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Das Hochamt des Tourismus

02. November 2010

Das schwarzweiße Fotoalbum Teil 1 - Magenbitter 11/10

Kaffeetrinken bei Mama am Sonntag. Nichten und Neffen toben, die Alten erzählen Schwänke aus dem Leben. „Noch ein Stückchen Apfelkuchen?“ Um Gottes Willen. Es dominiert die pappsatte Bewegungslosigkeit. Die Kinder entdecken gerade im Schrank die alten Fotoalben und sind Feuer und Flamme, suchen Signale aus der schwarzweißen Vergangenheit. Auch in steinzeitlichem Technicolor waren etliche Bilder ohne die heutigen postapokalyptischen Kulissen verfallender Industrielandschaften noch grau. Denn der damalige Lebensraum war von einer ewig scheinenden Staubschicht überzogen. „Das ist dein Uropa, der in der Jahrhunderthalle beim Bochumer Verein gearbeitet hat“. Die Kinder staunen über den Mann mit der farblosen John Lennon-Brille. Eigentlich sah er ja ganz fit aus, doch Mutters Vater hat das Rentenalter nie erreicht. Den Krieg hat er überlebt, Zeche und Stahlwerk nicht. So war das damals halt. Grauer Alltag, graue Gegend, graue Stimmung. Eine Realität fernab von Hochglanz-Idylle auf Besucherbergwerken, von restaurierten Stahl-Landmarken und dem grasgrünen Image einer selbsternannten Kulturmetropole. Und die Bilder in den Fotoalben unserer Vorfahren lügen noch nicht. Heute hat eine visuelle Mafia die Herrschaft über die Fotografie übernommen, kann mit technischen Tricks dem Betrachter eine Realität vorgaukeln, die es nicht gab, nicht gibt und die in ferner Zukunft auch einen wirklichen Blick auf die dann reale Vergangenheit nicht mehr zulässt.
Das Hochamt des Tourismus heißt heute Hochpunkte. Schick illuminierte Industrie-Bauten, bunte Smarties für Reisende, die statt Alpen oder Meer einmal das rostige Flair einer Region erleben wollen. Erleben wollen die aber nicht den unsichtbaren Strukturwandel, sondern den Reiz des Surrealen. Den bearbeiteten Blick. Die Bilder, die nicht dem wahren Charakter dieser Region entsprechen. Die Macht über die Bilder haben aber die, die an dieser Sicht auf die Dinge partizipieren, die dafür tricksen und täuschen. Oder haben Sie schon einmal eine Cellistin im Sonnenaufgang auf Schacht Franz Haniel 2 in Bottrop gesehen? Und was soll uns diese Impression von einem Denkmal aus der ehemaligen Bergbauregion sagen? Dass jetzt die Musiker hier die Drecksarbeit machen? Ein interessanter Gedanke, der mehrere Schichten der Interpretation zulässt. Täuschen durfte im Pott immer nur einer. Flankengott Stan Libuda, der einzige, der wohl am Göttlichen vorbeidribbeln konnte, der genau das aber hoffentlich nicht getan hat. Fußballbilder kleben natürlich auch im Fotoalbum: Onkel Peter wie Stan Libuda beim ersten Training, Onkel Peter mit offenen Schürfwunden in der Küche. Später auch: Onkel Peter endlich auf dem Weg in die zweite Kreisklasse. „Wer ist denn Stan Libuda?“ Mein Neffe ist jung, die Erklärung dementsprechend kompliziert. Einer wie Marko Marin, sage ich. Nur irgendwie größer. Eine schöne doppeldeutige Metapher, aber eigentlich genauso falsch wie die Mär von einer Metropole Ruhrgebiet und die bunten Bilder, die sie uns am Ende des Jahres davon zeigen werden. Die Kinder blättern weiter, entdecken eine Ungeheuerlichkeit ... (Fortsetzung folgt).

Peter Ortmann

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