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Hans-Christian Schink, A20 – Peenebrücke Jarmen, 2002 (Serie Verkehrsprojekte Deutsche Einheit 1995-2003), Chromogener, © Hans-Christian Schink

Die Welt in Ausschnitten

Das fotografische Werk von Hans-Christian Schink in der Küppersmühle Duisburg - RuhrKunst 09/11

Die Duisburger Ausstellung von Hans-Christian Schink ist richtig gut besucht. Sind, in der Nachbarschaft zu Düsseldorf mit seinen Fotokünstlern Gursky, Struth und Becher, die Aufnahmen dieses Leipziger Fotografen wirklich so herausragend, wie vom Museum Küppersmühle angekündigt? Handelt es sich hier tatsächlich um einen der bedeutendsten deutschen Fotografen der Gegenwart? Im Rheinland und Ruhrgebiet freilich ist dies Schinks erste größere Präsentation, auch in der maßstäblichen Fotosammlung des Museum Folkwang in Essen ist er nicht vertreten. In der Küppersmühle selbst sind innerhalb der Sammlung Ströher zwar ständig Bilder von ihm zu sehen, aber sie gehören unterschiedlichen Werkgruppen an und lassen dort außerdem nicht den gehörigen Abstand zu: Denn am besten läuft man aus der Distanz auf Schinks großformatige Farbfotografien zu.

Nun also findet in unserer Region Hans-Christian Schinks erste monographische Ausstellung mit ausgewählten Werkgruppen statt, einsetzend mit frühen Bildern aus und direkt nach der Studentenzeit. Hans-Christian Schink wurde 1961 in Erfurt geboren, er hat 1986-91 Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert, wo er auch heute lebt. Seine frühen Aufnahmen thematisieren die innere Verfasstheit der DDR anhand einzelner Szenen im Alltag. Sie sind noch in schwarz-weiß und im moderaten Format abgezogen. Aber sie kennzeichnet bereits die spätere entschleunigende Perspektive und eine Konzentriertheit der Darstellung, das Karge im Verzicht auf alles Beschönigende. Die Menschen spielen nur manchmal eine Rolle und sind dann in Geschehnisse eingeordnet. Wenig später verschwinden sie ganz aus Schinks Fotografien oder tauchen dort nur am Rande auf.

Trotzdem – oder gerade deshalb, Schink geht es in seinen Aufnahmen bis heute wesentlich um Spuren der Zivilisation. Er fokussiert in seinen gerahmten C-Prints monumentale Brückenbauten, die Schneisen in die Landschaft schneiden. Und er schildert, in einer anderen Serie, eine Stadt, die in den Felsen gebaut ist und schier mit diesem verwächst. Sein Blick folgt dem Lauf der Strommasten durch ein japanisches Dorf. Immer geht dem eine gezielte Recherche und intuitive Annäherung voraus, die Orte verteilen sich über den Globus, sind in Los Angeles, Peru, Vietnam oder der Antarktis. Ein Thema ist die Rolle der Natur in der heutigen Zeit und der Wandel des Klimas und der Vegetation. Schink fotografiert dichte Dschungel, deren in Nebel, Licht und Schatten gehüllte Bäume unmittelbar vor der Kamera aufragen – andernorts ist es aus der Ferne eine Hügelkette im Schnee, umfangen von eisigem Wasser und weißem Himmel.

Arbeit in Werkgruppen
Bei aller machtvollen Behauptung der einzelnen Bilder, macht es Sinn, dass immer mehrere aus den Werkgruppen ausgestellt sind, um ihre Konzeption und die Genauigkeit des Standpunktes recht zu verstehen. So erinnern die riesigen, von unten aufgenommenen grauschwarzen Brückenpfeiler – die der Serie „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“ entstammen – im fast abstrakten Ausschnitt an konkrete Fotografie. Dichte blockhafte Partien teilen hier die Bildfläche.

Das fotografische Werk von Hans-Christian Schink ist auch deshalb so gut, weil die Maßnahmen und die Perspektiven mit den Serien wechseln. Die Architektur und die Struktur der Landschaft werden zu Protagonisten, der Horizont ist nach oben verlegt, die Monumente ragen steil auf und werden teils vom Bildrand beschnitten. Der Betrachter, der vor dem Bild steht, erfährt sich in einiger Kleinheit. Zugleich entsteht eine Fremdheit, Dinge geraten in den Blick, werden besonders, an denen wir sonst vorbeilaufen. Auf immer neue Weise scheint das Geschehen innezuhalten, es stockt der Atem bei diesen so intensiven fotografischen Schilderungen in brillanter, minutiöser Erfassung. Und so wie Schink nach dem Angemessenen gegenüber dem Motiv sucht, wendet er sich in einzelnen Serien direkt experimentellen Verfahren in der fotografischen Technik zu. Dort arbeitet er mit extremen Vergrößerungen, hin zu einer Grobkörnigkeit und mit Solarisationseffekten. Natürlich wirft er dabei Fragen nach der Wirklichkeit der Fotografie und nach der Gegenwärtigkeit von Zeit auf, als philosophische Themen, die sein ganzes Werk begleiten.

Aber die eindrucksvollsten Bilder sind doch die unspektakulären, die Berge oder Straßenzüge mit Holzhütten zeigen. Gewiss scheint auch da eine Erhabenheit auf, zumal wenn es um überschauende Panoramen in fernen Ländern geht. Aber Hans-Christian Schink verliert nie seine Anliegen dahinter aus den Augen. Er arbeitet die Beschaffenheit einzelner visueller Ereignisse heraus und liefert so eine Topographie unserer Zivilisation. Er untersucht unser Verhältnis zu Landschaft und Natur, indem er uns auf Abstand setzt. Das gelingt so überzeugend, dass er in der Tat zu den wichtigen Fotografen unseres Landes zu rechnen ist.

„Hans-Christian Schink – Fotografien 1980 bis 2010“ I Bis 3.10. I Museum Küppersmühle Duisburg I 0203 30 19 48 11

THOMAS HIRSCH

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