hören. Ihre Arbeiten versteht sie als musikalische Kompositionen; zugleich ist ihr wichtig, dass die elektronische Seite erkennbar bleibt: Ja, diese und das Handwerkliche können sichtbar sein.

Klangrouten im Dortmunder U

Der „Electrical Walk“ im Dortmunder U hält mehrere Routen bereit. In einer Broschüre werden Haltepunkte auf den verschiedenen Stockwerken vorgeschlagen, dann geht es mit den Kopfhörern aus dem Gebäude hinaus und hinunter zur U-Bahn. Wie hört es sich an, mit der Rolltreppe in den Untergrund zu fahren und dort unten zu stehen? Etwas besonders ist es, wenn die U-Bahn einfährt, die Türen sich öffnen und schließen, und sie wieder abfährt. Insgesamt wird deutlich, wie sehr wir von Elektrizität umzingelt sind und unser ganzen Leben von dieser abhängig ist. Auch Geldautomaten und Neonröhren senden Geräusche aus. Neben den globalen Sound-Erfahrungen aber verfügt jeder Ort über eine besondere Klangkulisse, diese arbeitet Christina Kubisch mit ihren „Electrical Walks“ heraus. Und im Laufen mit den Tönen aus den Kopfhörern erlebt man seine Umgebung völlig neu, vielleicht sachlicher, nimmt etwa die Breite einer Passage präziser wahr. Christina Kubisch empfiehlt jedoch, den Kopfhörer in Phasen der Ruhe wieder abzusetzen und die Hörfähigkeit neu zu justieren. Natürlich ist der „Electrical Walk“ in der Sammlung des Museum Ostwall auch ein Kommentar auf die Mode, Museen mit erklärenden Kopfhörern zu besuchen. Unbedingt sollte man sich auf ihren Vorschlag der Führung mit der ganz anderen Wahrnehmung der Kunst einlassen.

„Christina Kubisch – Dichte Wolken“ I bis 15. Januar 2012 im Museum Ostwall im Dortmunder U I www.dortmunder-u.de

THOMAS HIRSCH

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