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Ausstellungsansicht Märkisches Museum Witten,
© Foto: Achim Kukulies, Museum Witten

Zeit für Pioniere

02. November 2010

Ausstellungen in Recklinghausen, Hamm, Witten und Duisburg - RuhrKunst 11/10

Ein Nebeneffekt von Ruhr.2010 ist, dass die Museen der Region weiter zusammengerückt sind und sich in Eigeninitiative untereinander vernetzen. Dass sie den Blick auf die eigenen Sammlungsbestände richten und die Kunstwerke gegenseitig ausleihen. Das betrifft jetzt ein weiteres Mal ein Ausstellungsprojekt des Verbundes der „RuhrKunstMuseen“, diesmal in Recklinghausen, Hamm und Witten. Vorgestellt wird die Kunst des „Informel“ – unter diesem Begriff sind die abstrakten, oft starkfarbigen, dabei aus der Bewegung des Farbauftrages entstandenen Malereien und Zeichnungen zusammengefasst, die das Kunstgeschehen von Mitte der 1950er Jahre an dominierten. Dazu sind auch Skulpturen entstanden, mit aufgerissenen Oberflächen und ausgreifenden Partien.
Bereits seit einigen Jahren wird die informelle Kunst allenthalben als „historischer“ Kunststil gewürdigt. Gerade ist im Düsseldorfer museum kunst palast die Ausstellung „Le grand geste“ zu Ende gegangen, welche die Breite der abstrakt gestischen Malerei nach 1945 vorgestellt hat, unter Berücksichtigung einiger ihrer amerikanischen Vertreter. In Hagen ist ein ganzes Museum für einen Maler dieser Richtung eingerichtet, für Emil Schumacher (1912-1999), der mit seinen Bildern, bei denen breite Linien in die Farbmaterie schneiden und einen Hügel oder ein Tier umreißen, als international bekanntester deutscher Künstler gilt. Und in Bochum widmet sich das Schlieker-Haus mit beharrlicher Intensität einem verwandten, aber stillen Hauptvertreter dieser Malerei, Hans-Jürgen Schlieker (1924-2004). Schlieker, der das Musische Zentrum der Ruhruniversität mitbegründet hat, vereint die besten Eigenschaften des Informel in seinem Werk, er setzt Linien, Striche in einen dunkel nuancierten Farbgrund und bezieht sich anfänglich mitunter auf Literatur und bringt so eine existenzielle Fragilität zum Ausdruck: Natürlich geht es in dieser Zeit um den Menschen selbst. Später dann wird bei Schlieker die Geste als langgezogene breite Bahn zum zentralen Motiv, eingelagert in einen erdigen Grund und wie eine vergrößerte Momentaufnahme der Natur.

Eine Richtung in der Kunst

Was aber ist das Informel genau? Die so unterschiedlichen Definitionen sind sich einig beim gestischen – subjektiven und betont spontanen – Auftrag der Farbe im völligen Verzicht auf die Wiedergabe von Äußerem. Von Künstler zu Künstler wechselt das Verhältnis von Gestus, Form, Farbe und aufgeworfener Farbmasse. Linie und Bewegung gewinnen insgesamt an Bedeutung und machen wesentlich das Bild aus. Die Farbe bringt weitere Emotionen zum Ausdruck, und schließlich ist eine Botschaft dieser Bilder, dass es keine verbindliche, für alle Menschen gleiche Wirklichkeit
mehr gibt.
Weiter helfen nun die drei aktuellen Ausstellungen, die als Einheit zu verstehen sind. Die wahrscheinlich schönste und analytischste ist die in der Kunsthalle Recklinghausen. Sie konzentriert sich ganz auf Papierarbeiten und gewinnt daraus ihre Qualität. Gerade auf dem Papier konnten die Künstler spontan handeln, volles Risiko fahren. Das kleine Format ermöglicht in Recklinghausen außerdem, ganze Bildserien zu zeigen und jeden der Künstler gut vorzustellen. Ein weiterer Ansatz für die Recklinghauser Ausstellung ist die „hauseigene“ Künstlergruppe „junger westen“, die, mit Künstlern wie Schumacher, Ernst Hermanns und Gustav Deppe, von 1948 bis 1962 bestand und Gäste aus ganz Deutschland zu den Ausstellungen einlud. Die Informel-Ausstellung konzentriert sich nun fast ausschließlich auf die 1950er Jahre und entdeckt so beispielsweise den frühverstorbenen Hans Werdehausen wieder und sortiert die verschiedenen Ansätze zur informellen Kunst, in Verbindung mit Zitaten der Künstler selbst. Passend ist ein Wandtext im Erdgeschoss zur Entstehung eines Bildes: „Am Anfang habe ich keinerlei Vorstellung, nichts. ... Ich bin so passiv wie möglich. Man muß das Bild sprechen lassen. Und dann beginnt die Kontrolle.“ (Bernard Schultze)

