Es war einer der blutigsten Ort in ganz Afghanistan. Dort hat jeder Mensch hat seinen Zerreißpunkt: Als Frontberichterstatter begleitet ein Journalist das Leben von US-Soldaten in den Berglandschaften. Was zehrt mehr: die Feuergefechte selbst oder die quälende Zeit des Wartens? Ein Abend im Dortmunder Theater über den Krieg der Soldaten und den Krieg der Medien. Nur 20 Zuschauer gelangen bei der Vorstellung in die dunklen Katakomben, wo Jonas Fischer „Embedded – ein Jahr Afghanistan“ mit Ekkehard Freye und Randolph Herbst inszeniert hat.
trailer: Herr Fischer, verträgt der Krieg nur zwanzig Zuschauer?
Jonas Fischer: Auf gar keinen Fall. Am liebsten hätte ich ja 2.000. Nur manchmal ist die Art, wie man etwas erzählen will so, dass das nur 20 Zuschauer zulässt. Ich hoffe, dass die sich dann glücklich schätzen können.
Wo spielt das Stück genau?
Es spielt in einem kleinen Vorposten der US-amerikanischen Armee im Korengal-Tal in Afghanistan.
Von dem sie vor fast genau einem Jahr ziemlich unrühmlich abgezogen sind.
Für die Amerikaner hat es bestimmt eine besondere Bedeutung. Weil es sich angefühlt hat wie ein weiteres, kleines Vietnam. Ein weiteres Scheitern. Sie haben es genauso wenig geschafft, wie vorher die Sowjets.
Und wo liegt die afghanische Berglandschaft im Theater?
In der Unterbühne. Eigentlich ist das unter der Spielfläche der Großen Bühne. Ein Raum, der sonst nur technisch genutzt wird. Dort sind die Drehscheibenmaschinerie, Dimmer-Packs von der Beleuchtung und die Tonanlagen.
Also ein kleiner Guckkasten?
Absolut nicht. Das Guckkastenprinzip ist genau das, was ich nicht möchte und deswegen bin ich in diesen Raum gegangen. Üblicherweise setzt man sich im großen Haus in den gemütlichen roten Sessel, hat ein Fenster und guckt da rein. Genauso funktionieren aber auch die Medien und damit die Berichterstattung über Krieg. Man schaut sich das an und dann macht man den Fernseher wieder aus. Wenn man aber einem Journalisten folgt, der sich in eine amerikanische Einheit auf diesem Außenposten einbetten lässt und dann ein Jahr lang intensiv mit diesen Menschen zusammenlebt, dann bekommt man eine viel genauere Inneneinsicht. So kann man das dann auf das Theater übersetzen, das ist wie backstage. Krieg backstage.
Und wo kommt der Text her
Der Text basiert zu großen Teilen auf den Aufzeichnungen von Sebastian Junger, der als Journalist im Korengal-Tal war.
Wie soll der Zuschauer die Katakomben des Theaters wieder verlassen?
Das ist schwer zu beantworten, ohne dass ich das Erlebnis vielleicht vorwegnehme. Also auf keinen Fall belehrt, sondern vielleicht ein bisschen durchgeschüttelt, ein bisschen nachdenklich. Auf jeden Fall mit dem Gefühl, etwas erlebt zu haben.
Geht es um Weltpolitik oder um die Befindlichkeit der Menschen in einer abstrusen Situation?
Auf jeden Fall um letzteres. Ich sehe den Stoff nicht als ein politisches Stück, sondern als ein Stück, das sich mit der menschlichen Psyche beschäftigt. In diesem konkreten Fall geht es zwar um den Krieg, es könnte aber auch eine andere Extremsituation sein.
Also ist der Ort, an dem es spielt eigentlich ohne Bedeutung? Es könnte genauso gut in Pakistan spielen? Oder in Afrika?
Ja. Man würde nicht die gleichen Bedingungen vorfinden, aber der Ort, den ich da jetzt gewählt habe, der macht ja auch etwas mit den Menschen. Das passiert auch an anderen Orten der Welt und es passieren vor allen Dingen auch in verschiedenen Kulturkreisen sehr ähnliche Dinge. Gerade in Extremsituationen merkt man, dass junge, amerikanische GIs aus Texas nicht viel anders sind, als vielleicht der Sohn eines Gemüsehändlers in Tunesien. Die haben ähnliche Bedürfnisse, ähnliche Wünsche und verspüren Genugtuung bei bestimmten Dingen oder bestimmten Erlebnissen. Sie wollen alle was erleben.
Sind Theaterstücke über Krieg eigentlich immer zeitlos?
Ich denke, ja.
Also, per se zeitlos?
Nach meinem Ansatz, ja.
Und warum macht man dann nicht einen Shakespeare?
(lacht) Klar, aber das gleiche Thema bedeutet ja nicht die gleiche Einsicht. Mich hat in diesem Fall der reale Hintergrund sehr gereizt. Ich hatte mir das zunächst gar nicht als Thema vorgenommen, sondern ich habe darüber gelesen und gemerkt, das es einfach wahnsinnig interessant ist, was da mit diesen Menschen passiert, weswegen sie in den Krieg ziehen, was sie dort erleben und was sie unter Umständen auch zurückkehren lässt in den Krieg. Es gibt Heimkehrer-Stoffe, Berichte von jungen Männern, die aus dem Krieg nach Hause kommen und dann nicht mehr klarkommen, das ist im Westen nichts neues.
Hat das Theater bei diesen Themen gegenüber dem Film einen Vorteil?
Auf jeden Fall. Aber der Film hat auch einen Vorteil gegenüber dem Theater. Es kommt auf den jeweiligen Ansatz an. Ich kann bei meiner Inszenierung nicht diese krassen Bilder entstehen lassen: Große Explosionen, donnernde Helikopter. Selbst wenn man das könnte, wäre es auch nicht das, worum es mir im Einzelnen geht. Aber ich kann im Theater die Menschen vielleicht in ihrer Vorstellungskraft besser erreichen. Und die ist unter Umständen sehr viel stärker als jeder Kriegsfilm.
„Embedded – ein Jahr Afghanistan“ von Jonas Fischer I R: Jonas Fischer I Mi 18.5. 19:30 Uhr I Unterbühne Theater Dortmund I 0231 502 72 22
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