Rustan hält es nicht mehr bei seiner Verlobten und deren Vater. Begleitet von seinem Gefährten Zanga, der ihm das Leben dort draußen in bunten Farben schildert, bricht er auf in die Welt. Schon bald besteht er das erste Abenteuer, wird zum Mörder und zum Diktator eines Reichs. Erst als er schließlich den Selbstmord als letzten Ausweg sieht, erwacht er und erkennt, dass sein Auszug aus dem Tal nur ein böser Traum war. Rustan gibt seinen Traum vom Ruhm auf. Grillparzer (1791- 1872) dessen dramatisches Märchen 1834 am Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde, behandelt die alte Erzählung vom Sündenfall als Ge- schichte des Willens zur Macht. Die Hölle – eine auf Betrug gegründete Welt. 1999 eröffnete Michael Gruner mit Calderón de la Barcas „Das Leben ein Traum“ seine erste Spielzeit in Dortmund. Elf Jahre später beschließt das Schauspiel seine Abschlussspielzeit mit Franz Grillparzers „der traum ein leben“. Regie führt die österreichische Regisseurin Anna Maria Krassnigg.
trailer: Frau Krassnigg, die Aufgabe von Träumen: Was ist das für ein Signal? Anna Maria Krassnigg: Das ist das Signal für erfolgte Verdrängung. Wenn man nicht mehr träumt, dann kommt kein Trieb mehr hoch und damit auch keine Wahrheit mehr. Das ist die totale Kapitulation. Damit sind Träume in jeder Hinsicht gemeint, sowohl Tagträume als auch Phantasien. Wenn man die aufgibt, ist man tot. Man könnte auch das freudianische Träumen abschalten, das funktioniert natürlich nicht, man kann aber so tun, als ob man es vergäße, dann ist das auch eine Form von Tod, denn dann ist die letzte Schleuse, die aufgehen kann, um einen Trieb durchzulassen, geschlossen.
Ist dieses Stück ein Lehrbeispiel dafür, dass ein Volk lieber nie aufbegehren sollte? Überhaupt nicht. Wenn man das so sähe, und die Literaturgeschichte hat das ja oft so gesehen, dann wäre das für mich die Fortsetzung des klassisch falschen Grillparzer Bildes. Der war ja nicht der knöcherne österreichische Hofrat, den die Ge- schichte praktischerweise aus ihm gemacht hat. Er zeigte das erste erkennbare Bild eines Zerrissenen, und ich halte das für eines der interessantesten Männerbilder überhaupt, weil es eben kein Klischee ist. Das heißt, seit Grillparzer denken konnte, war er zerrissen von dem, wie man in der damals verfassten Welt überleben konnte, eben nur mit etwas zu essen, mit irgendeinem Job und ein wenig Anerkennung. Und wenn man das wenigstens am untersten Level erreichen wollte, musste man sich anpassen. Das hat er zum Teil gemacht, hat aber im Gegensatz zu sehr vielen Pseudorevolutionären seiner Zeit und der Nachzeit ständig darunter gelitten, und zwar aktiv. Er hat Erfolg gehabt auf der Bühne, das war ein Riesending. Er war der König der Heimatdichter, und der Grillparzer geht nach Hause und schreibt in seine Tagebücher, die uns erhalten sind: Dieser Mensch, der das geschrieben hat, ich glaube, das bin ich, ist so unbegabt, dass man ihn sofort umbringen müsste. Das heißt, er war jemand, der sich nie hat blenden lassen vom Erfolg als eine Art Sedierung. Und mit dem Syndrom, das jemand auf der einen Seite sagt, die Welt ist so verfasst, dass ich mich arrangieren muss, und gleichzeitig immer sagt, dass das sowas von scheiße sei, muss man erst mal alt werden. Er hat sich auch im Alter nie beruhigt, wie Thomas Bernhard beispielsweise auch nie. Im letzten Brief, der uns erhalten ist, steht immer noch, Grillparzer, du wirst es nie schaffen, du hast alles falsch gemacht. Von diesem Geist wird das Stück ganz stark getragen. Und wenn man es nicht konventionell liest und das berühmte Ende nicht als „Bleib im Lande und nähre dich redlich“ interpretiert, dann geht es darum, dass er sagt, das, was der Traum dir gezeigt hat, das bist du. Das kannst du noch so sehr verpacken in Seidenpapier, es kommt raus, und du hast ein Problem bis ans Ende deiner Tage.
