Der Dezember ist für mich eine angeschneite Mischung aus Mutter Theresa und Paris Hilton. Er ist Theresa Hilton, die monatgewordene Manifestation von schrillem Schein und wahrer Wohltat. Er ist ein einziges Fest und ein eisiger Frost; mehr noch, der Dezember ist Zuckerwatte und Zahnarzt in einem.
Draußen wird es kälter, was sich positiv auf meine Formulierfreude auswirkt, da ich mehr Zeit damit verbringe, kunstvoll Prädikat an Nomen zu löten. Ich war nicht mehr draußen, seit der Pool im Garten meines Herrenhauses mit einer puckdicken Eisschicht überzogen ist. Das sind 2,54 Zentimeter, habe ich gerade im Regelbuch des deutschen Eishockeyverbandes nachgeschlagen. Ansonsten besitze ich übrigens keine Bücher, sondern nur Heftchen.
In Heftchen stehen nämlich gloriosere Sätze. Nehmen wir das Monatsmagazin der Deutschen Bahn, das „mobil“. Da las ich vor kurzem in einem Artikel über Uhrmacher folgende Passage: „Die Dings und Dongs sind eine Freude für den Benutzer, aber eine Qual für jeden Uhrmacher. Die Repetition ist für ihn das, was der Mount Everest für einen Bergsteiger bedeutet: der schmerzhafte Gipfel der Gefühle.“
Ich bin mir sicher, wenn man diesen Satz in ein Romanmanuskript schreibt und an einen Verlag schickt, erfüllt man damit den Tatbestand des versuchten Lektorenmordes. Ich höre schon die zynischen Dings und Dongs der Glocken in der Friedhofskapelle, während sich draußen die Totengräber mit dem hartgefrorenen Dezemberboden abmühen.
Nach Feierabend würden sie nichts lieber tun, als zum Farbausgleich auf die Kirmes zu gehen, aber die findet witterungsbedingt nicht statt. Weil jedoch die Straßen so glatt sind, rutschen sie einfach, statt Autoscooter zu fahren, mit ihrem Leichenwagen gegen einen neonbunten Twingo. Es ist das witterungsbedingte Twingo-Rutschen der Leichenwagen, das dem Dezember seinen spröden Reiz verleiht und ihn zum schmerzhaften Gipfel der Gefühle macht.
Noch schöner wäre es, wenn man ein Feuerwehrauto auf Blitzeis ganz langsam in ein brennendes Streufahrzeug rutschen sieht. Die allerschönste Vorstellung bleibt jedoch ein Pantomime, der Leuten auf der Straße alles nachmacht und plötzlich einen zweiten Pantomimen trifft, der dasselbe tut. Dann müssen sie sich gegenseitig nachmachen, wie sie sich nachmachen, wie sie sich nachmachen und geraten in eine Art ewigen Loop. Einen sogenannten Pantoloop. Das kann aber auch im Sommer passieren.
Vielleicht kann mir ja mal jemand einen Leserbrief schreiben und mir erklären, warum Pantomimen immer schwarz-weiß gestreift sind. Was ist der teuflische Plan, der sie bewegt, die stummen Zebras unter den Kleinkünstlern zu sein?
(Die folgende Überleitung ist schlecht, aber das ist künstlerische Freiheit.)
Schwarz auf Weiß fand ich auch die folgende Schlagzeile in der Marburger Neuen Zeitung: „Spritpreis bremst Tanklust“.
Das klingt erst mal völlig unverdächtig. Aber was ist denn bitte „Tanklust“?
Wie habe ich mir das vorzustellen?
Ein Ehepaar fährt so im Auto umher, und plötzlich sagt der Mann:
„Du, Monika, wir haben noch ziemlich viel Benzin, aber ich fahr jetzt trotzdem mal zur Tankstelle!“
„Warum denn, Eckhart?“
„Na, ich hab so Tanklust …“
Was kommt denn da als nächstes? Die Zahnarztlaune? Der Mordsspaß? Die Bombenstimmung?
Das ist doch alles Quatsch. Ich will ja nicht verleugnen, dass mich am Wochenende gelegentlich die Tanklust packt, aber dann ist das nicht mein Auto, das da Durst hat. Und ich lass mich leider auch nicht vom Spritpreis bremsen. Das Fatale am Kneipenbesuch ist, dass mit jedem Bier die Bedenken, noch ein weiteres zu trinken, in demselben Maß zunehmen wie die Betrunkenheit, die einen dazu bringt, diese Bedenken auszublenden. Das ist auch so eine Art Pantoloop. Gilt übrigens auch bei Weihnachtsfeiern im Betrieb.
Irgendwann ist man so voll, dass man, auf den vereisten Straßen nach Hause torkelnd, Bewegungen vollführt, die selbst den kühnsten Imitatoren in die schwarzweißen Schranken weisen. Beschämt verstecken sich die Pantomimen auf den Zebrastreifen der Stadt und warten ab, bis im Frühling die Dongs und Dings der Osterglocken erklingen und die ersten Twingos sprießen.
Wenn wir das finstere Tal durchschritten und uns an Plätzchen und Braten getröstet haben (Psalm 23) und im Frühling mal was ganz Exotisches erleben wollen, dann empfehle ich das Freilichtmuseum Bad Sobernheim. Dort macht man Werbung damit, dass man „seltene Haustierrassen hautnah erleben“ kann. Bezaubernd ist die dann folgende Liste der seltenen Haustiere: „Ziegen, Schafe, Rinder, Pferde, Hunde und Geflügel“.
Die Macher dieser Werbung leben bestimmt exotischerweise in Häusern, und wenn sie mal ganz crazy drauf sind, dann fahren sie Fahrrad. Abends sitzen sie beim Abendbrot oder gucken sogar Fernsehen, die Verrückten. Über ihrem Kamin hängt ein Poster von Theresa Hilton, und im Dezember sagen sie denkwürdige Sätze wie: „Ist kalt draußen“ oder „Ich mag Plätzchen.“
Am Wochenende packt sie dann die Tanklust, und sie überziehen ihr Fahrrad mit vorwurfsvollen Blicken.
Man muss aufpassen, dass man nicht in einen solchen Alltags-Kreislauf gerät, sonst wundert man sich demnächst tatsächlich über einen Hund. Oder einen Baum.
Also: lieber nicht immer das Gleiche machen, denn sonst wird die Repetition für euch der schmerzhafte Gipfel der Gefühle.
Denkt immer an den Pantoloop!

Tags: Poetry
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