„Alles wie gehabt“, mahnt Pablo mich routiniert. „Wenn Polizisten kommen, sprichst du nicht mehr mit mir, und wechselst die Straßenseite.“ Mein Informant knipst mit einem bemühten Lächeln sein rechtes Auge zu, ein Versuch von Entspannungspolitik. Wussten wir doch, dass dieser Nachmittag massive Konsequenzen haben könnte, Pablo drohte Gefängnis. Er will mich zu einem Untergrundbibliothekar führen, wie er sich ausdrückt, ein namenloser Bekannter, der ihn immer wieder mit Lektüre versorgt hatte, die in Kuba auf dem Index steht. Ein riskanter Ausflug. Zudem ist es Pablo, wie allen Kubanern auch, verboten, direkten Kontakt mit Fremden aufzunehmen. Ein verzweifelter Kampf der Regierung gegen die Nebenwirkungen der ungeliebten touristischen Öffnung seit der ökonomischen Depression Anfang der Neunziger Jahre.
Die Kubaner schimpfen in diesen Tagen des Januars über den strengen Winter, das Thermometer will einfach nicht über fünfundzwanzig Grad klettern. Auf der Hauptstraße kämpfen abgetakelte US-Straßenkreuzer aus den Fünfzigern mit klapprigen sowjetischen Ladas aus den Achtzigern um die Hegemonie. In unheilvoller Allianz verpesten sie die ohnehin schon unerträglich schlechte Luft. Pablo winkt ein Taxi heran. Er legt den Zeigefinger auf seine Lippen. Auch jetzt ist Reden Silber, und Schweigen Gold. Müssen Touristen doch eigentlich mit ausgewiesenen Taxis fahren, teuer und abgeschirmt. Ohne ein Wort also ziehen stolze Kolonialbauten an uns vorbei, passieren wir bröckelnde Fassaden mit den Konterfeis von Fidel Castro und Che Guevara.
„Er wohnt dort vorne“, Pablo zeigt auf ein Eck- haus, nur einen Steinwurf entfernt. „Die auffällig unauffälligen Männer der Geheimpolizei in dem Wagen davor sollten nicht sehen, dass wir ihn besuchen“. Er führt mich durch ein Gewirr von Hinterhöfen. Pablo pfeift. Hunde bellen. Dann steht er vor uns. Nicht besonders groß gewachsen, schlank, aus dem braunen Gesicht blitzen wache Augen. Wie soll ich ihn nennen? „Nenn mich Raúl“. Meinen entgeisterten Blick beantwortet er mit einem Lachen. „Nun, früher schon haben mich Freunde so genannt“, er macht eine Pause, „auch Raúl Castros Inthronisierung als Staatschef hat daran nichts geändert.“ Wir besetzen die rote Couch aus Kunstleder. Von der großen Straße schallt der Lärm, schwer beladene Lastwagen lassen den Boden erzittern.
SYSTEMKRITISCHE KUBANER LEBEN IN STÄNDIGER ANGST, IM GEFÄNGNIS ZU LANDEN
„Ich gehöre zu einem Netzwerk unabhängiger Bibliothekare in Kuba“, Raúl spricht langsam, so kommt Pablo mit dem Übersetzen nach. „Wir bringen Medien in Umlauf, die von der kubanischen Regierung verboten sind.“ Etwa vierzig dieser unabhängigen Bibliotheken gibt es, sie verteilen sich auf alle Provinzen der Insel, in je- der arbeiten zwei Personen. Die Geburtsstunde dieser Bewegung ist in den späten Neunziger Jahren. Fidel Castro sagt damals, dass Bücher in Kuba nicht erscheinen, sei dem Mangel an Papier geschuldet, nicht aber einer staatlichen Zensur. Als Antwort auf diese Polemik gründen Kubaner die erste unabhängige Bibliothek.
