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The Florida Project

Die kleinen Strolche

12. März 2018

Die Filmstarts der Woche

Moonee ist sechs Jahre alt und lebt zusammen mit ihrer 22- jährigen, alleinerziehenden Mutter Halley am Highway 192 in einem Motel. Einst stiegen hier die Touristen für einen Besuch in Disney World ab, doch inzwischen sind die meisten dieser Häuser billige Absteigen für die Vergessenen der Gesellschaft geworden. Mit ihrer Mutter, die selber noch recht kindlich und entsprechend wenig verantwortungsvoll ist, bewohnt sie ein Ein-Zimmer-Appartement. Ihr bester Kumpel Scooty, Sohn von Halleys bester Freundin Ashley, wohnt ein Stockwerk darunter. Gemeinsam streunen sie mit anderen auf sich gestellten Kids durch die Peripherie aus Hotels, Fast-Food-Schuppen, riesigen Parkplätzen und Brachland. Während Halley versucht, mit mehr oder weniger illegalen Tricks das Geld fürs Leben aufzutreiben, ist die kecke Moonee auch nicht verlegen, wenn es darum geht, den Erwachsenen einen Streich zu spielen oder sich auf andere Art einen schönen Tag zu machen. Nach seinen Filmen „Starlet“ über die Freundschaft zwischen einer jungen Prostituierten und einer alten Dame und dem komplett mit einem iPhone gedrehten „Tangerine L.A.“ über eine Transsexuelle auf dem Straßenstrich in L.A. liefert Sean Baker mit „The Florida Project“ abermals ein Porträt vom Rand der Gesellschaft. Das faszinierende an Bakers Arbeit ist, dass er zum einen seine Spielfilme mit größtem Respekt vor seinen Protagonisten inszeniert, zum anderen einen ganz eigenen poetischen Realismus pflegt. Das geht so gut zusammen, weil Baker meist mit Laiendarstellern dreht, die zwar nicht sich selbst spielen, aber einen deutlichen Bezug zu ihren Figuren haben. Ein wenig erinnert er damit an die Filme von Larry Clark oder Harmonie Korine, nur dass Baker seine Figuren mit fast märchenhaftem Verve stets vor dem Schlimmsten bewahrt, ohne ihre Situation zu verklären. Willem Dafoe (Oscar-nominiert und gerade auf der Berlinale mit dem Ehrenbären für sein Lebenswerk ausgezeichnet) in der Rolle des nachsichtigen Motelmanagers Bobby ist die einzige Figur des Films, die von einem professionellen Schauspieler gefüllt wird. Brooklynn Prince, die Darstellerin von Moonee, hat Baker ganz in der Nähe des Drehorts mit ihrer Mutter in einem Geschäft entdeckt, die Halley-Darstellerin Bria Vinaite hat er über ihr Instagram-Profil gefunden. Diese fast dokumentarische Nähe zum Sujet verleiht „The Florida Project“ seine Kraft und authentische Wirkung.

Mit „Lion – Der lange Weg nach Hause“ hat der ehemalige australische Künstler, Grafiker und Werberegisseur Garth Davis im vergangene Jahr viel Aufmerksamkeit erregt. Nun hat er mit Rooney Mara als Maria Magdalena und Joaquin Phoenix als Jesus, die während des Drehs ein Paar wurden, einen Film über die enge Vertraute und nach neuesten Theorien auch Ehefrau Jesu gedreht, der das feministische Potential der Figur im Fokus hat und sie von einer zweifelhaften Randfigur zu einer beeindruckenden Hauptfigur macht. Regie, Kamera (Greig Fraser) und Musik (Hildur Guðnadóttir und der kürzlich verstorbene Jóhann Jóhannsson – „Sicario“, „Arrival“) zielen in „Maria Magdalena“ auf eine geerdete Darstellung ab, nach und nach erschließt sich aber die eigentliche Wucht und Bedeutung. Dieser Bibelfilm will nicht missionieren, sondern bereits Bekehrte zum Perspektivwechsel anregen. Sowohl im Hinblick auf das, was man da glaubt als auch dahingehend, wie man seinen Glauben außerhalb des Gotteshauses lebt. Denn auch dazu fand Jesus klare Worte, die sich die oder der Geläuterte hier mal wieder zur Brust nehmen darf.

