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01/20 Schöner Sterben

FRAGEN DER ZEIT
Redaktionsskizze: wie trailer & Co. das jeweils nächste Thema planen für choices/Köln, engels/Wuppertal und trailer/Ruhr
Drei Magazine in NRW – ein THEMA

Foto: konoplizkaya / Adobe Stock

Mexikanische Verhältnisse in Deutschland? Werden wir bald zu Allerseelen zu den Klängen von Volksmusikkapellen an den Gräbern unserer Lieben picknicken und einander Zuckerguss-Totenköpfe schenken, beschriftet mit den Namen der Beschenkten? In der Gewissheit, dass uns an diesem Tag die Verstorbenen besuchen? Nein, nach dieser Verquickung von aztekischer und katholischer Tradition steht der Mehrheit hierzulande sicher nicht der Sinn. Schade, vielleicht. Aber auch unser Verhältnis zum Sterben und zum Tod wandelt sich. Tabus wackeln, Angebote wachsen und Rituale individualisieren sich. Da ist der Anspruch, selbst zu entscheiden, wann es vorbei sein soll mit dem eigenen Leben, wenn es in unheilbarer Krankheit nicht mehr lebenswert scheint. Da ist das Bemühen, Schmerzen und Leiden zu lindern und dem Abschiednehmen mehr Raum und Zeit zu geben. Da ist der Wunsch des sterbenden Menschen, was mit dem eigenen Körper geschehen soll und die Wünsche der Familie und Freunde, wie sie vom Verstorbenen Abschied nehmen. Allerhand Entscheidungen also, die auf uns warten, vor denen wir uns drücken oder die wir bewusst und rechtzeitig annehmen können. Wird unser Bild von Sterben und Abschied gerade von Grund auf erschüttert, verliert der Tod an Schrecken?

 

Medienteil EINS: Sterbehilfe


Eine deutliche Mehrheit der Menschen in Deutschland spricht sich laut Umfragen für die aktive Sterbehilfe aus. Ein Wunsch, dem die Gesetzgebung in dieser Deutlichkeit offenbar nicht entspricht. Bei genauerem Hinsehen sind allerdings sehr unterschiedliche Arten der Sterbehilfe zu bewerten und zu ordnen. Indirekte Sterbehilfe riskiert durch die Gabe starker Schmerzmittel den vorzeitigen Tod einer/s PatientIn, soll grundsätzlich aber in der letzten Sterbephase Schmerzen lindern. Passive Sterbehilfe verzichtet darauf, ein Leben künstlich zu verlängern. Beihilfe zum Suizid wird als unterlassene Hilfeleistung strafrechtlich verfolgt (obwohl der Suizid selbst freilich straffrei ist). Aktive Sterbehilfe ist strafbar, ungeachtet eines möglichen ausdrücklichen Wunsches des/der PatientIn („Tötung auf Verlangen“). Die Frage ist umstritten, was unter strengen Auflagen zu erlauben sei, was unbedingt strafbewehrt zu verbieten. Wo beginnen und enden Recht und Unrecht in der Sterbehilfe?

 

Medienteil ZWEI: Bestattung


Die letzten Worte zum Abschied, gesprochen von einem Pfarrer, der womöglich kaum weiß, von welchem Menschen seine Worte handeln. Die immergleichen Rituale und Orte, die freilich Halt geben können, aber keineswegs zur individuellen Trauer passen müssen, ihr auch zuwiderlaufen können. Der Unwille, den Verbleib des eigenen Körpers und den gemeinsamen Abschied vom Toten von der Tradition vorgeben zu lassen, wächst offenbar, alternative Bestattungen erfahren vermehrte Nachfrage. Warum vom leidenschaftlichen Freejazzer in drückender Stille Abschied nehmen, wenn die musikalischen MitstreiterInnen doch ebenso zu einer letzten gemeinsamen Kakophonie zusammenkommen können? Warum den wortreichen Pfarrer vor die Gemeinschaft bitten, wenn die verstorbene Dichterin zu den freien Versen ihrer Lieben zu Grabe getragen werden kann? Warum den Sporttaucher in ein enges Grab zwängen, wenn er sich zeitlebens am Korallenriff am lebendigsten fühlte? Warum die geborene Alleinunterhalterin nicht selbst zu Wort kommen lassen, posthum, vom Tonband oder Video? Sind das Wege, den Tod zu einem selbstverständlichen Teil unseres Lebens zu machen, statt ihn außerhalb unseres Alltags in Ritualen zu verschließen?

 

Medienteil DREI: Hospiz


Hospize sind Unorte. Eigentlich gibt es sie gar nicht – jedenfalls tun wir so. Ein paar Euro in die Spendendose in der Fußgängerzone ringen wir uns ab, doch wer setzt sich ohne drängenden Anlass mit den Orten des begleiteten Sterbens auseinander, besucht sie vielleicht sogar? Anders als Krankenhäuser möchten Hospize ein Sterben in respektvoller Umgebung ermöglichen, fern vom Stationsstress und von piepsenden Apparaten, aber auch mit medizinischen Möglichkeiten, das Leiden zu lindern und die Hilfe so dem Menschen anzupassen, wie es Zuhause niemals möglich wäre. Was braucht es, um die nötige Wertschätzung für Menschen aufzubringen, die mit dem nahenden Tod ringen, eine Wertschätzung, die andere Orte versagen? Was bedeutet es den Menschen, in diesem Rahmen voneinander Abschied zu nehmen? Geht das Konzept in der Regel auf, ein Sterben und einen Abschied in Würde zu ermöglichen? Das ideale Hospiz, ist es überhaupt möglich angesichts von Finanzierungsnöten und Gewinnerwartungen auch im medizinischen Bereich?

Hinweis: Wenn Sie depressiv sind oder Selbstmord-Gedanken haben, wenden Sie sich bitte umgehend an die Telefonseelsorge: im Internet unter www.telefonseelsorge.de oder unter der kostenlosen Hotline 0800-111 01 11 oder 0800-111 02 22. Hier helfen Ihnen Berater, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.


Ihre trailer-Redaktion