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Aufmerksamer Zuhörer und begnadeter Erzähler: Boualem Sansal
Barbara Slotta

Schlaft ruhig, brave Leute

01. Juni 2016

Lesung mit Boualem Sansal im Essener Kulturzentrum Brigittastraße – Literatur 06/16

Die Romanvorlage für Boualem Sansals sensationellen Erfolg „2084“ ist klar: Der algerische Schriftsteller geht 100 Jahre weiter als George Orwell. Weil er es kann. Und weil Sansal eine recht klare Vorstellung davon hat, wie diese Welt 2084 aussehen wird. Auch deshalb trägt sein Roman den kleinen, aber entscheidenden Zusatz: „Das Ende der Welt“.

Was ist passiert, in diesen 100 Jahren, die die Welt nun mehr auf dem Buckel hat? In erster Linie ist da – genau wie in „1984“ – ein totalitäres System, das den Bewohnern des scheinbar grenzenlosen Staates Abistan einen Alltag diktiert. Dieser kennt keine Diskussion, keine Auseinandersetzungen, nur vordergründigen Frieden und die Liebe zu Gott. Und hier ist er schon, der erste Unterschied zu Orwells „1984“: An die Stelle des Partei- und Überwachungsstaates tritt eine religiöse Diktatur, die außer der unendlichen Liebe zu ihrer Gottheit keine Gefühlsregung mehr kennt. Diese Verehrung ist es auch, die das Land und seine Bewohner zur mentalen Starre bringt. Wie ein Gehirn, das ausgeschaltet, oder ein Muskel, der nicht mehr trainiert wird, versagen Neugierde und Selbstbestimmung. Stattdessen wird das Gegebene akzeptiert, die braven Leute schlafen, es gibt keinen Grund, sich zu sorgen.

Aber Moment, doch, Grund zur Sorge gibt es und auch eine Frage, die selbe nämlich, die auch Orwells Zukunftsalbtraum durchzog: Welchen Reiz kann die Freiheit versprühen in einem Land, in dem sie nicht vorgesehen ist? Wie kann sie überhaupt jemanden verführen, wenn der gegenwärtige Status quo absolut keine Bedrohung spüren lässt – und dabei doch so gefärhlich ist?

Für Orwell schien die Liebe der Weg zur Befreiung. Für Sansal und seinen Protagonisten Ati ist sie es eindeutig nicht. Während Winstons Entfesselung durch die nicht vorhergesehene Liebe zu einem anderen Geschöpf, einer Frau, dazu führt, den Großen Bruder und seine Gesetze zu ignorieren, ist Ati in „2084“ zunächst nicht in der Lage, auch nur die geringste Versuchung in der Freiheit zu sehen. Warum Sansal die Liebe ausschließt? Sie bedeutet Besitz, sie macht anhänglich, verletzlich, schwach – Winstons Schicksal als Kurzfassung. Aber so ganz ohne Liebe, ganz ohne Hoffnung, welcher Weg bleibt da noch zur Befreiung in einer Welt, die weder Kollektiv noch Individuum vorsieht?

Geduldig und mit Witz erklärt Sansal am Abend des 31. Mai die Grundlagen seiner Dystopie, die in Frankreich bereits mehr als 300.000 Mal verkauft wurde. Dass es sich bei Sansal um einen Weltautor handelt, dessen neuestes Werk derzeit in 35 Sprachen übersetzt wird, merkt man ihm gar nicht an. Sansal scherzt und lacht mit Publikum und Übersetzer, die Atmosphäre wirkt schnell familiär. In Essen hat man sowieso schon längst verstanden, wer da zu Besuch ist: Die Bibliothek des Kulturzentrums in der Brigittastraße ist bis auf den letzten Platz gefüllt.

Sansal ist heute nicht allein wegen „2084“ hier, denn eigentlich ist diese Veranstaltung des Institut français in Essen ja ein „Rencontre“, eine Begegnung, und nicht eine an Frontalunterricht erinnernde Lesung. Deshalb steht Sansal auch Rede und Antwort, beantwortet jede Frage mit einer ungeheuren Ehrlichkeit, mit Neugierde und aufrichtigem Interesse. Der Autor, der seine Stellung als Direktor des algerischen Industriemuseums mit dem Aufnehmen seiner Tätigkeit als Schriftsteller verlor, äußert sich u.a. zu Gegenwart und Zukunft Algeriens, zur politischen Lage Frankreichs und zu den in Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ geschilderten Visionen einer künftigen Welt. Sogar eine kleine Kulturgeschichte des Islams mit besonderem Augenmerk auf den Unterschied zwischen Islam und Islamismus hält er bereit, ganz locker, klar und verständlich. 

Ob Ati die eigene Befreiung gelingt und wie die Zukunft Abistans aussieht, wird heute nicht verraten. Vollkommen witzlos wäre das und wie auch bei „1984“ geht es bei „2084“ natürlich nicht darum, nur die Geschichte zu kennen. Es geht um das Grauen, das ein einziger Gedanke in uns auslösen kann. Die Angst vor dem Möglichen, das doch so fern scheint und in seiner detailgetreuen Auslegung durch Sansal plötzlich Form erhält. Die von ihm in „2084“ gezeichnete Zukunft ist duster, sie ist keine Welt, in der man leben möchte. Und doch ist sie eine Perspektive, die er, Sansal, für realistisch hält – das wird in seinen Ausführungen deutlich und ist vielleicht die furchteinflößendste Tatsache an diesem Abend. Denn wer Sansal erlebt, dem fällt es schwer zu glauben, dass dieser humorvolle und aufgeweckte Mensch ein solch dunkles Buch geschrieben hat. Gut möglich, dass diese Diskrepanz den wahren Reiz des „Rencontre“ ausmacht: Wir begegnen mit Boualem Sansal einem aufmerksamen Beobachter, einem begnadeten Analytiker der gegenwärtigen Welt – und vor allem einem sehr menschlichen Erzähler. 

Barbara Slotta

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