Kaffeetrinken bei Mama am Sonntag. Nichten und Neffen toben, die Alten erzählen Schwänke aus dem Leben. „Noch ein Stückchen Apfelkuchen?“ Um Gottes Willen. Es dominiert die pappsatte Bewegungslosigkeit. Die Kinder entdecken gerade im Schrank die alten Fotoalben und sind Feuer und Flamme, suchen Signale aus der schwarzweißen Vergangenheit. Auch in steinzeitlichem Technicolor waren etliche Bilder ohne die heutigen postapokalyptischen Kulissen verfallender Industrielandschaften noch grau. Denn der damalige Lebensraum war von einer ewig scheinenden Staubschicht überzogen. „Das ist dein Uropa, der in der Jahrhunderthalle beim Bochumer Verein gearbeitet hat“. Die Kinder staunen über den Mann mit der farblosen John Lennon-Brille. Eigentlich sah er ja ganz fit aus, doch Mutters Vater hat das Rentenalter nie erreicht. Den Krieg hat er überlebt, Zeche und Stahlwerk nicht. So war das damals halt. Grauer Alltag, graue Gegend, graue Stimmung. Eine Realität fernab von Hochglanz-Idylle auf Besucherbergwerken, von restaurierten Stahl-Landmarken und dem grasgrünen Image einer selbsternannten Kulturmetropole. Und die Bilder in den Fotoalben unserer Vorfahren lügen noch nicht. Heute hat eine visuelle Mafia die Herrschaft über die Fotografie übernommen, kann mit technischen Tricks dem Betrachter eine Realität vorgaukeln, die es nicht gab, nicht gibt und die in ferner Zukunft auch einen wirklichen Blick auf die dann reale Vergangenheit nicht mehr zulässt.
Das Hochamt des Tourismus heißt heute Hochpunkte. Schick illuminierte Industrie-Bauten, bunte Smarties für Reisende, die statt Alpen oder Meer einmal das rostige Flair einer Region erleben wollen. Erleben wollen die aber nicht den unsichtbaren Strukturwandel, sondern den Reiz des Surrealen. Den bearbeiteten Blick. Die Bilder, die nicht dem wahren Charakter dieser Region entsprechen. Die Macht über die Bilder haben aber die, die an dieser Sicht auf die Dinge partizipieren, die dafür tricksen und täuschen. Oder haben Sie schon einmal eine Cellistin im Sonnenaufgang auf Schacht Franz Haniel 2 in Bottrop gesehen? Und was soll uns diese Impression von einem Denkmal aus der ehemaligen Bergbauregion sagen? Dass jetzt die Musiker hier die Drecksarbeit machen? Ein interessanter Gedanke, der mehrere Schichten der Interpretation zulässt. Täuschen durfte im Pott immer nur einer. Flankengott Stan Libuda, der einzige, der wohl am Göttlichen vorbeidribbeln konnte, der genau das aber hoffentlich nicht getan hat. Fußballbilder kleben natürlich auch im Fotoalbum: Onkel Peter wie Stan Libuda beim ersten Training, Onkel Peter mit offenen Schürfwunden in der Küche. Später auch: Onkel Peter endlich auf dem Weg in die zweite Kreisklasse. „Wer ist denn Stan Libuda?“ Mein Neffe ist jung, die Erklärung dementsprechend kompliziert. Einer wie Marko Marin, sage ich. Nur irgendwie größer. Eine schöne doppeldeutige Metapher, aber eigentlich genauso falsch wie die Mär von einer Metropole Ruhrgebiet und die bunten Bilder, die sie uns am Ende des Jahres davon zeigen werden. Die Kinder blättern weiter, entdecken eine Ungeheuerlichkeit ... (Fortsetzung folgt).
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Ohne Angst verschieden
Holgers letzte Worte – 06/26
Kein schöner Zug
Holgers letzte Worte – 05/26
Echte Alternativen
Holgers letzte Worte – 04/26
Was zu beißen
Holgers letzte Worte – 03/26
Unpopuläres Klima
Holgers letzte Worte – 02/26
(Kein) Gesicht zeigen
Holgers letzte Worte – 01/26
Facetten des Antisemitismus
Vortrag und Diskussion im Bahnhof Langendreer Bochum – Spezial 12/25
Das ewige Ringen um die Demokratie
Podiumsgespräch im KWI Essen – Spezial 11/25
Zwischen Anspruch und Realität
Vortrag über Erinnerungskultur im Bochumer Fritz Bauer Forum – Spezial 11/25
Positives bleibt
Holgers letzte Worte – 12/25
Am Kipppunkt der Freiheit
Diskussion über Pressefreiheit mit der Initiative 18 in der Lichtburg Essen – Spezial 11/25
Was Menschen sehen wollen
Diskussion am KWI Essen über Kunsterfahrung und Selfiekultur – Spezial 10/25
Dystopie und Apathie
Jahreskolloquium im Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung – Spezial 10/25
Atom – ja bitte?
Holgers letzte Worte – 11/25
Jenseits des Rasens
„Pilsken, Pöhlen und Probleme“ in der Rotunde Bochum – Spezial 10/25
Nicht alles glauben!
Wahlkampf NRW: Kampagne der Landesanstalt für Medien NRW – Spezial 09/25
Protest gegen Wucher
Online-Gespräch zur Geschichte der Berliner Mietenbewegung – Spezial 08/25
Die Vergangenheit ruhen lassen?
Vortrag über die Essener Justiz nach der NS-Zeit im Bochumer Fritz-Bauer-Forum – Spezial 08/25
Das Ende des Weltmarkts?
Online-Vortrag zur deutschen Wirtschaftspolitik – Spezial 07/25
Der deutschen Identität entkommen
Verleihung des taz Panter-Preises in Bochum – Spezial 07/25
Schuld und Sadismus
Diskussion am KWI Essen über Lust an der Gewalt – Spezial 07/25
Hab’ ich recht?
Diskussion über Identität und Wissen im KWI Essen – Spezial 06/25
Die Rechte erzählt sich gerne was
Diskussion über rechte Ideologie und Strategie im KWI Essen – Spezial 06/25
Im Spiegel der Geschichte
Die Ausstellung „Die Rosenburg“ im Bochumer Fritz Bauer Forum – Spezial 06/25
Kriegstüchtig und friedfertig
Diskussion über europäische Sicherheitspolitik in Dortmund – Spezial 06/25