Die große Bühne des Schauspielhauses wird zum Ort eines der letzten Dortmunder Grubenunglücke, der Bühnenturm zum Schacht, in dem sich die Grubenwehr abseilt. Die Suche nach Überlebenden führt in die Tiefe der Zeit und zu Verschütteten, zu wahren und erfundenen Geschichten. Dortmunder Bürger und Schauspieler gehen auf Spurensuche im Bergbau, der auch Arbeitsmigranten im Ruhrgebiet der 1960/70er Jahre Hoffnungen auf Arbeit, Einkommen und einen Platz in der Gesellschaft bot. Der Zusammenhalt jenseits kultureller Schranken war einmal überlebenswichtig.
trailer: Herr Eickhoff, mit welcher Bohrtechnik geht es in die Tiefe?
Michael Eickhoff: Ich glaube, man muss die Frage auf mehreren Ebenen beantworten. Die konkreteste ist sicherlich die des Bühnenbildes. Das Bühnenbild wird bei uns von Mathis Neidhardt gebaut, der auch für die Kostüme verantwortlich ist. Er hat ein Bühnenbild entworfen, das auf drei Zeitebenen funktioniert. Dafür gibt es drei größere Plateaus, die alle übereinanderliegen und über ein Zugsystem hoch- und runtergefahren werden. Dahinter liegt eine Projektionsfläche, auf die projiziert werden kann, so dass sich visuell zeithistorische Räume auftun. Es handelt sich ja um eine zeitliche Tiefenbohrung. Ein Meilenstein war der November 1961 mit dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei, das sich 2011 auch zum fünfzigsten Male jährt. Das war für uns der Ausgangspunkt für die Einwanderungsgeschichte aus der Türkei konkret ins Ruhrgebiet und noch konkreter nach Dortmund in den Bergbau. Danach fragen wir, was bedeutet das methodisch? Wir haben uns dafür entschieden, kein geschlossenes Drama schreiben zu lassen. Es gibt eine Art hybride Form zwischen einem literarischen und einem dokumentarischen Plot. Das hat auch mit den Beteiligten zu tun, zum einen den Dortmunder Bürgerinnen und Bürgern, Menschen aus der ersten Generation, also Türken, die heute zwischen 60 und 80 sind. Es sind aber auch deutsche Kumpel dabei, ein Bergarbeiterchor, und eben Vertreter der dritten Generation, die sozusagen unsere Jetztzeit bespiegeln. Diese jungen Leute haben ihre Wurzeln in sehr unterschiedlichen Ländern, teilweise in den ehemaligen Ostblock-Staaten. Es sind aber auch viele dabei, die ihre Wurzeln in der Türkei haben, im Libanon, oder in Marokko. Die angenommene These ist, dass es eine Art gestiftete Enkelbeziehung gibt zwischen den Vertretern der dritten Einwanderergeneration und den Vertretern der ersten. Die sind zwar nicht verwandt, aber wir behaupten eine Art Verwandtschaftsbeziehung.
Müssen wir im kulturellen Ruhrgebiet immer wieder auf Kohle stoßen?
Bei unserem Projekt ist der Bergbau in letzter Konsequenz nicht mehr als der Anlass. Das Projekt hat sich jetzt seit gut 14 Monaten entwickelt. Nein, ich glaube, es geht nicht darum, immer nur Kohle zu fördern. Sondern darum, was man heute eigentlich fördern müsste, das wäre Einsicht in die Tatsache, dass junge Menschen, die hier in der Regel zweisprachig aufwachsen, Türkisch-Deutsch, Libanesisch-Deutsch, Russisch-Deutsch, Polnisch-Deutsch, dies in gewisser Weise bewusst als Gewinn denken. Sie sind auf eine Art und Weise reich, wie wir es als „Bio-Deutsche“ gar nicht sein können. Naturgemäß ist es immer bei Menschen oder bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, dass deren erste Ebene der Mitteilung eigentlich nicht die Ebene der Sprache ist, sondern dies die Ebenen der Musik oder des Tanzes sind. Also wir haben einen jungen, türkischstämmigen Deutschen, der als einziger eine Szene, die erste, für das Stück geschrieben hat. Und es gibt Rapper, einen Beatboxer und den Bergarbeiterchor. Der Gedanke ist, Menschen, die bisher nichts miteinander zu tun hatten, die komplett aus anderen Generationen, aus anderen Lebenszusammenhängen, aus anderen Schichten kommen, etwas zusammen machen zu lassen. Das heißt nicht, dass sie nebeneinanderstehen, sondern gemeinsam auf der Bühne. Der 20jährige Beatboxer könnte dann einen Beat für den Bergarbeiterchor vorgeben, wo die Sänger zwischen 65 und 80 Jahre alt sind. Die Spannungen, die dadurch entstehen, das ist es, was wir reizvoll finden.
Vor der Schüppe ist es duster, was soll uns die Rückbesinnung für die Zukunft helfen?
Ganz einfach: Kein Mensch kann sagen, wohin wir gehen sollen, wenn niemand weiß, wo er herkommt. In Dortmund sind es eben fast 26 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Eine Stadt also, die aus sehr vielen unterschiedlichen Wurzeln gespeist ist. Wir überlegen, was heute hier ist oder 2050 hier sein kann. Aber man kann nur ein Bild der Zukunft entwickeln, wenn man versucht zu reflektieren, woher alle kommen, und unter Umständen auch zu reflektieren, warum die Eltern hierher gekommen sind, und was sie damals hier wollten. Das ist also keine romantische Rückschau, sondern eigentlich ein Versuch zu beschreiben, was Dortmund sein kann, in gewisser Weise auch eine Art Abgleich.
Kehren wir verändert von der Begegnung mit den Toten zurück?
Wir wollen es hoffen. Es gibt einen schönen Satz von Walter Benjamin: „Der Engel möchte wohl verweilen und das Zerschlagene zusammenfügen“. Es geht darum, einen Blick zurück zu wagen in die Geschichte, und auch danach zu fragen, was hat nicht geklappt. Zu fragen, welche Stimmen sind eigentlich untergegangen, welche Stimmen haben eigentlich keine Geschichte? Denen wollen wir zu einer Art Recht verhelfen und ihnen sagen: Diese Kulturinstitutionen, die Theater und speziell jetzt das Schauspiel Dortmund sind Orte, an denen auch eure Geschichten mitverhandelt werden, weil ihr Teil unserer Stadt seid und Teil unserer Geschichte. Wir machen daraus kein Nischenprojekt, wir geben die große Bühne und viel Geld, weil wir an dieses Projekt und diese Arbeit glauben.
„heimat unter erde“ I Sa, 22.1., 19.30 Uhr
Theater Dortmund I 0231 502 72 22
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