Helmut Klinker (1925 bis 2010) zählt zu den Wegbereitern zeitgenössischer Kunst in Bochum. Viele bedeutende Werke aus seiner Sammlung fanden Eingang in die Museumskollektion. Als Hommage hat das Kunstmuseum Bochum eine Präsentation von Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen zusammengestellt, die aus seiner Sammlung erworben werden konnten. Darunter Werke von Anatol, Joseph Beuys, Alexander Calder, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Bernhard Schultze, Emil Schumacher und Andy Warhol, die Sammlerinstinkt und Sammlerglück des Bochumer Kunstfreundes anschaulich dokumentieren.
trailer: Wie wichtig war Helmut Klinker für das Bochumer Museum?
Dr. Hans Günter Golinski: Er ist einer der Gründungsväter des Museums. Helmut Klinker war schon 1958 beteiligt, als es darum ging eine erste städtische Kunstgalerie zu schaffen. Er hat damals auch bereits die inhaltliche Ausrichtung dieser Institution beeinflußt. Die Kunstgalerie zeigte damals in erster Linie Kunst nach 1945. Er war eng befreundet mit Peter Leo, dem Gründungsdirektor. Helmut Klinker hat damals sogar in Absprache mit ihm gesammelt. Er hat dem Museum dann ermöglicht, Kunstwerke von ihm zur Hälfte des damals gegenwärtigen Zeitwerts zu kaufen. Deshalb konnte er auch im Gegenzug Strukturen des Hauses nutzen, hatte einen Magazinraum und konnte Transporte über das Museum durchführen. Richard Erny, der damalige Bochumer Kulturdezernent, hat das damals vertraglich fixiert. Dreimal sind in den 1980er Jahren Arbeiten von Klinker zum halben Preis gekauft worden. Das waren alles Werke, die die Stadt Bochum zum vollen Preis nie hätte erwerben können, die damals auf dem Kunstmarkt bereits richtig teuer waren. Aber es waren auch Werke dabei, deren Bedeutung erst viel später deutlich wurde. Bis zuletzt ist Helmut Klinker dem Museum Bochum verbunden geblieben.
Hat es in den letzten 20 Jahren auch noch Ankäufe von ihm gegeben?
Im meiner Amtszeit nicht mehr. Aber das hatte nichts mit Helmut Klinker zu tun, sondern mit der Finanzlage der Stadt Bochum.
War er ein Sponsor oder eher Mäzen?
Er hatte mäzenatische Ambitionen, wollte das zeitgenössische Kunst in dieser Stadt eine Rolle spielt. Und das ging über das Museum hinaus. Er hat beispielsweise Joseph Beuys, als der noch als Bürgerschreck galt, zu sich nach Bochum geholt. Er hat bei Künstlern wie Gerhard Richter und Sigmar Polke Portraits bestellt. In seinem Garten konnten Vertreter der Minimal Art künstlerisch arbeiten. Er war ein Pionier, dem damals auch Kritik und Häme entgegenschlug, aber er mochte auch das Provokative, das er sehr aggressiv und argumentativ verteidigen konnte. Sponsern mit Gegenleistung war nicht sein Ding.
Gibt es noch Sammler wie ihn, die nicht nur ein eigenes Museum haben wollen?
Peter Ludwig hat diese Bewegung ja ins Rollen gebracht. Heute gibt es immer mehr Sammlermuseen. Die andere Sammlerspezies vergleichbar mit Helmut Klinker gibt es vereinzelt auch noch, aber die Rahmenbedingungen haben sich ja auch gravierend verändert. Die Szene war wesentlich überschaubarer. Im Rhein-Ruhrgebiet gab es rund 15 Galerien, die konnte man alle besuchen. Das gleiche galt für die Künstlerschaft. Beides ist in den Jahren darauf in der Masse explodiert, der Kunstmarkt hat eine ganz andere Dimension erreicht. Damit sind auch ganz andere Sammlertypen entstanden.
Macht der Markt denn die kommunalen Museen kaputt?
Für mich ist die Kunstszene eine Parallelszene zur Museumsszene. Es gibt da Überschneidungen, aber beide funktionieren nach eigenen Gesetzen. Wir sind als kommunales Museum in eine größere Distanz zum Kunstmarkt geraten, weil wir schlicht und einfach nicht mehr ankaufen können. Durch die bescheidenen Budgets, die wir als kleine und mittlere Häuser, aber auch die großen Museen haben, ist viel von den alten Strukturen zwischen Galerien und Sammlern und den Museen verloren gegangen. Wir konnten noch in Galerien kaufen, konnten auch deren Netzwerke nutzen. Da war man näher an einem Mann wie Helmut Klinker. Es gibt die verstärkte Tendenz, heute eher auf eigene Rechnung zu sammeln und dies auch nach außen zu demonstrieren. Wir bräuchten aber wieder einen neuen Schulterschluß zwischen öffentlichen Museen und Sammlern, die sind heute wichtiger denn je.
Ist die Zukunft des Bochumer Museum zwischen Ostwall im Dortmunder U und Folkwang in Essen wie die des VFL Bochum zwischen Borussia und Schalke?

Nein. Ein Museum gewinnt seine Bedeutung in erster Linie durch seine Sammlung. Die Osthaus Sammlung ist in unserer Region exzeptionell. Und damit ist auch das Ausstellungsgeschehen verbunden. Das funktioniert teilweise ganz simpel: Gibst du mir, gebe ich dir. Wenn man Projekte plant, kommt man viel leichter an Leihgaben. Dieser Leuchtturm in Essen ist wahnsinnig wichtig und gibt der Region einen markanten Eckpunkt. Davon können die kleineren Häuser nur profitieren. Ob das Dortmunder U eine Konkurrenz ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich bin froh, daß ich ein komplexes Haus habe mit dem man sich identifiziert. Meiner Meinung nach kranken diese mehr funktional genutzten Orte daran, dass sich die einzelnen Institute darin auch behaupten müssen. Der Besucher identifiziert sich anders mit einem Museumskomplex, als wenn er wie im U oder auch beim Museum in Luzern oben drauf gesetzt erscheint. Wir haben alle im Moment Sorgen, aber ich habe keine Existenzängste. Das Museum Bochum mit einem Alt/Neubau am Stadtpark muss bei der bildenden Kunst auch als Ganzes gesehen werden. Wir haben zusammen mit der Kunstsammlung der RUB und der Situation Kunst dezentrale Schwerpunkte, es wäre natürlich günstiger, wenn alles zusammen einen Komplex bilden würde und wir uns die Besucher wechselseitig zulotsen könnten, aber diese dezentrale Komplexität ist auch etwas, womit die Stadt Bochum den anderen Städten Paroli bieten kann.
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