Die Edition Moderne fährt drei dicke Wälzer auf, zwei davon sind autobiografisch, einer biografisch. Mit „Jetzt kommt später“ erzählt die Schweizerin Kati Rickenbach von zwei Hamburg-Aufenthalten, während der sie mit der dortigen Comicszene in Kontakt kommt. Klingt nicht sehr spannend, ist es aber. Denn Rickenbach kann erzählen. Sie vermag ihren Alltag so detailliert und persönlich zu schildern, dass man sich beinahe als Voyeur fühlt. Mit ihrem weichen, leicht krakeligen Stil ist ihr ein sympathischer Entwicklungsroman einer Comickünstlerin gelungen, der auch noch ganz unbeschwert mit Zeit- und Metaebenen experimentiert. Für „Die Bekehrung“ schiebt Matthias Gnehm sein Leib- und Magenthema Urbanismus an den Rand der Geschichte, die von einer Jugend in einer zersiedelten Landschaft erzählt. Kern der Handlung ist eine Liebe und die Problematik religiöser Missionierung. In luftigen Kohlezeichnungen macht Gnehm den Muff der Provinz ebenso spürbar wie die verworrene Gefühlswelt der Pubertät. Erzählerisch weiß er mit außergewöhnlichen Mitteln zu begeistern, wenn auch er die Zeitebenen wechselt.
In „Coney Island Baby“ erzählt Nine Antico von zwei Pin-Up-Legenden: Bettie Page und Linda Lovelace. Sie stellt den unschuldigen 50er die abgebrühten 70er Jahre gegenüber und Pages natürlichen, aber diskreten Umgang mit der Erotik Lovelaces widersprüchlichen Medienkampagnen. Mitunter etwas sprunghaft erzählt, weiß Antico dennoch ihr Thema vielschichtig zu umkreisen (alle Edition Moderne).
Mit „Der König der Fliegen“ positioniert sich das französische Duo Mezzo und Pirus zwischen Daniel Clowes, Charles Burnes und den Hernandez Bros. Ihr Sujet ist die Tristesse der Vorstadt, ihr zugleich düsterer wie farbiger Stil macht aus dem Teenagersein einen Teufelsritt, unterfüttert mit Drogen und wildem Sex. Wirklichkeit und Wahn verschwimmen in diesem meisterlichen Alptraum. Die ersten beiden Bände der Trilogie – „Hallorave“ und „Der Ursprung der Welt“ – sind bereits erschienen. „Trommelfels“ von Marijpol ist nicht minder verstörend. Ein altes Archäologenpaar wird an eine harmlose Ausgrabungsstätte versetzt. Doch was sie dort finden, weckt ihren ermüdeten Forschergeist. Die mit Tusche nachgezogenen Bleistiftzeichnungen wirken ebenso destabilisierend wie die hier aufeinanderprallenden Lebenswelten. Ein mystisches Werk voller Fantastik (beide avant-verlag). Ebensoviel Magie verströmt die Bilderwelt der Hamburgerin Moki. Mit „Wandering Ghost“ erzählt sie wortlos von fantastischen Tiergestalten in surrealen Landschaften und entfaltet auf dieser entrückten Ebene eine zarte Gefühlspalette. Dem Band liegt ein Bonusheftchen bei (Reprodukt).
„Grenzfall“ von Thomas Henseler und Susanne Budenberg ist ein Sachcomic über Peter Grimm, der schon als Schüler mit dem System der DDR aneckt und bald exponierter Staatsfeind wird, als er sich an der Publikation der illegalen Zeitschrift „Grenzfall“ beteiligt, deren Wirken Mitte der 80er Jahre ein Vorbeben der Ereignisse von 1989 war. So interessant der historische Hintergrund, so sehr ist klar, dass der Comic nur als Grundlage für einen bebilderten Geschichtsunterricht dienen soll (avant-verlag). Für „Die Tote im Pelzmantel“ treffen zum zweiten Mal die bekannte Krimiautorin Fred Vargas und der Comiczeichner Edmond Baudoin zusammen und erzählen einen philosophischen Krimi, in dem es kaum um den Fall geht, dafür um so mehr um Lebenseinstellungen. Vargas erzählt lakonisch, Baudoin zeichnet mit grobem Strich eine düstere Welt – aber nicht ohne Hoffnungsschimmer am Horizont (Aufbau Verlag).
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