Roberto Ciulli zelebriert das entschleunigte Theater. „Kaos“ ist eine traumwandlerische Auseinandersetzung mit Motiven und Texten von Luigi Pirandello (1867-1936), der vor hundert Jahren den Versuch unternahm, nicht nur das italienische Theater neu zu definieren, indem er die Einbildungskraft analysierte und dann die Zuschauer seiner Stücke in ein Gespinst aus Assoziation und Verwunderung zog.
Am Theater an der Ruhr beginnt alles mit dem Text, der nicht gesprochen wird, einem Buch entspringt und nur im Kopf der Leserin auf der Bühne existiert. Ciulli choreografiert den Vorgang des Lesens als Trennung zwischen Kopf und Körper: Während das Gehirn die Bilder für die angespannte Leserin erzeugt, scheint der Körper fast ein Eigenleben zu führen, wandert auf der Stuhlfläche hin und her, kriecht über den Boden, streckt und verrenkt sich, bis die Figuren aus dem Buch aus dem Schatten treten, während die Leserin schläft. Kein Laut ist zu hören während der ersten Minuten im kleinen Theater, nicht auf der Bühne, nicht im Zuschauerraum, so stark ist die Imagination. Im zweiten Bild sitzen vier Männer auf sechs Stühlen. Auch sie sprechen kein Wort, aber sie agieren, mit Bewegungen, die nicht eindeutig zu benennen sind, die immer hastiger werden, die sie zu Boden werfen oder erstarren lassen. Es folgt das Ritual der täglichen Verrichtung. Die Männer in weißer Unterwäsche rasieren sich, knoten die Hemden zu Umhängen, doch die Handlung wird von den zwanghaften Arbeiten durchbrochen. Den ersten Text haben drei Frauen, die anschließend auf den Stühlen sitzen. „Aus mir hätte ein Kunstwerk werden können“ sagt eine und schleudert sich Puder ins Gesicht. Viel Schminke und fahrige Bewegungen: Diese Frauen altern im Minutentakt, schleppen sich über die Bühne, kehren zurück, verwandeln sich in maskenhafte Huren, während hinten die Männer bereits auf der sündigen Meile flanieren. Was wären die Körper ohne ihre Befindlichkeit?
Roberto Ciulli arbeitet in „Kaos“ mit der Improvisation der Themen, die Pirandello Zeit seines Lebens beschäftigt haben. Von der Melancholie des Daseins, das auch Tanzen bis zum Umfallen bedeuten kann, zeigt er Bilder voller Transparenz und Undeutbarkeit. Ein magischer Abend.
„Kaos“ I Mi 16.11., 19.30 Uhr I Theater an der Ruhr, Mülheim I Karten: 0208 599 01 88
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