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Markiert Auftakt zu neuer Reihe im Dortmunder Literaturhaus: Yared Schneider
Foto: Ulrich Schröder

Generation G8

09. Oktober 2016

Jungautor Yared Schneider sucht nach Ursachen für Melancholie und Gewalt – Literatur 10/16

„Kleider machen Leute“, wusste schon der Schweizer Dichter Gottfried Keller, der diese Erkenntnis zum Titel seiner 1874 publizierten gleichnamigen Novelle machte. In der aktuellen Erzählung „Der lose Knopf“ (BoD Norderstedt 2016) aus der Feder des Essener Abiturienten Yared Schneider, die der Verfasser am 7.10. im Dortmunder Literaturhaus vorstellte, kann das Kleidermotiv als Sinnbild einer bröckligen Fassade der bürgerlichen Gegenwartsgesellschaft aufgefasst werden. Als „Jugenderzählung mit großem ästhetischen Schwung“ (readfly.com) wird das an der KulturAkademie Ruhr entstandene 46-seitige Werk angepriesen. Uri Bülbül, Initiator der am  Katakombentheater im Essen-Rüttenscheider Giradet-Haus beheimateten Akademie, betont am Beispiel von Yared Schneiders Erstling eingangs die Wichtigkeit, „Kunst um der Kunst willen“ zu fördern.

„Der lose Knopf“ demonstriert, dass eine Auseinandersetzung mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen bei einem solchen avantgardistischen Ansatz nicht zu kurz kommen muss. So widmet sich der Autor zu Beginn der grundlegenden Frage des Unterschieds zwischen Realität und Fiktion. Dies macht er anhand der medialen Debatte über die Ursachen von Amokläufen in Deutschland deutlich – von der Bildzeitungsthese einer maßgeblichen Verantwortlichkeit von ‚Killer-Videospielen‘ bis hin zur Gegenthese in der Süddeutschen, wo eine „Stilisierung und Mystifizierung“ der Täter durch die Medien als Hauptgrund für Nachahmertaten formuliert wird. „Kunst ist immer frei“, betont Yared Schneider und könne – wie Videospiele – nicht für derartige Taten „haftbar“ gemacht werden.

Eigentliches Thema seiner Erzählung ist jedoch eher Gewalt, die sich nach innen richtet und in Depressionen münden kann. Anhand seines Protagonisten versucht Yared Schneider zudem, die vier Grundwesensarten der klassischen Temperamentenlehre durchzuexerzieren – vom trägen Phlegmatiker über den aufbrausenden Choleriker und humorigen Sanguiniker bis hin zum depressiven Melancholiker. Hierbei macht er einerseits den „immer größeren Konkurrenzdruck“ auf die ‚Generation G8‘ als Ursache für eine zunehmende Verbreitung des Phänomens Depression unter Jugendlichen aus und lässt seinen Protagonisten vehement gegen das Abitur in acht Jahren sowie „das ganze Wissen, mit dem ich vergewaltigt werde“, wettern. Andererseits stellt er bei der nachfolgenden Diskussion die steile These auf: „Vielleicht sind die Jugendlichen viel zu weich heute.“

Zwischen personalem und Ich-Erzähler meandert Yared Schneider in den 14 Kapiteln seines Textes durch ein Labyrinth von Leistungsdruck, latentem Mobbing, Drogenrausch und Depression, in welchem sich sein Protagonist zu verlieren droht. Dieser raucht alles, was ihm in die Finger kommt – von der Gitane über die Geburtstagszigarre bis zum Joint. Die Trennung der Eltern sowie seine unerfüllte Schülerliebe zur schnippischen Lena tun ihr übriges, um den Sohn in eine Depression und in die Fänge eines verantwortungslosen Therapeuten zu treiben, der Privatpatienten stets den Vortritt lässt – mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Als „Handicap meiner Generation“ diagnostiziert der Protagonist, dass diese „seit Gründung der BRD“ die erste sei, die „eine ernsthafte Zukunftsangst entwickelt“ habe – und legt den Finger damit vielmehr unbewusst in ein ‚gap‘ zwischen den Generationen, da das historische Phänomen der „No future“-Attitüde in den späten 70ern und frühen 80ern hierbei völlig ausgeblendet bleibt. Aus der jugendlichen Gegenwartsperspektive wird zudem ein bizarres Licht auf die Hauptsünden der 2005 abgelösten rot-grünen Regierung geworfen, indem „die Rentenreform“ als „das schlimmste Ereignis“ des relevanten Jahres bezeichnet wird. Hierbei wird – neben aller berechtigten politischen Kritik am neoliberalen Kurs der Schröder-Regierung – das Bild einer heutigen Jugend gezeichnet, die sich um ihre Altersrente sorgt, während sie durch ein politisches Minenfeld irrt.

Bevor der Ich-Erzähler jedoch in eine mutmaßlich durch Marihuana-Konsum induzierte Psychose gerät und „vom schüchternen Sensibelchen zum depressiven Misanthropen mutiert“, blitzt noch einmal der Menschenfreund in ihm auf, als er parabelartig philosophiert: „Flamingos stehen doch meistens auf einem Bein. Gibt es eigentlich asoziale Flamingos, die ihre Artgenossen einfach umtreten? […] Warum hat sich der philanthrope Utilitarismus noch so wenig auf der Welt verbreitet?“   

Um nicht nur literarischen Newcomern wie dem Essener Yared Schneider ein Forum zu bieten, sondern die Lesebühne auch für zahlreiche andere Autorinnen und Autoren aus den Nachbarstädten  zu öffnen, bietet das Literaturhaus Dortmund seine neue Lesereihe an, die am 2.12. (19.30 h) mit Uri Bülbül („Die Sokrates-Papiere“) von der KulturAkademie Ruhr fortgesetzt werden soll. Programmleiter Klauspeter Sachau möchte mit dieser Reihe eine Lücke füllen, die zwischen internationalen Gästen und Dortmunder Wortkünstlerinnen und -künstlern bislang wenig Raum für die regionale Literaturszene ließ. Denn gerade die vielfältige Kulturlandschaft an der Ruhr ist eben wie ein Gewand mit vielen Knöpfen, deren lose Fäden immer wieder neu verwoben werden müssen, damit das Ganze nicht auseinanderfällt.

Ulrich Schröder

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