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Foto: Irma Flesch

Wasser an den Kanal tragen

30. September 2010

Leben im Ruhrgebiet kann auch mal schwierig sein - Magenbitter 10/10

Schlanke Linien, hoher Freibord, klassischer Riss, eine tolle Segelyacht. Da steht sie, dieses Fortbewegungsmittel für die sieben Weltmeere, von dem ich immer geträumt habe, das ich mir komischerweise nie leisten konnte. Irgendwie war immer Not und irgendwas immer wichtiger. Aber der Apotheker um die Ecke hat natürlich ein Schiff, ein Bekannter sogar eins geerbt, na toll. Obwohl keine Erbschaft oder Lottogewinn zu erwarten ist, wollte ich meinem Traum wenigstens etwas näherkommen und studierte schon mal aufmerksam die Gebrauchtbörsen und wurde fündig, siehe oben, schlanke Linien und so weiter. Natürlich kein Neues, aber brauchbar, reparierbar, finanzierbar. Eine Vision entglitt tatsächlich langsam der Unschärfe. Und das Ruhrgebiet wirbt doch auch mit neuen Marinas. Herne, Duisburg, Oberhausen. Ganze 250 Kilometer schiffbare Wasserwege durchziehen das Revier, Werbeslogan: Das Ruhrgebiet ist gerüstet für Skipper und ihre Boote. So weit, so gut. Erwartungsfroh im Internet auf den Button „SportbootRevier“ gedrückt – und bei der Zeche Zollverein und der Kulturhauptstadt gelandet. Hier soll ich nun eine Reise in die Metropole buchen oder den Local Hero der Woche besuchen. Sind da etwa Wattwürmer im Netz? Auch die Infos über Hafenliegeplätze, jetzt direkt gegoogelt, hinterlassen einen faden Beigeschmack. Warum ist das Ruhrgebiet teurer als die Ostsee? Gibt es tatsächlich keine Alternative zum niederländischen Nachbarland? Und wozu brauche ich dann das 250 Kilometer Kanalnetz? Nach Zollverein komme ich auch mit dem Fahrrad.
Will ich hier überhaupt wohnen? Ist das die Zukunft? Gibt es ein Leben nach dem Liegeplatz, und wie wohnt eigentlich das Ruhrgebiet? Hauptsache wohl an der A40, besser bekannt als der ruhende Ruhrschnellweg. Hier findet das urbane Leben statt. Heute mal in Dortmund ins Theater, morgen schon nach Duisburg in den Innenhafen. Und preiswert ist die Metropole wie die Liegeplätze. Ein Beispiel: Mit der S-Bahn in Berlin quer durch die Stadt von Reinickendorf nach Schönefeld kostet 2,80 Euro. Eine ähnliche Strecke von Duisburg nach Bochum 9,20 Euro. Warum ist das so, wenn man doch nach Europas Hauptstädten schielt, über 200 Museen, 100 Kulturzentren, 100 Konzertsäle, 120 Theater, 250 Festivals und Feste, 3.500 Industriedenkmäler und 3 große Musicaltheater verfügt? Machen die Bewohner hier was falsch? Zugegeben, nicht jeder möchte auf seinem Dampfer im Hafen dümpeln, nicht jeder ständig quer durch die Industriekultur-Region reisen, und dennoch, statt Hochkultur und Techno mortale wäre es vielleicht sinniger, die täglichen Lebensumstände der Bewohner zu verbessern. Jetzt wo klar ist, dass die Kulturhauptstadtmacher mit ihren 62 Millionen Euro auskommen, die ja auch noch für 2011 reichen sollen, scheint die dramaturgische Aufwertung der Kommunen am notwendigsten. Den ÖPNV hab ich längst verdrängt. Und mein Schiff? Ist längst an jemand anderen verkauft, der Traum wieder nebelig. Valium her. Mein Apotheker grinst höhnisch.


Peter Ortmann

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