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Dr. Hans-Jürgen Schwalm
Foto: Ferdinand Ullrich

„Eine ganz präzise Inszenierung der Werke“

29. März 2018

Museumschef Hans-Jürgen Schwalm über Gert & Uwe Tobias in der Kunsthalle Recklinghausen – Sammlung 04/18

trailer: Herr Schwalm, Kunst, Kohle, Stahl – wie passt das Holz da hinein?
Hans-Jürgen Schwalm: Das passt natürlich thematisch hinein. Nicht einfach über das Material Holz, sondern über das, was die beiden Künstler aus dem Holz herausholen. Mit ihren überdimensionalen Holzschnitten in klassischer Technik sind Gert & Uwe Tobias international bekannt geworden, haben damit großes Aufsehen erregt. Aber sie arbeiten auch keramisch, und das werden sie in der Ausstellung zeigen. Sie haben mit der Schreibmaschine gearbeitet und, und, und. In Recklinghausen werden sie sich allerdings auf keramische Arbeiten und auf Holzschnitte beschränken. Das Entscheidende dabei ist, dass sie immer vom Raum her denken und mit den Räumen arbeiten. Da werden nicht nur die weißen Wände genommen und behängt, sondern sie bereiten eine ganz präzise Inszenierung ihrer Werke vor.

Und die Kohle?
Also man kommt rein, wird in der Ausstellung zunächst sehr eng geführt, es gibt quasi eine Art Stollen, durch den man laufen muss, und da sind wir plötzlich auch beim Bergbau, denn der hat viel mit dieser Enge zu tun. Am Ende des Stollens erwartet uns das Porträt einer sehr lasziven, sehr gut aussehenden Frau, die einen gleichzeitig aber auch erschreckt. Das ist die heilige Barbara, die einen anschaut, und man erkennt sie als solche auch, denn vor ihr liegt eine Grubenlampe. Dann biegt man ab und plötzlich ist man in einer keramischen Installation und da sind alles Schlote. Also sie verwenden auch Materialien, die nicht unbedingt etwas mit Bergbau zu tun haben, wobei das Holz unter Tage, das kommt da schon vor. Aber hier geht es in erster Linie um Bildinhalte, und die haben dann viel mit der Welt des Ruhrgebiets und des Bergbaus zu tun. Die Ausstellung ist in großen Zügen zu diesem aktuellen Thema entstanden – und für Recklinghausen.

Ist die Geschichte denn so spannend, dass sie über drei Etagen erzählt werden muss?
Das hoffe ich. Es ist aber kein roter Faden, den die Künstler dafür auslegen. Es beginnt sehr dunkel, dann gibt es eine sehr präzise Lichtregie, in der Mitte hellt sich das schon etwas auf. Es gibt es einen Raum-im-Raum und die Barbara wird wieder auftauchen, umgeben von Holzschnitten, diesmal als plastisches Werk. Dann geht man in die oberste Etage, dort ist es karg-hell und man steht in einem rundum von großen Wolkenbildern umgebenen Raum. Der Besucher quasi als der Bergmann, der nach der Schicht nach oben kommt und den Himmel wieder sieht. Das meine ich mit Erzählung, aber es ist so wie „Es war einmal…“, und dann nimmt man einen Faden auf und spinnt ihn weiter. Da haben sie durchaus Brüche eingesetzt und es gibt natürlich auch immer Facetten, die man nicht zu einer ganzen Geschichte weben kann. Aber wenn man sich auf sie einlässt, wird die Fantasie frei und man entdeckt vieles, was zueinander passt. Wie beim Kanarienvogel, der unter Tage lange Zeit eine große Rolle spielte. Wenn der tot umfiel, dann mussten alle ganz schnell raus. So was hat die beiden interessiert.


