Zwei Rentner stehen an einer Trinkhalle in Gelsenkirchen-Bismarck. Sagt der eine zum anderen: „Auch wenn sonst alles Mist ist, zumindest sind wir Solarstadt.“ Diese Anekdote erzählt der Geschäftsführer des Wissenschaftsparks Gelsenkirchen Heinz-Peter Schmitz-Borchert gern seinen Besuchern, wenn er auf die Erfolge der 25jährigen Arbeit des Wissenschaftsparks hinweisen will. Tatsächlich gilt der etwas überdimensionierte Schneewittchensarg im Süden von Gelsenkirchen als Kristallisationspunkt des energiepolitischen Strukturwandels im Ruhrgebiet. Heinz-Peter Schmitz-Borchert ist stolz auf das Erreichte. Vielleicht gibt es hier nicht so viele Sonnenstunden im Jahr wie in Freiburg. Vielleicht gibt es nicht so viele Subventionen wie in Sachsen oder Brandenburg. Aber es gibt zweifellos die meisten Dächer, die meisten Stromkonsumenten und somit die meisten möglichen Standorte für Photovoltaik in der Republik. In Gelsenkirchen allein existieren mittlerweile vier Solarsiedlungen.
DIE KRAFT-WÄRME-KOPPLUNG WIRD BESONDERS UNTER DER KONKURRENZ durch KERNKRAFTWERKE LEIDEN
Fragt man allerdings den Geschäftsführer des Wissenschaftsparks nach den Aussichten der Solarbranche, macht er ein etwas gequältes Gesicht. „Wir könnten uns eine klarere Linie der Bundesregierung vorstellen“, antwortet er dann diplomatisch. Die nun im Kabinett beschlossene Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken tangierten seinen Bereich, also den der Solarenergie, nicht so sehr, versucht er zu beschwichtigen. Allerdings klagen seit Bekanntwerden der Regierungspläne nicht nur eingeschworene Umweltaktivisten über den Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergie. Viele Stadtwerke und andere kleine Energieversorgungsunternehmen sehen sich ungerecht behandelt. Während die großen vier Konzerne E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW etwa die Hälfte der Gewinne der Laufzeitverlängerung ihrer Kernkraftwerke behalten dürfen, müssen Stromanbieter, die in Photovoltaik investiert haben, mit der Beschränkung von Zuschüssen nach der Novellierung des Erneuerbare Energien-Gesetzes rechnen. Die Kraft-Wärme-Kopplung, die nicht die Fördergelder von Solar-, Wasser- und Windkraft erhält, wird besonders unter der Konkurrenz durch die nun unerwartet sehr viel länger laufenden Kernkraftwerke leiden. Deutliche Worte fand besonders die Sprecherin Energieversorgung Oberhausen (EVO) Birgit Konopatzki: „Die längeren Laufzeiten der Atomkraftwerke stellen unsere Investitionen auf eine harte Bewährungsprobe. (…) Wir haben Millionen in den Ausbau des Fernwärmenetzes, unserer Kraftwerke und den Bau eines Biomasse-Heizkraftwerkes investiert.“ Mit der Vorrangstellung des Atomstroms werde der Betrieb von solchen Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen zukünftig weniger wirtschaftlich sein, befürchtet man bei der EVO. Dabei sei der Preis für Strom aus Kernkraftwerken eigentlich höher. Birgit Konopatzki weiter: „Umso trauriger, dass bei der Preisgestaltung des Atomstroms nicht das Problem der Endlagerung und die damit verbundenen Folgekosten für die Umwelt mit eingerechnet werden.“ Viele andere Stadtwerke hielten sich eher bedeckt. „Nicht unsere Baustelle“, erwiderten die Sprecher von den Stadtwerken in Essen, Bochum und Gelsenkirchen fast unisono. Natürlich sei man im Bereich regenerativer Energiegewinnung aktiv und unterstütze somit die Bestrebungen der Bundesregierung, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2050 um 80 Prozent zu verringern, erklärten zumindest die Emscher Lippe Energie aus Gelsenkirchen und die Stadtwerke Bochum. Politische Bewertungen allerdings können, so die vielgehörte Aussage der Unternehmenssprecher, von Stadtwerken nicht abgegeben werden. Nur Gabi Dobovisek von dem in Dortmund ansässigen Versorger DEW21 wurde etwas konkreter: „Die Ausrichtung der Unternehmensstrategie von DEW21 auf Klimaschutz und regenerative Energieerzeugung wird durch die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken nicht beeinträchtigt. Die Windkraftinvestitionen sind durch die gesetzlich garantierten Einspeisevergütungen nach dem EEG für 20 Jahre und damit die gesamte Laufzeit abgesichert.“ Die Windkraftkapazitäten der Dortmunder liegen bei stolzen 62 MW. Da man sich auf diese Form regenerativer Energien konzentrierte, bleibt man von der aktuellen Entwicklung weitgehend verschont.
Wie aber geht es den beiden in der Region ansässigen Stromriesen? „Leider werden wir Ihnen derzeit aus Zeitgründen kein Interview anbieten können“, erklärte eine Sprecherin von RWE. E.ON antwortete bis Redaktionsschluss gar nicht. Der drollige grüne Riese von RWE, der vor manchem 3D-Kinofilm in Werbefilmchen die Welt mit Windrädern und Gezeitenkraftwerken wieder in Ordnung bringt, wird, so vermuten wir, Sturzbäche weinen. Denn zumindest die großen Stein- und Braunkohlekraftwerke werden sich ja nicht mehr so rentieren wie gedacht. Zumindest die erneuerbaren Energien werden nun von den Stromriesen fleißig ausgebaut. Denn Investitionen in klimaschonende Energietechnik können Kernkraftwerksbetreiber von ihren staatlichen Zwangsabgaben abschreiben. Ein Schelm, wer denkt, dass hier die Riesen wieder einmal bevorzugt werden.
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