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In den Räumen der ehemaligen Zeche Prinz Friedrich zeigen HBK und fadbk über 500 Semesterarbeiten
Fotos: Barbara Slotta

Der Kunst ihre Freiheit

09. März 2017

HBK und fadbk zeigen über 500 Semesterarbeiten in Essen – Ruhrkunst 03/17

„Jeder ist ein Künstler“ sagte Joseph Beuys 1967 und fachte damit die Debatte um Können und Talent in der Kunstwelt aufs Neue an. Wer war erlaubt zu können, und wer wagte, von sich selbst als talentiert zu sprechen? War es an Beuys, hier ein ultimatives Machtwort zu sprechen – und wenn ja, was tat er anderes, wenn nicht absolute Narrenfreiheit zu propagieren? Mit seinem vielzitierten Ausspruch zum Wesen der sogenannten „sozialen Plastik", die erst durch den Beitrag jedes Einzelnen gesellschaftlich geformt werden kann, trat der Mann mit Hut so manchem Anhänger des elitären Kunstbetriebs gehörig auf die Füße.

Denn dieser besondere Sektor schmückt sich allzu gerne mit dem dem Menschen maximal Eigenen – der Fähigkeit zur Kunst –, um sich im nächsten Augenblick das höchst eigenwillige Urteil über Talent und Mangel zu erlauben. Dabei scheint diese Entwicklung nahezu schizophren; war doch gerade das Studium der Kunst eine von wenigen Optionen, die allen Menschen ungeachtet ihrer Schulbildung oder Herkunft frei zustanden. Kunst sollte keine Grenzen kennen und hat doch immer wieder mit der vorwurfsvollen Frage zu kämpfen, was sie anderes ist als ein komplizierter und recht eigensinniger Wirtschaftszweig. Ein Wirtschaftszweig, in dem nur besteht, wer jung und voller Inspirationen ist, und darüber hinaus in der Lage, bisher Ungesehenes auf die Leinwand oder den Fotokarton zu bannen. Künstler jenseits der 25, so will es ein weit verbreiteter Irrtum, brauchen es gar nicht erst zu versuchen.

Eine Gardinenkordel diente Anna Arndt für die grafische Studie ihrer Abschlussarbeit

Dass es auch anders geht, beweisen die Essener Kunstbetriebe HBK (Hochschule der Bildenden Künste) und fadbk (Freie Akademie der bildenden Künste). In den Gebäuden der ehemaligen Zeche Prinz Friedrich im Stadtteil Kupferdreh gelegen, bilden Hochschule und Akademie sowohl Idylle als auch Geheimtipp in der ausbildenden Kunstszene des Ruhrgebiets. Die Semester- und Abschlussarbeiten, die hier ab dem 11.3. der interessierten Öffentlichkeit zugänglich sind, halten ihr ganz eigenes, klares Plädoyer für Freiheit und Zugänglichkeit in der Kunst. Dabei zeigt der so genannte Rundgang 2017 auf über 2400 Quadratmetern mehr als 500 Werke unterschiedlichster Disziplinen: Von Skulpturen und Plastiken über Fotografien und multimediale Formate bis hin zu Gemälden. Eine kleine Premiere gibt es ebenfalls, denn zum ersten Mal sind auch Abschlussarbeiten des hiesigen Bachelorstudiengangs zu sehen, der 2013 ins Leben gerufen wurde. 

Angelehnt an Joseph Beuys’ Idee der sozialen Plastik erzählen die ausgestellten Arbeiten darüber hinaus von der Vielseitigkeit, die an HBK und fadbk gelehrt wird. Denn diese entsteht nicht allein durch die Interdisziplinarität der hier angebotenen Studiengänge, sondern auch durch die Begegnung der Studierenden. „Mensch-Sein heißt, künstlerische Potenziale zu haben“, erklärt Prof. Stephan P. Schneider zu Beginn des Rundgangs. Als Präsident der HBK und Leiter der fadbk will er eine Lanze brechen für all jene, die jenseits der obligatorischen 25 ihr Interesse für die bildende Kunst entwickeln – oder gar erst entdecken.