Massenbewegung in der Kunst

Durch die Hallen des Märkischen Museums in Witten weht seit kurzem ein neuer Wind. Der Schwerpunkt liegt nun auf der jüngeren Kunst, vorgestellt besonders anhand von Themenausstellungen. Die Räume selbst sind geklärt. Letzteres verdeutlicht nun auch die Schau, welche sich der informellen Skulptur widmet, anhand von vier ihrer herausragenden Vertreter: Emil Cimiotti, Otto Herbert Hajek, Ernst Hermanns und Friederich Werthmann. So sehr man das dreiteilige Schlieker-Gemälde vermissen könnte oder die Installation von Ursula Schultze-Bluhm als markanter Blickfang entfällt – für die Ausstellung der informellen Skulpturen ist die Konzentration nur auf dieses Thema ein Gewinn. Hinter den Skulpturen hängen nun s/w-Bilder vorwiegend der vier Künstler, mithin also Bildhauerzeichnungen, welche noch einmal das Bewegte, das Unruhige und das Ausgreifende betonen – eben das, was die informelle Skulpturen kennzeichnet, die seltener in Stein und oft in Eisen oder Bronze ausgeführt sind.
Im „eigentlichen“ Wechselausstellungsbereich hingegen ist die Schau „Schwarz“ mit überwiegend junger Kunst zu sehen. Aber in diese Ausstellung sind klugerweise auch ältere Bilder aus dem Museumsbestand integriert, die noch andeuten, dass Witten dank seines früheren Museumsleiters Wolfgang Zemter eine vorzügliche Sammlung zur informellen Kunst besitzt. Dazu zählen Malereien von Gustav Deppe, Theodor Werner und K.O. Götz. Und Hans-Jürgen Schliekers Gemälde „Fleurs du Mal“ von 1959.
Wie sehr aber die „informelle“ Kunst schon bald zu einem Massenphänomen wurde, das lässt dann die Ausstellung im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm ahnen, die sich ganz auf die Malerei konzentriert und etliche weniger bekannte Künstler präsentiert. Schade nur, dass diese Ausstellung etwas stiefmütterlich an die Design-Abteilung angeschlossen ist. Sie braucht sich nicht zu verstecken. Das Hammer Museum verfügt über einen beachtlichen Bestand an mittelgroßen Bildern in dieser Malerei. Das leicht Disparate erklärt sich übrigens aus den verschiedenen Quellen der Bilder, die etwa aus dem Nachlass von Hans Kaiser und aus der Sammlung von Jupp Lückeroth stammen, die beide selbst respektable informelle Maler waren.

Kurswechsel

Neben der inflationären Verbreitung dieser Malerei in Deutschland gibt es weitere Gründe dafür, dass sich das allgemeine Interesse anderen Stilen zuwandte – ja, von da an sich mehrere Kunstrichtungen nebeneinander behaupten konnten. Die Amerikaner waren mit ihren großformatigen Farbfeldmalereien mittlerweile in Europa angekommen. Und einige der Hauptvertreter des deutschen Informel änderten ihre künstlerische Ausrichtung. Bernard Schultzes Zeichnungen etwa nahmen surreale Züge an. Ernst Hermanns, dessen spätes Werk im Museum DKM in Duisburg gut präsentiert ist, entwickelte extrem reduzierte, stereometrische Metallplastiken. Und Otto Herbert Hajek wurde berühmt mit seiner „Hard Edge“-Malerei im Außenraum: Ein Beispiel für diese geometrischen Farbformen ist seine Gestaltung vor dem Kunstmuseum Mülheim.
Und doch spielte die bewegt unruhige Geste hierzulande auch weiterhin eine Rolle, und zwar in Verbindung mit der Darstellung von Figur. Ein Künstler, der dies kultiviert hat, ist Walter Stöhrer. Sein Werk ist derzeit im Museum Küppersmühle in Duisburg ausgestellt. Stöhrer hat im Karlsruhe der 1960er Jahre studiert, später lebt er in Berlin und in Schleswig-Holstein. Seine teils riesengroßen Gemälde bestehen aus expressiven Farbbewegungen, in denen rudimentäre Figurationen verschoben sind, und folgen damit der Tradition der nordeuropäischen Cobra-Gruppe. Was auf seinen Leinwänden allerdings wild und exhibitionistisch bis zur Erschöpfung aussieht, beruhte auf einer klaren Konzeption und sorgfältigen Vorbereitung. Walter Stöhrer bezog sich auf Literatur und lebte den Malakt aus, mit ihm als Mittelpunkt. Malerei ist sinnlicher Vortrag, der sich nie ganz erschließt und sozusagen das Bildformat sprengt, und damit verhält sich Stöhrer doch sehr in verwandtschaftlicher Nähe zur frühen informellen Kunst. Und auch wenn Stöhrers Malerei längst Geschichte und er selbst schon 2000 gestorben ist – alle Kunst ist erst aus den Errungenschaften der Vergangenheit ganz verständlich. Überhaupt ist das ein Anliegen des Ruhrgebiets als europäischer Kulturhauptstadt, in allen Bereichen: den Zusammenhang zwischen der Gegenwart und früheren Situationen und Ereignissen herzustellen und Strukturen als Prozess im Wandel zu zeigen.

Thomas Hirsch
Thomas Hirsch ist Kunsthistoriker, Kurator und Journalist.




Formen zum Explodieren bringen I bis 28. November in der Kunsthalle Recklinghausen I www.kunst-re.de

Entfesselung der Form I bis 5. Dezember im Märkischen Museum Witten I
www.kulturforum-witten.de


Bewegte Strukturen I bis 27. Februar im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm I
www.hamm.de/gustav-luebcke-museum

Walter Stöhrer – Kraftfelder I bis 5. Dezember im Museum Küppersmühle in Duisburg I www.museum-kueppersmuehle.de

Thomas Hirsch

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