Gert & Uwe Tobias, Ohne Titel, 2017, Holzschnitt auf Leinwand, © Gert & Uwe Tobias / Alistair Overbruck / VG Bild-Kunst, Bonn

Gesamtkunstwerke aus Druckwerk – das gab es doch schon bei Max Ernst. Ist das eine Weiterentwicklung oder das ganz große Zitat?
Es ist kein großes Zitat. Erstmal ist es der Holzschnitt, damit haben sich die wenigsten befasst. Auch Max Ernst nicht. Und es geht ja weiter, Gert & Uwe Tobias sind auch plastisch unterwegs: Sie inszenieren Räume. Bei uns werden alle Etagen gestrichen, es werden Wandmalereien aufgebracht, dann die Holzschnitte integriert. Sie arbeiten sehr präzise und so gibt es eigentlich keinen Museum-Sockel, den sie einfach so durchgehen lassen. Oder keinen Nagel, der einfach so in die Wand gehauen wird. Das ganze ordnet sich einem Konzept unter. Das ist, glaube ich schon, etwas Neues.

Bei der Ankündigung stößt man auf den Begriff Art brut. Steckt die im Detail?
Ja, im Detail. Die beiden sind ja gebürtige Rumänen, die mit 12 Jahren mit ihren Eltern, das warenSiebenbürger Sachsen, nach Deutschland gekommen sind. Sie haben dann in Braunschweig Kunst studiert und sind seitdem als Zwillinge im Bereich Kunst unterwegs. Aber sie haben ein bisschen was mitgebracht aus ihrer Heimat, nämlich eine Auseinandersetzung mit Volkskunst, und das taucht in den Werken auch latent auf und sie arbeiten sich daran ab. Aber sie arbeiten sich auch an der Kunstgeschichte ab. Pop Art spielt eine große Rolle, die klassische Moderne, aber auch Art brut. Sie sind ja gegenstandsorientierte Künstler. Sie arbeiten nicht wirklich abstrakt. Man entdeckt eigentlich immer gegenständliche Zitate. Diese Holzschnitte sind außerordentlich raffiniert, das muss man sagen, insbesondere wenn man in solch einer Größe arbeitet. Aber sie kommen so einfach daher, und das wäre auch ein Moment, wo die Art brut auch eine Rolle spielt, die sie einfach sehr schätzen.

Dr. Hans-Jürgen Schwalm
Foto: Ferdinand Ullrich
Zur Person:
Dr. Hans-Jürgen Schwalm ist seit letztem Jahr Direktor der Museen der Stadt Recklinghausen, nach Jahrzenten als stellvertretender Direktor. Er studierte der Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum.


Was ist das Besondere ihrer Kunst als Zwillinge – können Zwillinge überhaupt eine Einzelausstellung haben?
Ja, beide firmieren immer zusammen. Sie arbeiten nicht zusammen an einem Werk, sie arbeiten durchaus getrennt. Zwar im selben Raum, aber mit einer Wand dazwischen. Aber sie signieren immer als Gert und Uwe Tobias, nicht mit einem „und“, sondern diesem Zeichen „&“, was man dann da setzt. Das ist so ein Signet. Insofern sind sie unter demselben Nachnamen eins, obwohl sie zwei sind. Aber die Ausstellungen sind von beiden und keiner gibt die individuelle Autorenschaft preis. Das funktioniert und das haben die beiden von Anfang an gemacht, schon auf der Akademie. Die haben jeweils eigene Familien und die werden nicht getauscht, aber beim Arbeiten ist das für sie eine Art Notwendigkeit.

Manche Arbeiten erinnern mich ein wenig an Alice im Wunderland.
Sie haben so eine Fabulierlust, das stimmt. Aber vor rund eineinhalb Jahren hatten sie eine große Ausstellung in München in der Neuen Pinakothek und haben sich dort mit dem Thema Grisaille befasst. Da waren die Räume und Sockel lichtgrau gestrichen und die Arbeiten waren äußerst abstrakt und unfarbig. In Recklinghausen ist das wieder anders. Hier sind die Werke auf der einen Seite figürlich, haben aber einen hohen Abstraktionsgrad. Manches ist sogar noch in Arbeit. Aber in ihrer Farbigkeit sind sie reduziert auf ganz wenige Nuancen. Ich glaube, da ist jetzt noch ein neues Kapitel aufgeschlagen. Ich habe sie auch eingeladen, weil wir immer Künstler für die Ausstellung der Ruhrfestspiele einladen, die als Element selbst so ein Narrativ haben und das, was auf der Bühne thematisiert wird, spiegeln.

Gert & Uwe Tobias – Ein multimediales Ausstellungsprojekt zur Kohle | 6.5. - 16.9. | Kunsthalle Recklinghausen | www.ruhrfestspiele.de

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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