Moskau im Winter: Boris und Zhenya wohnen noch zusammen, haben aber längst neue Partner. Die gemeinsame Wohnung muss noch verkauft werden, ihren zwölfjährigen Sohn Alyosha sähen sie am liebsten im Internat. Der kann den Streit der Eltern und deren Lieblosigkeit nicht mehr ertragen und reißt aus. Die Eltern, die mehr ins Handy als ins Gesicht ihres Sohnes blicken, merken das erst zwei Tage später. Die Suche bleibt zunächst erfolglos. Der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev („Leviathan“) konzentriert sich ganz auf die Eltern und ihren Umgang mit der Situation. Zvyagintsev baut in seine Filme zwar auch immer einen Subtext zur russischen Gesellschaft ein, aber alleine die konkrete Ebene der hoffnungslos kaputten Familie in „Loveless“ ist von einer erschütternden Dramatik, die lange nachhallt. 

April 1945, zwei Wochen vor Kriegsende: Der 19-jährige Gefreite Willi Herold (Max Hubacher) findet in einem verlassenen Armeewagen eine Offiziersuniform. Er streift sie über, gerade als der versprengte Gefreite Freytag (Milan Peschel) auftaucht. Notgedrungen spielt Herold den Hauptmann. So überzeugend, dass nicht nur Freytag sich ihm auf der Stelle unterstellt, sondern später auch andere Deserteure (u.a. Frederick Lau). Herold ernennt sich zum Anführer der „Kampftruppe Herold“ und zieht marodierend durchs Land. Als die Gruppe in einem Gefangenenlager unter dem Kommando eines überforderten SA-Manns (Bernd Hölscher) ankommt, ist Herold längst im Blutrausch. Dass all das historisch ist, macht es nur schlimmer; dazu kommen die kalten, wie aus der Landschaft gestochenen Schwarzweißbilder von Kameramann Florian Ballhaus. Insbesondere eine endlose, von Herold befohlene Massenerschießungsszene im Lager ist nichts für schwache Nerven. Robert Schwentkes „Der Hauptmann“ ist Konfrontationskino, das Fassungslosigkeit hinterlässt.

Bestimmte Einstellungen sind wohl Pflicht für jeden zeitgemäßen Naturfilm. Das Zebrakalb mit seiner Mutter im reißenden Strom, das Pandajunge im Bambus, die von einem Regentropfen umgerissene Biene, all das kommt auch in „Unsere Erde 2“ vor. Es gibt aber auch Neues, Erstaunliches: die vertikal im Ozeanblau schwebende, schlafende Pottwalfamilie, den Boxkampf zweier Giraffenbullen und verliebte Zwergfaultiere. Vor elf Jahren spannte BBCs Kinofilm „Unsere Erde“ eine Flut spektakulärer, rund um den Globus eingefangener Tierbilder noch in den Lauf eines Jahres. Hier dient nun einTag als Rahmen, von einem Sonnenaufgang zum nächsten. Visuell ist das erneut ein Erlebnis, sofern es gelingt, den überpräsenten Soundtrack auszublenden. Und sich, nach einer Weile, an Günther Jauchs Erzählerstimme zu gewöhnen.

Außerdem neu in den Ruhr-Kinos: Philipp Eichholtz' Drama „Rückenwind von vorn“, Roar Uthaugs Lara-Craft-Reboot „Tomb Raider“, Michael und Peter Spierigs Horror-Thriller „Winchester - Das Haus der Verdammten“ und Mike Marzuks Jugendabenteuer „Fünf Freunde und das Tal der Dinosaurier“.

Redaktion trailer-ruhr.de

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