Für Heiner Goebbels sind die Räume der Industriekultur in ihrer Materialität die schärfsten Kritiker, wenn man „nur so tut als ob“. Wenn der Rahmen einer Guckkastenbühne fehle, einer Blackbox oder eines goldenen Portals, dann würde man selbst noch in der letzten Reihe merken, ob auf der Bühne nur etwas vorgegeben wird. Ihn interessiert Theater als eigene Realität, die eben nicht so tut, als verweise sie nur auf eine andere. (Heiner Goebbels im Programmvorwort)
Auch die alte Ruhrgebietsquerele zwischen Regional und International ist für ihn keine Alternative. Viele der Künstler, die zur RuhrTriennale eingeladen wurden, würden diese auf die Bühne bringen: Experten, Young Professionals, Laien und Amateure aus dem Ruhrgebiet: als „Assistenten“ in „Europeras 1&2“ von John Cage, als Darsteller in der „Prometheus“-Inszenierung von Lemi Ponifasio, als „FOLK“bei Romeo Castellucci und in dem Off-Off Musical des „Nature Theater of Oklahoma“, als Performer in „12 Rooms“ im Museum Folkwang oder als Schlagzeuger bei „Boredoms“. Auch sie können den Blick auf die Bühne verändern. Die Neugier ist geweckt, der Vorverkauf läuft, die Auftakt-Premieren sind längst ausverkauft. Und doch stellt sich die Frage, inwieweit Neues auf die Region prallt, und ob das überhaupt noch möglich ist. trailer sprach mit RuhrTriennale-Intendant Heiner Goebbels.
trailer: Herr Goebbels, ist die RuhrTriennale selbst ein Gesamtkunstwerk aus Fragmenten?
Heiner Goebbels: Vielleicht für den einzelnen Zuschauer – und für jeden anders. Denn wir beanspruchen kein Gesamtkunstwerk, keine höhere Warte, von der aus wir die Welt für andere glauben beschreiben zu können. Und wir wollen dem Publikum auch nicht die Brille eines Themas aufsetzen. Uns interessiert das Gegenteil: Jeder wird sich aus dem Gesehenen oder Gehörten mit seiner Imagination etwas Eigenes bauen, und das ist auch gut so.
Ist der Tanz als Ausdrucksform heute das ideale Medium für Ihre Inszenierungen?
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Nein, privat tanze ich ja gerne ... aber ich bin kein Choreograf. Doch der zeitgenössische Tanz gibt mir viele Anregungen für meine Arbeit. Und er ist zurzeit die freieste Kunstform unter den Bühnenkünsten, auch weil er am wenigsten institutionalisiert ist. Die Tänzer haben kein Zuhause, müssen immer reisen, sehen viel und bleiben künstlerisch offen. Deshalb können wir alle, auch Theater und Oper, viel vom Tanz lernen.
Das Künstlerbild der Avantgarde löst sich auf – im Grunde ist alles schon irgendwie mal gemacht, getan. Kann man das Neue simulieren?
Es ist tatsächlich vieles schon entwickelt. Man darf nicht glauben, Erfinder sein zu können. Aber man kann stattdessen lernen, umso genauer hinzuschauen. Und dann findet man vielleicht etwas, was andere noch nicht gesehen haben. Vielleicht ist das auch meine Haltung: nicht immer zu glauben, neue Klänge erfinden zu müssen. Aber mit einem genauen Hinhören und Hinschauen kann ich meine Wahrnehmung schärfen – und auch die des Zuschauers.
Also es gibt heute auch keine Avantgarde mehr, die man als solche bezeichnet?
Ich habe mir die Frage nie gestellt, sie interessiert mich nicht. Trotzdem versuche ich nicht, retrospektiv arbeiten, sondern die Kunstform zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Warum sollte denn die Kunst stehenbleiben?
Also ist nicht das Reaktionäre in der Kunst die neue Avantgarde?
Bestimmt nicht. Und auch nicht der Zynismus.
Ist das Publikum der RuhrTriennale eigentlich das, was Kunst auf hohem Niveau nötig hätte?
Wir hoffen, dass wir das bisherige Publikum nicht nur erhalten, sondern neues dazugewinnen. Zum Beispiel ist „Europeras 1&2“ eine Oper für alle: für Leute, die Oper kennen und lieben, und für Zuschauer, die mit Oper überhaupt nichts anfangen können. Das könnte man vielleicht über das gesamte Programm sagen, dass wir versuchen, keine Stücke zu zeigen, vor deren Besuch man ein Reclam-Heft gelesen haben muss. Daher hoffe ich, dass wir auch neues Publikum gewinnen, das diese Unvoreingenommenheit mitbringt, die mich am meisten interessiert.
Aber wer keine Opern kennt, kann auch deren Ballast nicht erkennen.
Darum geht es mir auch nicht. Mir geht es darum, dass man die Oper aus ihren alten Zusammenhängen befreit, damit sie endlich im 21. Jahrhundert ankommt.
Wo bleibt die Utopie?
In der Kunst. In jeder guten Kunst.
RuhrTriennale: International Festival of the Arts I 17. August bis 30. September I0201 887 20 24
Tags: RuhrTriennale 2012
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