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Mit einem großen Festakt voller Symbolik wurde die Ernennung zur Grünen Hauptstadt gefeiert
Fotos: Barbara Slotta

Grün ist die Zukunft

23. Januar 2017

Eröffnungsveranstaltung der grünen Hauptstadt Europas im Essener Gruga-Park – spezial 01/17

Wer die Geschichte unserer Erde in 12 Monaten erzählen will, erzählt bis zum Nachmittag des 27. Dezembers eine Geschichte, die weder Maschinen noch Städte kennt. Doch das ist nicht alles: Auch der Mensch ist zu diesem Zeitpunkt noch Zukunftsmusik. Erst gegen Mittag des 27. Dezembers sterben die bis dato regierenden Saurier plötzlich und unerwartet aus; sie machen den Weg frei für eine neue Spezies, die sich die Erde zu Eigen machen wird. Aber bis dahin müssen noch ganze vier Tage vergehen.

Denn erst am 31. Dezember, etwa zehn Minuten vor Mitternacht, zeigt sich nahe Düsseldorf menschliches Leben: Die Neandertaler erwachen – und plötzlich geht alles ganz schnell. 28 Sekunden vor Mitternacht entsteht die Cheops-Pyramide in Ägypten, zehn Sekunden darauf verfasst Homer sowohl die Ilias als auch die Odyssee. Jesus von Nazareth wird geboren und gekreuzigt und dies alles geschieht in der 13. Sekunde vor Mitternacht. Um 23.59 und 56 Sekunden erfindet Johannes Gutenberg den Buchdruck, eine Sekunde später macht sich Columbus auf den Weg nach Indien. In der letzten Sekunde diesen Jahres, um 23.59 und 59 Sekunden, hat sich die Erdbevölkerung versechsfacht. Sie hat die meisten Kohle-, Erz- und Ölressourcen verbraucht und riskiert, die Gesundheit der Erde – ihr Klima – ein für allemal zu zerstören. In dieser Sekunde leben wir.

Es ist ein scheinbar schwerer Einstieg, den das Schauspiel Essen zur Eröffnungsfeier der Grünen Hauptstadt Europas vorträgt, und doch gelingt er mühelos, ja, geradezu leicht. Der Musikpavillon des Essener Gruga-Parks ist gefüllt mit neugierigen Bürgern und geladenen Gästen, während die letzten warmen Strahlen der Nachmittagssonne über ihre Köpfe reichen. Die Schauspieler des Essener Theaters sind unter den Zuschauern, einer nach dem anderen sprießt wie ein Pilz aus der Menge der Sitzenden und rezitiert einen Monat, eine Minute oder auch nur eine Sekunde aus der Geschichte der Erde.

EU-Kommissar Vella (2.v.l.) lobte die Stadt Essen für ihre Nachhaltigkeit

Die Botschaft, die dahinter steckt, ist klar: Essen, die neue grüne Hauptstadt Europas, wird handeln. Prestige bedeutet Verantwortung und dieser ist man sich bewusst. Denn auch wenn wir in der letzten Sekunde einer 12-monatigen Biographie leben – und anhand dieser erkennen müssen, dass der Mensch bisher wenig getan hat, um sich beliebt zu machen – so steht doch das Wohl der Erde spätestens ab heute im Mittelpunkt. Hier, in Essen.

Bereits mehrmals hat sich die Stadt um den Titel „European Green Capital“, der Umwelthauptstadt Europas, beworben. 2017 hat es endlich geklappt. Die Eröffnungsveranstaltung im Gruga-Park ist daher mehr als eine politische Feierlichkeit von kommunaler Bedeutung, sie ist ein Sieg auf nationaler und europäischer Bühne. Beweis dafür, dass das Ruhrgebiet im Kreise jener Städte mitmischt, die nach den ganz großen Sternen greifen – und dass historische Ereignisse sowohl Makel als auch Chancen bereit halten.

„Es hat die Jury überzeugt, dass Essen anderen Städten in Europa, die den Strukturwandel noch vor sich haben, als gutes Beispiel vorangehen wird“, antwortet Bundesministerin Barbara Hendricks auf die Frage hin, welche Erwartungen sie an das Grüne-Hauptstadt-Jahr hat. Gemeinsam mit EU-Umwelt-Kommissar Karmenu Vella und NRW-Umweltminister Johannes Remmel gehört sie zu den politischen Spitzen, die eigens für die Eröffnungsveranstaltung angereist sind. Auch Vella und Remmel loben den Nachhaltigkeitsgedanken der Essener Bewerbung und sind sich darin einig, dass die Stadt den Titel mehr als verdient hat. „Es sind die Menschen gewesen, die dafür gesorgt haben, dass diese Bewerbung erfolgreich war“, ergänzt Remmel. 