Wenn das Leben nur ein Traum wäre, wie sähe dann die Realität aus? Ich glaube, das ist erkennbar am Dualismus von Traum und Wirklichkeit überhaupt und ganz stark auch bei Grillparzer, der Freud ja noch nicht lesen konnte. Das ist das Erstaunlichste an dem Stück, dass dort schon psychologische Wahrheiten in einer Genauigkeit beschrieben werden, wo heute erst die Hirnforschung und Neurologie erkannt hat, dass der Traum der Wächter des Schlafs ist, nicht der Zerstörer. Er hat das alles vorgeahnt, und er wusste genau, dass die Wirklichkeit etwas zu tun hat mit mehr oder minder spürbarem organisierten Zwang. Um sich nicht den Schädel einzuschlagen, muss sich jeder mit jedem arrangieren, und diesen Zustand kann nur ein Zwangssystem herstellen. Das Stück ist viel aktueller geworden, seit es geschrieben wurde. Es zeigt sich heute, dass dieser Zwang nicht verschwindet, wenn die Gesellschaft zivilisier- ter wird. Man könnte ja denken, heute kann jeder tun und lassen, was er will. Das stimmt aber nicht. Unsere sogenannte zivilisierte, nicht kriegerische Gesellschaft hat mehr Zwänge denn je. Die sind nur schwerer zu erkennen und damit viel schwerer zu bekämpfen. Der Feind zeigt sich nicht mehr, die Wirklichkeit ist komplexer geworden, aber nicht freier. Daher ist der Traum doppelt notwendig, und diesen Zusammenhang hat der Grillparzer bereits begriffen. Eine Welt, die nur den Traum hätte und nicht die Wirklichkeit, ist also ein Paradies oder eine Utopie, aber keine Welt mehr.
Was sollen wir lernen in Ihrer Inszenierung? Ist das eine positive Geschichte? Es ist eine Geschichte, aus der man viel lernen kann, wenn man als Rezipient bereit ist, seine Poren auf- zumachen. Allerdings nichts, was sich mit einem moralischen Fingerzeig erklären ließe oder etwas mit einem endgültigen Ergebnis. Zu der klassischen Lesart, die er sehr schlau als Biedermeier-Schriftsteller, der sonst alle Jobs verloren hätte, nahegelegt hat, gibt es eine Alternative, die er auch ins Stück geschrieben hat. Alle Figuren im Stück merken irgend- wie, dass etwas nicht stimmt. Jemand, der einmal so geträumt hat, der so blutig zum Mörder geworden ist, kann sich nicht am nächsten Morgen hinsetzen und sagen: Hab es begriffen, jetzt bin ich ein guter Mensch. Es werden Restbestände in ihm bleiben. Der Traum als böser Mensch ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Das Unterbewusstsein wird an ihm nagen, bis das in der Realität erfüllt ist. Die Frage ist, wie reif ist er dann schon, muss er Städte zerstören oder kann er bereits eine Partei gründen.
ZUR PERSON
Anna Maria Krassnigg ist geborene Wienerin, studierte Schau- spiel und Regie am Max-Reinhardt-Seminar. Seit 1999 ist sie dort auch als Rollenlehrerin und Gastprofessorin für Regie tätig. Seither Inszenierungen Fassungen und Texte für das Theater in der Josefstadt, das Schauspielhaus Wien, Linz 09, und den 2008 gegründeten „Salon5“. In Deutschland inszenierte sie einen vierjährigen Lessing-Zyklus am Staats- theater Braunschweig sowie das eigene Auftragsstück „Full Stuff“ für die Ruhrfestspiele Recklinghausen. Sie lebt mit Mann und zwei Kindern in Wien.
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