Raúls Job als Untergrundbibliothekar ist gefährlich, sehr gefährlich. In ihrem jüngst veröffentlichten Bericht „New Castro, Same Cuba“ konstatiert „Human Rights Watch“, dass auch unter der Ägide von Raúl Castro Menschenrechte massiv verletzt werden. Die NGO kritisiert eine politische Justiz mit willkürlichen Verhaftungen, Einzelhaft und Umerziehung. Tenor: „Diejenigen Kubaner, die es wagen, Kritik zu üben, leben in ständiger Angst, jederzeit im Gefängnis zu landen.“ Eine mutige Arbeit also, zudem viel Arbeit für Raúl und seine Mitstreiter. Denn die Giftliste der kubanischen Behörden ist lang und prominent besetzt. Der Name des Tschechen Milan Kundera steht auf ihr, der Mexikaner Octavio Paz, Mario Vargas Llosa aus Peru, der Argentinier Jorge Luis Borges, Alexander Solschenizyn aus Russland. Aber auch die Bücher bekannter kubanischer Autoren wie Reinaldo Arenas und Guillermo Cabrera Infante dürfen auf der Karibikinsel weder gedruckt noch verkauft werden.
Raúl lehnt sich entspannt in seinem Stuhl zu- rück. Sein kariertes Hemd steckt nur widerwillig in der grauen Stoffhose, aus den zu kleinen Ledersandalen ragen seine Zehen heraus. „Unter Raúl Castro bleibt das grundsätzliche Problem“, sagt er. „Dem kubanischen Volk wird verwehrt, selbst zu bestimmen, von wem es regiert wer- den möchte. Es gibt keine Pressefreiheit, keine freien Wahlen, eine willkürlich definierte
Versammlungsfreiheit.“ In der Tat, das staats- sozialistische kubanische Modell ist paternalistisch: Die Regierung garantiert Bildung, eine Analphabetenrate, die den USA wie allen anderen Industrienationen gut zu Gesicht stehen würde, eine kostenfreie Gesundheitsversorgung, einen Mindestlohn für alle. Im Gegenzug bestimmen die Herrschenden allerdings auch über die Versorgung mit Informationen und Meinungen – hierzulande Zensur genannt – die Kommunistische Partei tritt außer Konkurrenz an.
Woher kommen die Medien, die er in Umlauf bringt? „Wir erhalten Spenden von Freunden, die Kuba besuchen und von Nichtregierungsorganisationen,“ antwortet Raúl. „Wir haben auch Kontakt zu westlichen Botschaften. Doch wir erhalten kein Geld aus dem Ausland!“ „Reporter ohne Grenzen“ führt Kuba in ihrer jähr- lichen Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 170, schlechter sei es um diese lediglich in fünf Staaten weltweit bestellt, etwa im Iran und in Nordkorea. Kann er noch ruhig schlafen? „Ich versuche, meine Ängste zu kontrollieren. Und: Unsere Arbeit trägt Früchte. Die kubanische Gesellschaft ist offener, als sie es nach der Revolution jemals war.“ Und dann überrascht Raúl mich. „Die politische Polizei weiß, welche Arbeit ich mache. Die kubanische Regierung zahlt immer noch einen hohen politischen Preis für die vielen Verhaftungen und drakonischen Urteile im Jahr 2003, etwa bei Verhandlungen mit der EU und anderen Staaten. Deshalb zeigt sie der- zeit einen gewissen Grad an Toleranz.“ 75 Oppositionelle waren damals im „schwarzen Frühling“ zu Haftstrafen von insgesamt 1475 Jahren verurteilt wurden.
Zurück nehmen Pablo und ich den Bus. Unsere Anspannung ist etwas gewichen. Kurz vor dem Parque Central, im Herzen Havannas, kommt, wie aus dem Nichts, ein Polizist. Er verlangt Pablos Ausweis. „Ich weiß, dass ihr zusammengehört, wir beobachten euch schon länger“. Obwohl er jung ist, weiß er, wie Druck funktioniert. Pablo ist starr vor Angst. Mein Puls rast. Hat es etwas mit dem Interview zu tun? „Was bist du bereit zu geben, damit dein Freund nicht die nächsten Tage auf der Wache verbringt?“, fragt der Polizist mich grinsend. Pablos Freiheit kostet an diesem Abend acht Dollar.

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