René Sikkes Fotografien zeigen Szenen aus Kultfilmen wie „Taxi Driver“ oder „Pulp Fiction“

Dementsprechend unterschiedlich setzt sich die Studierendenschaft von Hochschule und Akademie zusammen; während manche Studierende erst kürzlich volljährig geworden sind, zählen andere bereits mehr als 60 Jahre Lebenserfahrung. 20% von ihnen studieren berufsbegleitend, manche haben sich für die Zeit des Studiums freistellen lassen. Von dieser Mischung der Generationen profitieren auch die Studierenden. „Gerade Menschen über 30 haben andere Zugänge zur Kunst“, sagt Anna Arndt, eine der ersten Bachelor-Absolventinnen der privaten Hochschule. Prof. Schneider ergänzt: „Manche erreichen irgendwann einen Punkt im Leben, an dem sie für sich fest stellen, dass sie als Mensch etwas vermissen. Wenn sie sich dann für die Kunst entscheiden, geschieht dies bewusst.“

Jenseits der strengen Regeln des Kunstmarkts bieten HBK und fadbk Studierenden individuelle Möglichkeiten zur Entfaltung der ihnen eigenen Fähigkeiten. Dabei geht es weniger um das Erlernen von Techniken als um den individuellen Blick, der kontinuierlich herausgefordert und damit geschärft wird. Die mehr als 500 ausgestellten Werke erzählen von eben jener Freiheit, die Teil der Lehre ist. Auf die Abschlussarbeiten, deren Realisierung fern eines übergreifenden Mottos geschah, ist Schneider besonders stolz. Im Laufe der dreieinhalbjährigen Ausbildung entdeckten einige der Absolventen völlig neue Disziplinen für sich und wechselten, wie im Falle der Designerin Anna Arndt, von der Bildhauerei zur Malerei. In ihrer Abschlussarbeit behandelt sie eine Gardinenkordel, deren grafische Studie sie in Form von Zeichnungen und Drucken auf höchst ästhetische Weise derart verfremdet, dass sie an ein Insekt erinnern.

Vier der zehn Absolventen: Angela Brandt, Elke Boll, Beate Gärtner und René Sikkes (v.l.n.r.)

Absolvent René Sikkes hingegen macht Szenen bekannter Filme wie „Taxi Driver“, „Pulp Fiction“ oder „Last Tango in Paris“ zum Gegenstand seiner Abschlussarbeit. Signifikante Momentaufnahmen, die er zunächst mit Fotokarton nachbaute, wurden im Anschluss fotografiert. Die dabei entstandenen Porträts von Uma Thurman, Jack Nicholson oder Marlon Brando spielen mit dem Auge des Betrachters, sind sie doch weder eindeutig Fotografie, noch Malerei oder Filmstill. Auch der Ausstellungsraum spielt bei manchen Werken eine besondere Rolle; so hat die Künstlerin Angela Brandt ihre Nachtaufnahmen von Gewässern und Gebäuden auf die Räume eines alten Ladenlokals in der Kupferdreher Straße 199 abgestimmt. Eine Tonne Kies ist Teil der Inszenierung, die den Boden bedeckt und somit zum sinnlichen Erleben der Fotografien beiträgt.

Dass die Abschlussarbeiten der ersten zehn Absolventen von HBK und fadbk allesamt Bestnoten erzielten, sieht Präsident Schneider als Bestätigung der hier gelehrten Maxime; darüber hinaus ist die einschlägig hohe Qualität der Werke Beweis genug für das künstlerische Potenzial, das auch jenseits der 25 auf seine Umsetzung wartet. Der weiterführende Master befindet sich derzeit noch in der Akkreditierung und wird ab dem nächsten Jahr das Studienangebot von Hochschule und Akademie erweitern. Zunächst jedoch lädt der Rundgang 2017 an diesem besonderen Ort dazu ein, sich vom Können der hiesigen Studierenden zu überzeugen.

 

Rundgang '17: Semester- und Abschlussarbeiten der Studierenden von HBK und fadbk | Hochschule der bildenden Künste (HBK) | Freie Akademie der bildenden Künste (fadbk) | vom 11. bis zum 19.3. | Vernissage am 10.3. um 19 Uhr |  www.hbk-essen.de | www.fadbk.de

 

Barbara Slotta

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