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Nora Bossong hat mit „Rotlicht“ bundesweit für Aufsehen gesorgt
Foto: Barbara Slotta

Let's talk about Sex

30. Juni 2017

Nora Bossong las in der Buchhandlung Proust aus ihrem Buch „Rotlicht“ – Literatur 06/17

Let’s talk about Sex. Aber weniger über you and me, sondern viel eher über sie und ihn. Über die anderen. Alle anderen. Weil es schon immer interessanter war, was die anderen machen, mögen oder sein lassen – vor allem, wenn es um Sex geht. Weil hinter Liebe und allem, was körperlich darüber hinaus geht oder gänzlich ohne auskommt, ein Geheimnis steckt. Und weil Geheimnisse uns reizen: Wir wollen sie kennen.

Ist das jedoch erst einmal erreicht, liegt schnell der fade Beigeschmack des entmystifizierten Zaubers auf der Zunge. „Die Wahrheit der Erotik ist tragisch“, meint daher auch der französische Schriftsteller und Philosoph Georges Bataille. Sein Zitat ist Nora Bossongs neuem Buch „Rotlicht“ vorangestellt, aus dem die Autorin am Abend des 29.6. in der Essener Buchhandlung Proust liest. Seitdem ihre literarische Reportage im Frühjahr erschien, reist Bossong von Radiostation zu Zeitungsinterview und weiter zu Lesungen. 

Mit „Rotlicht“ scheint die 35-Jährige einen Nerv getroffen zu haben – zum Einen, weil sie als Frau jene Orte aufsuchte, die sonst eher Männern vorbehalten sind. Und zum anderen, weil das Thema an Aktualität nur derzeit noch von der „Ehe für alle“ übertroffen wird: Am 1. Juli tritt bundesweit ein neues Prostituiertenschutzgesetz in Kraft, welches bereits im Vorfeld für hitzige Diskussionen sorgte. 

Auch jenseits von Gesetzesbeschlüssen stellt Bossongs literarische Reportage ein Werk dar, dessen Inhalt prickelnd bis brisant ist. Aus diesem Grund haben es die Veranstalter der Reihe „Literatur: Literatur!“ nicht bei einer Lesung belassen. Im Gespräch mit Norbert Wehr von der Literarischen Gesellschaft Ruhr diskutiert Bossong über den schmalen Grat zwischen Moral und Verlangen. Dabei werden im gegenseitigen Austausch nicht nur verschiedene Positionen in Hinblick auf Sexarbeit oder Gesetze deutlich. In ihren teils konträren Überzeugungen und Auffassungen zeigt sich, dass das Rotlichtmilieu in unserer Vorstellung wie auch in der Realität für Männer ein vollkommen anderer Ort ist als für Frauen.

Denn die Klientel im Geschäft um Sex und Nähe ist noch immer hauptsächlich männlich. Dementsprechend spezialisiert und zuvorkommend ist die Szene ihnen gegenüber. „Wenn Sie als Frau einen Escort-Service suchen, dann finden Sie nichts für 50 Euro. Ab 500 Euro kommen Sie erst ins Geschäft“, erklärt Bossong. Auch in puncto Werbung gebe es große Unterschiede: „Escort-Männer werden damit beworben, dass sie gut zuhören, besonders gut massieren können und einen ausgesprochen wunderbaren Humor haben.“ Bei Frauen lese sich der Katalog an möglichen Dienstleistungen weitaus weniger romantisch. 

Ein Jahr lang hat die gebürtige Bremerin für „Rotlicht“ recherchiert, hat Swinger-Clubs und Sexkinos aufgesucht oder Treffen mit Stadtverwaltungen und Prostituierten-Gewerkschaften wie „Hydra“ organisiert. Dort hat sie mit Sachbearbeitern gesprochen, mit Türstehern, aber auch mit Menschen, deren Büros rot gestrichene Zimmer mit Betten ohne Decke sind. „Normal“ ist, was gefällt, dabei scheint dieses Wort nicht nur im Stundenhotel seine Bedeutung verloren zu haben. Kondome, Fetische und so genannte Verrichtungsboxen bestimmen hier den Alltag. Sie treiben keinem Angestellten mehr die Schamesröte ins Gesicht. „Bürgerlich“ und „prüde“ sind all jene, deren Welt nicht der Straßenstrich ist. Alle also, in deren Welt Preise nicht zwangsläufig Würde ersetzen.

Je länger über das Geschäft mit der körperlichen Nähe diskutiert wird, desto befremdlicher und selbstverständlicher zugleich erscheint die Thematik. Dabei sind die Situationen und Begegnungen, die Bossong in ihrem Buch beschreibt, beispielhaft für die vielen ethischen Fragen, die mit ihnen einher gehen: Wie sympathisch darf uns ein Mensch sein, der etwa als Zuhälter arbeitet und einer Tätigkeit nachgeht, die wir selbst für moralisch fragwürdig erachten? Wie sehr gelingt es uns, nicht zu urteilen über Orte, an denen scheinbar alle Regeln und Gesetze außer Kraft gesetzt wurden? Sagt es nicht letztlich mehr über unsere eigene Schamhaftigkeit aus, wenn wir gerade dort nach Gesetzen verlangen? Was sind Bordell, Straßenstrich und Sexmesse anderes als Ventile, die letztlich nur auf die Befriedigung eines Triebs ausgerichtet sind – und wer sind wir, dass wir diese Orte dulden, aufsuchen oder in unseren Köpfen zensieren?

Bossong gelingt es, die vielen Gesichter und Formen des Rotlichtmilieus zu skizzieren, ohne sie dabei zu verurteilen. Dass sie selbst als leise Protagonistin in ihrem Buch erscheint, ist nicht nur mutig, sondern auch hilfreich für Leser und Zuhörer. An vielen Stellen zeigt sie sich verwundert oder ratlos, beschreibt viel eher als einzuordnen. Gerade diese Haltung wird von Wehr hinterfragt und zeigt in der regen Diskussion vor allem, dass das Wegfallen von Gesetzen nicht nur Freiheit, sondern auch Verunsicherung bedeuten kann. Dabei kristallisiert sich eine Frage heraus, die Lesung und Diskussion gleichermaßen begleitet: Was ist von all dem zu halten – von Rotlichtvierteln und Sexarbeit? Von Menschen, die ihren Trieben nachgehen und jenen, die diese befriedigen? Ist das Erfüllen von Verlangen und Lust legitim, selbst wenn dafür ein anderer Mensch Geld erhält – also quasi konsumiert wird?

Bossongs Schilderungen sowie Wehrs Nachhaken helfen, in der sehr offenen und respektvollen Diskussion immer wieder zu den Fragen und Überlegungen zurückzufinden, die essenziell sind. Dabei verdeutlichen sie jedoch auch, dass Gesetze in dieser Grauzone von Wirtschaft, Verlangen und staatlicher Verantwortung niemals völlig greifen können.

So ist schließlich wenig an diesem Abend gewiss, denn definitive Antworten liefern weder Bossong noch ihre Reportage – aber darum geht es auch nicht. Was ein jeder über Sinn und Nutzen von Prostitution denkt – ob es sich dabei etwa um Arbeit, Sünde oder etwas völlig anderes handelt – bleibt trotz offener Diskussion Privatsache. Das ist beruhigend, verwirrend und letztlich beispielhaft für ein Milieu, das auf jede Frage immer mehr als eine Antwort kennt.

Barbara Slotta

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