Die Feierlichkeiten der Eröffnungsveranstaltung wurden immer wieder von Aktivisten unterbrochen

Doch ein Titel allein macht Essen nicht grün, auch der Strukturwandel entscheidet sich nicht allein in Büros. Die Bemühungen der Stadt reichen längst nicht aus, um alle Bürger zufrieden zu stellen, das bekommt auch die sorgsam getaktete Veranstaltung zu spüren. Ähnlich wie es zuvor die Akteure des Schauspiel Essen taten, tauchen immer wieder Demonstranten im Publikum auf oder stürmen die Bühne. Sie rufen „Essen raus aus RWE!“, „Klimaalarm. Wir verheizen unsere Zukunft“ steht auf ihren Plakaten. Ihr Protest kommt unerwartet und lässt die auf begrünten Paletten-Möbeln sitzende Diskussionsrunde doch beinahe unbeeindruckt. Bundesministerin Hendricks reagiert indes prompt auf die Zwischenrufe der Demonstranten: „Wir brauchen einen strukturierten Prozess, auch aus der Energiewirtschaft“, antwortet sie den Demonstranten, „da müssen wir alle Menschen mitnehmen und allen Unternehmen die Chance geben, sich umzustrukturieren. Das ist allein durch Aktienverkauf auch nicht zu lösen.“ Vella ergänzt: „Es gibt eine Zeit zum Feiern, und es gibt eine Zeit zum Demonstrieren. Heute wird gefeiert."

Doch welche Verantwortung geht tatsächlich einher mit dem Titel der Green Capital? Welche Ziele peilt Essen, die grünste Stadt NRWs, an und was kann ein solcher Titel überhaupt bewirken?

Zumindest auf die letzte Frage kann die Stadt Ljubljana eine Antwort geben. Wie schon Bristol, Nantes, Stockholm, Kopenhagen und Hamburg zuvor, war die slowenische Hauptstadt bereits Inhaberin des begehrten Titels. 12 000 Bäume wurden hier allein 2016 gepflanzt, drei öffentliche Obstgärten haben das Stadtbild komplettiert, auch die Altstadt wurde zur verkehrsberuhigten Zone. In einer Videobotschaft richtet sich der amtierende Bürgermeister Zoran Jankovic an die Nachfolgerin aus NRW und zeigt Bilder des möglichen Wandels. Diese mindern jedoch für einen kurzen Moment die Euphorie der neuen grünen Hauptstadt: Denn was wir sehen, sieht anders aus als alles, was Essen ist oder sein könnte. 

Hin zur plastikfreien Stadt: Der Eintritt in den Gruga-Park kostete Besucher nur eine Plastiktüte

Es ist, was wir daraus machen

Aber der Titel der Grünen Hauptstadt Europas ist ähnlich wie die Auszeichnung zur Europäischen Kulturhauptstadt ein dehnbares, individuell anpassungsfähiges Abzeichen. Und so hat Essen vergleichbare und doch auch andere Pläne als die slowenische Vorgängerin: Plastikfrei soll die Stadt werden, die bald wieder zwischen zwei Flüssen liegt. Die Emscher-Renaturierung zählt gemeinsam mit dem Radschnellweg Ruhr zu jenen Projekten, die eine Vorreiterrolle auf nationaler wie internationaler Ebene einnehmen. Bis 2035 sollen zudem 25% des Essener Stadtverkehrs auf dem Rad zurückgelegt werden. Zahlreiche weitere Initiativen und Aktionen sind angedacht, von Ideenbörsen für Kleingärtner über Bienenprojekte der RAG bis hin zu Seniorenspaziergängen in Rellinghausen und Workshops zum Thema klimafreundliches Kochen. Insgesamt stehen der Stadt 16,25 Millionen Euro für grüne Wunder zur Verfügung. 

„Grüne Hauptstadt bedeutet nicht, dass bei uns alles im grünen Bereich ist“, beginnt Oberbürgermeister Thomas Kufen schließlich seine Dankesrede im Anschluss an die offizielle Titelübergabe. Dass die Grüne Hauptstadt auch und vor allem von ihren Bürgern gelebt werden muss, ist ihm ein besonderes Anliegen. „Ich setze auf Ihre Neugierde, ich setze auf Ihre Leidenschaft für das grüne Hauptstadtjahr 2017. Denken Sie mit, machen Sie mit und schwimmen Sie mit.“ Dieser letzte Satz ist durchaus wortwörtlich zu nehmen, schließlich wird der Baldeneysee im Sommer 2017 nach 46 Jahren wieder zum Schwimmen freigegeben.

Essen wird also wieder grün und steht damit für das gesamte Ruhrgebiet. Ob ein Jahr genügt, um die kommenden Monate, Tage, Stunden und Sekunden der Zukunft unseres Planeten grüner werden zu lassen? Ob es genügt, um auch nach 2017 Schritte in eine nachhaltige Richtung zu setzen und Städte in lebenswerte und grüne Orte zu wandeln? Ob uns wirklich ein so friedliches, leichtes Jahr blüht, wie es der bunte Reigen aus Fahrradfahrern, Blumenkindern, Inline-Skatern und Eisverkäufern am Ende der Eröffnungsveranstaltung verspricht? Wir werden es erleben. Die Massen von Schaulustigen, die anschließend durch den Gruga-Park spazieren und bei Minusgraden die Installationen aus Licht, Musik und Grün bestaunen, beweisen, dass es zumindest an Interesse und Neugierde in Essen nicht fehlt. 

Barbara Slotta

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