Essen, 13. Mai - Ilona, Olga, Alesja, Tatjana und Zhenja – fünf Frauen, die wie die Regisseurin Katja Fedulova nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland kamen, um hier ihr Glück zu suchen. Was ist seit den gemeinsamen Tagen in Kiel aus ihnen geworden? Konnten sie ihre Träume verwirklichen? So unterschiedlich die einzelnen Biographien ausfallen, so sehr scheint sie doch zu verbinden, was sich im Film erst nach und nach herauskristallisiert, im Überblick und im Vergleich: ein unglaublich hoher Selbstanspruch, ein Wertesystem, das von Fleiß, Leistung und Erfolg geprägt ist. Diese Frauen setzten sich selbst enorm unter Druck.
Anliegen und Ansatz der Filmemacherin sind nachvollziehbar, doch wie lässt sich das diffuse Gefühl beschreiben, dass sich einstellt, je länger man ihr und ihren Freundinnen zusieht und zuhört? Unverständnis, Irritation, Wut? Als eindeutige Sympathieträgerinnen kann man die Protagonistinnen jedenfalls nicht bezeichnen. Allzu oberflächlich wirken die Themen, an die die Frauen ihr persönliches Glück knüpfen.
Da ist zum Beispiel die ehemalige Musikstudentin Ilona. Heute ist sie verbeamtete Lehrerin in Hamburg – etwas, das nicht viele Nicht-Muttersprachler schaffen, wie sie selbst betont. Doch die Schule geht ihr auf die Nerven und überhaupt: Wollte sie nicht viel höher hinaus? Woher der ungemeine Ehrgeiz rührt, wird in einer späteren Szene klar: Im Gespräch mit ihrer Mutter wird diese stolze Frau ganz klein. Verständlicherweise, denn das Urteil fällt hart aus: die Tochter habe versagt und vergeude ihr Leben in Deutschland. Wenn sie nur wollte, könnte sie längst Kultursenatorin oder dergleichen sein. Olga wiederum, die inzwischen in Italien wohnt, geht völlig in der Rolle als Ehefrau und Mutter auf. Ihr Integrationswille treibt mitunter so absurde Blüten, dass sie gegen Überfremdung und Ausländer wettert. Neben Regisseurin Katja Fedulova, die sich selbst nicht ausklammert, sondern im Vergleich mit den ehemaligen Freundinnen eine Art Selbstbefragung vornimmt, scheint vor allem die Künstlerin Alesja aus dem Rahmen zu fallen. Oder hat der Druck, der auf ihr lastet, einfach andere Spuren hinterlassen? Alesja versucht, ihre Alkoholsucht zu bekämpfen.
Ist das ein korrektes Bild, das Fedulova hier von russischen Frauen zeichnet? Diese Frage stand am Anfang des Publikumsgesprächs. Bevor man sich aber differenzierten Analysen widmen konnte, richtete sich der Unmut einer Zuschauerin gegen die Filmemacherin. Diese habe eine einseitige Perspektive gewählt, sie spiele mit Vorurteilen und Klischees, das sei gefährlich. Katja Fedulova reagierte gefasst auf diesen Vorwurf, ihr sei klar, dass sie polarisiere. Es sei ihr nicht darum gegangen, die Zuschauer zu verärgern oder ihre Protagonistinnen bloßzustellen. Im Gegenteil: sie wollte aufzeigen, warum sich die Freundinnen so verhalten. Sie wollte den Ursachen auf den Grund gehen. Und wenn „Glücksritterinnen“ beim Essener Publikum auch durchaus ambivalente Reaktionen hervorrief, so fanden die allermeisten wohl doch, dass ihr dies gelungen ist.
Ohne die Vergangenheit ist die Gegenwart nicht zu begreifen. Ilona, Olga, Alesja, Tatjana und Zhenja kann man erst in der Auseinandersetzung mit ihren Müttern verstehen. Katja Fedulova erzählt die Geschichte von jungen Frauen der Perestroika-Generation, die sich völlig neu orientieren und zwischen zwei politischen Systemen ihren Weg finden mussten. Die Freundinnnen wuchsen alle ohne Vater auf, ihre Mütter waren sehr starke Frauen, berufstätig, leistungsstark und unabhängig. Für ihre Töchter sind sie damit zugleich Vorbild und Fluch gewesen. Mit der steten Angst im Rücken, die eigene Mutter maßlos zu enttäuschen, wie soll man sich da selbst keinen Druck machen?
Dass es dem Film gelingt, diese Strukturen und Abhängigkeiten aufzuzeigen, dafür wurde die Regisseurin dann doch noch gelobt. „Glücksritterinnen“ sei ein hoch sensibler Film, stellte eine Zuschauerin abschließend fest.
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