Mit ihrem dritten Album weiß M.I.A. wieder mal geschickt, die Medienwelt aufzurühren. Das zehnminütige „Born free“-Video wurde von You Tube zensiert, das Album wirkt wie ein Anschlag auf die Popwelt: Denn obwohl man auf „/\/\ /\ Y /\“ (sprich: MAYA) poppige Tunes mit Autotune-Vocals findet, herrscht ununterbrochen hypernervöse Stimmung. Systematisch liegt Noise zwischen den Beats, der M.I.A.s politische Haltung aggressiv unterstreicht. Dazu wieder ein irres CD-Cover (XL). M.I.A. hat ihre englische Heimat inzwischen gegen die ganze Welt eingetauscht. Was in UK gerade abgeht, sagt einem Kode 9 auf seinem DJ-Kicks-Mix. Einiges tut sich da, seit Dubstep und Grime wieder mit Garage und House kurzgeschlossen wurden. Das poppige Ende heißt UK Funky, ein experimentelles Ende gibt es nicht, denn höchst freigeistig und vielseitig geht es hier zu (!K7). Pivot heißen jetzt PVT, ihr neues Album heißt „Church with no Magic“, und ihr Sound ist deutlich rabiater geworden: verzerrte Bässe, knarzende Old School-Synthies und neuerdings auch Gesang führen zu einem rockigen Soundbild und schaffen es dennoch immer wieder, einen experimentellen Grundton zu bewahren (Warp). Narrow Bridges ist ein neues Projekt von Alex Paulick, bekannt als eine Hälfte des Electronic Pop-Duos Coloma. Zusammen mit der Sängerin Min Stiller hat er in Buenos Aires und Berlin das Debüt „Degree of Separation“ aufgenommen. Mit vielen Gästen, darunter Sebastian Vogel von Kante, entstanden zehn schlicht anmutende und dennoch komplexe Stücke mit teils klassizistischem Anstrich (Alesque). Der 16jährige Mike Hadreas alias Perfume Genius lebt angeblich noch bei seiner Mutter. Tatsächlich kann man sich gut vorstellen, wie ein sensibler Jüngling mit Klavier und hoher Stimme in seinem Zimmer die wunderschönen, fragilen Songs komponiert. „Learning“ heißt sein Debüt, das aber schon relativ ausgereift klingt (Matador). „Shangaan Electro“ ist eine Fortführung des Shangaan Disco, der in den 80er und 90er Jahren in Soweto populär war. Produzent Nozinja hat vor fünf Jahren die Geschwindigkeit auf Drum‘n‘Bass-Level gehoben und gleichzeitig die Sounds folklorisiert. Die kommen zwar aus dem Synthesizer, klingen aber nach Percussion und Marimba. Die Vocals sind nicht Rap oder R‘n‘B, sondern afrikanische Gesänge. Dazu tanzen die Fans, als hätten sie Gummiknochen. Die Tshetsha Boys treten außerdem mit irren Clownsmasken auf. Eine Art Tribal-Version von Ghetto Bass oder Baile Funk. Musik wie von einem anderen Stern (Honest Jons). 35 Jahre früher: „Afro-Beat Airways“ präsentiert Funk der 70er Jahre aus Ghana und Togo. Vielleicht hätten sie mit diesem großartigen Soundtrack im Ohr mehr Erfolg bei der WM gehabt, wer weiß. Energie und Schönheit der Musik sind jedenfalls hochgradig ansteckend (Analog Africa). Avantgarde-Rock aus Deutschland hieß in den 70er Jahren Krautrock. Zu den extremsten Vertretern zählten Faust, die es inzwischen wieder gibt – sogar gleich zweimal, weil nach einem Split beide Teile den Namen behalten haben. Anfang der 70er haben sie für aufregende Musik zwischen Song und Improvisation, Klang und Krach gesorgt. Die ersten beiden Alben – das selbstbetitelte Debüt von 1971 und „Faust so far“ von 1972 – werden nun in elegantem Design als LP und CD wiederveröffentlicht (Universal). Außerdem gibt es mit „Faust Live / Klangbad“ eine DVD, die zwei Filme vereint: Einen Konzertfilm von 2005 und eine Doku über das von Fausts Hans Joachim Irmler organisierte Avantgarde-Festival „Klangbad“ (Play loud!).
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