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Am Rande des Wahnsinns
Foto: Birgit Hupfeld

Wahnsinn, Rausch …

„Naked Lenz“ am Dortmunder Schauspiel – Theater Ruhr 01/12

Sie müssen schon eine Menge dieser Texte gelesen haben – jene von „Dschordsch Bie“, dem Autor, dessen Texte Hirntumoren und Halluzinationen auslösen. Wie anders wäre es zu erklären, dass die beiden eigenartigen Geheimagenten sich in Textschleifen unterhalten?

Besser man stellt sich keine so rationalen Fragen bei Martin Laberenz‘ neuer Produktion am Schauspiel Dortmund. Einen inhaltlichen roten Faden, geschweige denn echte Handlungsstränge hat „Naked Lenz“ nämlich nicht zu bieten. Der nackte Lenz ist 90 Minuten Wahnsinn, Rausch und Rock’n‘Roll – oder besser: Beat. Denn „Naked Lenz“ klingt nicht von ungefähr so ähnlich wie „Naked Lunch“, das Hauptwerk des Beat-Generation-Schriftstellers William S. Burroughs. Der collagenhafte Drogen-Roman von 1959 galt gut 30 Jahre lang als szenisch nicht umsetzbar, bis David Cronenberg ihn 1991 doch noch auf die Kino-Leinwand brachte, indem er sich der Entstehungsgeschichte des Buchs als Handlungsgerüst bediente.

Was Laberenz nun geschrieben und auf die Dortmunder Studiobühne gebracht hat, bezieht sich auf Burroughs‘ Text, Cronenbergs filmische Umsetzung, Georg Büchners (also „Dschordsch Bies“) Erzählung „Lenz“, in der der Dichter Jakob Lenz seinen Verstand verliert, und einen weiteren Cronenberg-Film, „Videodrome“, in dem ein Fernsehprogramm Hirntumoren und Halluzinationen auslöst. Das ist reichlich viel, reichlich schräges Material – so viel und so schräg, dass es einer längeren Vorlesung bedürfte, den Zuschauer mit allen Bezügen auch nur annähernd vertraut zu machen. Und daran krankt das Stück denn auch. Laberenz hat eine überdrehte Collage entworfen, die dem intimen Kenner des Ausgangsmaterials einige Freude bereiten mag, dem weniger Versierten aber überwiegend ziemlich gaga erscheinen muss.

Und weil es der Regisseur verständlicherweise mit Cronenbergs Bildgewalt nicht aufnehmen will, müssen die Schauspieler für ihn die ganze Show reißen: tatsächlich nackt in einigen Szenen und mit geradezu ekstatischem Einsatz. Laberenz lässt sein achtköpfiges Ensemble den gesamten Studio-Raum bespielen. Das Publikum bekommt keine Sitzplätze und hat dem Stück auch körperlich zu folgen. Theoretisch ein reizvolles Konzept, aber es scheitert an der Praxis. Wer sich nicht immer wieder nach vorn drängeln will, der erlebt teilweise nur ein Hörspiel.

„Naked Lenz“ I So 8.1., 18.30 Uhr I Theater Dortmund (Studio) I 0231 502 72 22

KARSTEN MARK

Tags: Theater Dortmund

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