Mit den Bildern von Alex Katz muss es etwas Besonderes auf sich haben. In den letzten zehn Jahren waren gleich vier große Ausstellungen des 1927 geborenen US-Amerikaners zwischen Bonn und Hannover zu sehen. Und nun also zeigt das Museum Ostwall im Dortmunder U einen Überblick über sein Gesamtwerk, und zwar mit einem besonderen Schwerpunkt, der mitten ins Herz seiner Kunst trifft: den Druckgraphiken, die sämtlich aus der Albertina Wien im Rahmen einer Tournee entliehen wurden, und die Katz vor allem seit 1965 in den unterschiedlichen Techniken fertigt. Sie betonen die Flächigkeit und die Farbintensität bei einer Vereinfachung der Farbskala mit großen einfarbigen Partien, die schon die Malereien kennzeichnen. Und dann ist da auch die japanische Bildtradition, die Katz indirekt aufgreift, ganz besonders „deren typischste Ausdrucksformen, Holzschnitte, Lack- und Wandschirmmalerei“, wie Edward Lucie-Smith im Katalog der Neusser Ausstellung 2007 geschrieben hat. Die Bilder von Alex Katz erinnern an die Pop Art und den Realismus in der amerikanischen Kunst, aber sie sind weder Pop Art noch Realismus, nicht im herkömmlichen Sinne. Sie zeigen im besonderen Menschen unserer Tage, oft in gesellschaftlichen Konventionen, immer gut angezogen, in Abendgarderobe oder in Freizeitkleidung, oder aber menschenleere Orte, Häuser bei Nacht, Bäume oder Blattwerk im Gegenlicht.
Großen Raum nehmen in Dortmund die Portraits ein, die lediglich als Oberkörper zu sehen sind, umfangen von einem Grund, der sich meist neutral verhält. Handlungen sind ausgeschlossen; alles Geschehen und die soziale Zugehörigkeit sind ausgesprochen subtil angedeutet, und zwar durch die Kleidung und die Personen selbst – ihr Teint, ihre Haare – und durch die Konstellation der Personen, die nebeneinander postiert sind. Mit solchen Bildern nimmt Alex Katz übrigens Aspekte heutiger Kunstfotografie vorweg. Aber in seinen Malereien und Druckgraphiken steht für einen Moment die Welt still, während die Erde sich dreht. Denn bei aller Reduktion und Konzentrierung sind seine Bilder Zeugnisse unserer modernen westlichen Gesellschaft ...
Rhythmus und Innehalten
Alex Katz ist Maler, der in seinen Bildern jede Dynamik herausnimmt und sozusagen Bewegungen einfriert – und es ist genial, dass solche traditionellen Medien nun im Dortmunder U als einem Haus der bewegten Bilder gezeigt werden, welches die Geschwindigkeit der Jetzt-Zeit vermittelt. Vielleicht trägt es dazu bei, weiter in die Tiefe dieser Gemälde zu sehen und umgekehrt mit sensibilisierten Augen die Ausstellungen mit den Neuen Medien des Museum Ostwall und des Hartware MedienKunstVerein anzuschauen. Die Druckgraphiken von Katz, die indirekt und meist sehr aufwändig, ja, umständlich entstehen, tragen schon durch ihre Verfahren Langsamkeit und das Bannen eines bestimmten Momentes in sich.
Auch darüber hinaus ist die Kunst von Alex Katz oft irritierend, mit ihren Leerstellen oder indem die Figuren anatomische Verschiebungen besitzen, welche indes die perspektivischen Verkürzungen bzw. Längen plakativer fotografischer Aufnahmen etwa von Lifestyle-Magazinen wiedergeben. Alex Katz wirft hier seine frühen Erfahrungen als Bühnenbildner der New Yorker Paul Taylor Dance Company und als Illustrator für Zeitschriften in den Ring der Malerei. Zugleich kennzeichnet seine Malerei – wie auch die Druckgraphik – eine hohe Musikalität. Sie verfügt über Rhythmus, Paukenschläge und Innehalten. Und alles ist, wie es ist. Dass die Figuren mit einer Künstlichkeit, die sie noch im Zueinander isoliert, nebeneinander platziert sind, hat etwas Bühnenbildhaftes; Katz selbst weist auf seine Bewunderung für die europäische Malerei etwa eines Puvis de Chavannes hin.
Genau genommen kennzeichnet seine Darstellungen mit den vereinfachten, sehr großen, an den Bildrand gerückten Menschen, deren Gesicht vom reflektierenden Licht geglättet wird, der Eindruck der Nahsicht. Aber damit stellt Alex Katz eine sezierende Distanz her. Er zeigt Oberflächen und dringt zum Wesentlichen vor, nicht der Person (hier herrscht eine verschwiegene Übereinkunft zwischen dem Maler und seinen Modellen, darunter oft seine Gattin Ada), sondern der Umstände und der luxuriösen Umgebung, in der dieser lebt.
Das trifft ähnlich auch auf die Landschaftsstücke und die urbanen Situationen zu. Diese geben den perspektivischen Blick des Betrachters wieder. Sie sind entsprechend weit in den Ausschnitten und von einem lässigen Erleben gekennzeichnet, das mit einem entspannten Fühlen gekoppelt ist: etwa als Schlendern durch die nächtliche, stille Straße unterm Sternenhimmel oder mit dem Gegenüber erleuchteter Fenster. Oder als Spaziergang im Park mitten im Sonnenlicht, mitunter auch mit Paaren in der Landschaft. Das hat nun etwas Kleinstädtisches, manchmal auch Zurückgezogenes, welches auf das Eigentliche des bürgerlichen Lebens verweist. „Ich lebe in New York und fahre nach Maine, und das ist, was ich male“, hat Alex Katz in einem Interview ganz lakonisch gesagt (2003/04; London 2005).
Weiter geht Donald Kuspit, was die Menschenbilder betrifft. Kuspit schreibt: „Es ist eine unterschwellig sehr unsoziale Geselligkeit voller künstlicher Heiterkeit“ (zit. Neuss 2007). Und so ist der vielleicht europäischste unter den amerikanischen Malern der großen realistischen Periode doch sehr amerikanisch: mit dem sezierenden Blick eines europäischen Regisseurs.
„Alex Katz: Der perfekte Augenblick“ I bis 9. April I Museum Ostwall im Dortmunder U I www.museumostwall.dortmund.de
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