Der Eisenerz- und Kohlebunker des ehemaligen Stahlwerks „Schalker Verein“ ist mit seinen meterdicken Wänden völlig unkaputtbar. Strukturwandel hin, Strukturwandel her, der Koloss aus Zeiten der Montanindustrie will keiner Eigenheimsiedlung weichen. Bleibt also verbranntes Land für die nächsten Generationen? Man kam mit Hilfe der Abakus Solar AG auf die Idee, das Beste aus dem Ding zu machen, und installierte auf dem Betonklotz ein Solarkraftwerk. Im April wurde publikumswirksam mit Oberbürgermeister Frank Baranowski (SPD) der vermutlich längste Solarbunker der Welt eingeweiht.
Baranowski verweist oft auf seine Zukunftspläne für die Stadt. Er möchte, dass Gelsenkirchen trotz des Endes der Kohleförderung führender Energiestandort in der Republik bleibt. Um dies zu ermöglichen, haben sich der örtliche Energieversorger, Solaranlagenproduzenten, ein Wohnungsbauunternehmen, die Sparkasse, Wissenschaftler und die Stadtverwaltung in dem Verein „Solarstadt Gelsenkirchen“ zusammen geschlossen. Das niederländische Unternehmen Scheuten, das vor zwei Jahren Shell-Solar in Gelsenkirchen übernahm, betreibt die europaweit modernste Modul-Produktionslinie für Photovoltaik. So stattete die Firma nicht nur den heimischen Solarbunker aus, sondern auch das Bundeskanzleramt in Berlin. Die dunkelblauen Flächen „Made in GE“ werden inzwischen weltweit installiert. Der heimische Fußballclub hat die Fußgängerbrücke zu seinem Stadion bereits vor Jahren mit einem riesigen Sonnensegel versehen. Um das ganze Stadiondach mit einer der beiden Vereinsfarben zu bedecken, hat dann der Atem leider nicht gereicht.
Die andere wichtige Form der Sonnenenergienutzung ist die Solarwärme. Im Vergleich zur Stromerzeugung ist der Einsatz als Heizung und zur Produktion von Warmwasser hier finanziell günstiger und technisch unkomplizierter. Die Firma Vaillant, früher führender Fossilbrennerhersteller, setzt zunehmend auf erneuerbare Energien. Seit zwei Jahren stellt man im Werk in Gelsenkirchen Wärmepumpen her. Mit ihnen wird Sonnenenergie in Form von Oberflächenerdwärme aufbereitet, um in Haushalten genutzt zu werden. Am 6. Juni wird zusätzlich eine Produktionsstraße für Flachkollektoren eingeweiht.
So etablieren sich beide großen Solartechnologien mit international tätigen Firmen in der Stadt. Dabei, so Wolfgang Jung, Geschäftsführer der Solarstadt Gelsenkirchen e.V., leide die Region gleich unter zwei Standortnachteilen. Die Europäische Union fördere im Ruhrgebiet nur Investitionen mit 30 Prozent. In den neuen Bundesländern betrage die Quote 50 Prozent. Gelsenkirchen sei für die EU trotz der hohen Arbeitslosigkeit nicht hinreichend Krisenregion. So zieht es manchen Hersteller zwar nicht ins ferne Rumänien, aber doch zumindest nach Mecklenburg-Vorpommern. Der zweite Standortnachteil ergibt sich aus der Geographie. In Süddeutschland gibt es etwa 20 Prozent mehr Sonneneinstrahlung. Entsprechend ist dort die Rendite der Anlagen größer.
Aber trotz der Konkurrenz aus Ost und Süd könne sich, so Jung, die Solarindustrie im Ruhrgebiet behaupten. Zum einen gebe es hier genug qualifizierte Forscher, um die Entwicklung der Solartechnologie voran zu treiben. Zum anderen verfügt das Ballungszentrum über eine große Anzahl an Kunden und Dächern. Das Kölner Energieberatungsunternehmen Ecofys hat errechnet, dass in Gelsenkirchen mindestens 4,4 Millionen Quadratmeter Dachfläche zur Nutzung von Solarenergie geeignet sei. Würde man diese mit Photovoltaikmodulen bestücken, so könnten 610 MW Leistung erbracht werden. Das entspricht etwa der Leistung eines Steinkohlekraftwerkes. Trotzdem steht das benachbarte Münsterland besser da. Auf vielen Scheunendächern finden sich bereits Solaranlagen. „Der Bauer ist schlauer“, macht sich Wolfgang Jung einen Reim aus der Tatsache, dass landwirtschaftliche Betriebe eine Sonderförderung erhalten. Natürlich könne wie der Landmann auch der ehemalige Bergmann mit Rohrzange und Schraubenschlüssel umgehen. „Aber dem Bergmann gehört seine Wohnimmobilie nicht immer“, so Jung. Die Eigentumsquote in Gelsenkirchen beträgt nur 15 Prozent. So ist Jung froh, dass die Treuhandstelle für Bergmannwohnstätten Mitglied in seinem Verein ist und sich so zu einem Großkunden der örtlichen Solarindustrie mausern wird. Viele marode Dachziegel können dank moderner Technologie durch elegante Solaranlagen ersetzt werden. Ein Häusermeer in Dunkelblau.
Weniger in den Großbetrieben, sondern viel mehr im Handwerk werden übrigens die neuen Arbeitsplätze entstehen. Jedes Modul muss ja montiert werden. Einen kleinen Blick in die Zukunft können Interessierte bereits am 30. und 31. Mai auf der „4. Job- und Bildungsmesse Erneuerbare Energien“ im Wissenschaftspark Gelsenkirchen werfen. Das aus großkoalitionären Kreisen tönende Wort der Vollbeschäftigung für das Ruhrgebiet kann also tatsächlich Wirklichkeit werden.
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